Evakuierung zu spät angeordnet
Eine Woche nach dem Schiffsunglück vor der italienischen Insel Giglio sind neue Telefonmitschnitte und Aufnahmen aufgetaucht, die zeigen, wie sehr die Besatzung der „Costa Concordia“ das Unglück herunterspielte. Als bereits Wasser in das Schiff eintrat, sollen Crewmitglieder die Passagiere noch in ihre Kabinen zurückgeschickt haben, zeigt etwa ein in italienischen Medien verbreitetes Amateurvideo.
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„Alles ist unter Kontrolle, kehren Sie zu den Kabinen zurück oder gehen Sie in der Halle spazieren, wenn Sie wollen“, sagt ein Besatzungsmitglied rund 40 Minuten nach dem Aufprall des Schiffs in dem vom TV-Sender RAI News 24 verbreiteten Video. „Wir werden das elektrische Problem, das wir mit dem Generator haben, lösen. Alles wird in Ordnung sein“, wandte sich eine Mitarbeiterin der Crew offenbar im Auftrag des Kapitäns Francesco Schettino an die Passagiere.
„Nur ein Stromausfall“
Ein weiterer Beweis, dass zu spät eine Evakuierung angeordnet wurde, ist auch ein neu veröffentlichter Mitschnitt eines Telefonats, das eines der Crewmitglieder, wahrscheinlich sogar „Concordia“-Kapitän Schettino selbst, mit einem Mitarbeiter der Hafenbehörde rund 30 Minuten nach dem Auffahren des Kreuzfahrtschiffs auf einen Felsen führte. Dem Gespräch zufolge soll es sich laut dem Besatzungsmitglied „nur um einen Stromausfall“ gehandelt haben. Zu diesem Zeitpunkt stand aber der Maschinenraum bereits unter Wasser.
Die Hafenbehörde war bereits von einem Verwandten eines Crewmitglieds informiert worden, dass Passagiere während des Abendessens Gegenstände auf den Kopf gefallen seien. Das Crewmitglied hingegen beharrte in dem Telefonat darauf: „Wir überprüfen, was es mit dem Stromausfall auf sich hat.“ Es dauerte fast eine weitere Stunde, bis das Evakuierungssignal gegeben wurde, berichtete der „Spiegel“.
Reederei wollte „kleines Leck“ schließen
Offenbar hatte auch die Reederei das Ausmaß der Katastrophe nicht verstanden. Einem Bericht der Zeitung „Corriere della Sera“ zufolge informierte die Reederei Costa Crociere eine auf Unterwasserarbeiten an Schiffen spezialisierte Firma über ein „kleines Leck“ am Schiff. Zu dieser Zeit, gegen 23.30 Uhr, war die „Costa Concordia“ bereits gekentert, der Rumpf auf rund 70 Metern aufgeschlitzt.
Schettino muss gehen
Die Reederei suspendierte mittlerweile Schettino mit sofortiger Wirkung vom Dienst. Das Genueser Unternehmen werde ihn auch nicht verteidigen, sagte Costas Anwalt Marco de Luca nach Angaben der Nachrichtenagentur ANSA. Costa Crociere sehe sich selbst als geschädigt an. Schettino werden mehrfache fahrlässige Körperverletzung, Havarie und Verlassen des Schiffes während der Evakuierung vorgeworfen. Bei einer Verurteilung drohen ihm bis zu 15 Jahre Haft.
In etwa zehn Tagen sollen zudem toxikologische Untersuchungen abgeschlossen sein, die Aufschluss über einen möglichen Drogenkonsum des Kapitäns geben. Das wurde aus Justizkreisen in Grosseto bekannt. Ausgeschlossen scheine es, dass Schettino während der Havarie betrunken war, hieß es. Der 52-Jährige steht unter Hausarrest. Freunde verteidigten ihn. Sie forderten, Schettino nicht länger an den Pranger zu stellen.
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