„Gerechtigkeit wird siegen“
Während die USA ihre letzten Soldaten aus dem Irak abgezogen haben, ist im Dezember ein erster historischer Rückblick auf jene Ära der US-Außenpolitik in die Kinos gekommen, die man als „War on Terror“ zusammenfassen kann. Das ist auch der Titel der Dokumentation von Sebastian J. F.
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Der ehemalige US-Präsident George W. Bush hat „den Terroristen“ und allen potenziellen Unterstützern, die er und das eingeschworene Team rund um Vizepräsident Dick Cheney ausmachen konnten oder wollten, bereits kurz nach den Anschlägen des 11. September 2001 den Krieg erklärt. Stets leitete er seine kriegerischen Ansagen mit „Make no mistake“ ein, frei übersetzt: „Täuscht Euch nicht in uns.“ Die USA, so Bush, seien zu allem bereit.
Prävention und Rache, beides nannte er in seinen Reden als Motivation für das, was folgen sollte. Und diesen Folgen widmet sich die Dokumentation des Österreichers Sebastian J. F. („War on Drugs“, „Info Wars“). Die erste Überraschung dabei ist: Es sind rezente Erinnerungen, und dennoch kann man sich ihnen scheinbar erstmals mit einer gewissen Distanz zuwenden. Das macht den Weg frei für eine Betrachtung, die nicht durch die (wenn auch meist gerechtfertigte) skandalgeschwängerte Atmosphäre der tagesaktuellen Berichterstattung verzerrt wird.

Reuters/Denis Balibouse
Manfred Nowak: Folter als System
Folter - durch nichts zu rechtfertigen
Nur ab und zu im Musikvideostil eingespielte Sequenzen dürfen als künstlerischer Kommentar gelesen werden. Im Fokus stehen bei „War on Terror“ die fragwürdige Begründung für den Einmarsch im Irak, der Einsatz von Folter in Guantanamo und in Geheimgefängnissen sowie die Legitimierung der Folter und schließlich der Einsatz von Drohnen. Der Regisseur beleuchtet dabei immer vier Akteure - die US-Politik, Soldaten, Opfer und Medien. Als Interviewpartner stehen ihm unter anderem Angehörige der US-Armee, die unabhängige US-Journalistin Amy Goodman, Guantanamo-Opfer Murat Kurnaz und der österreichische Völkerrechtler Manfred Nowak zur Verfügung.
Nowak war von 2004 bis 2010 UNO-Sonderberichterstatter für Folter. Er stellt in ruhigen Worten klar, was auch schon damals jeder wissen musste: Laut internationalem Recht ist Folter durch nichts zu rechtfertigen und jedenfalls illegal. Eine Regierung, die sie billigt oder fördert, macht sich strafbar - ohne Wenn und Aber. Zahlreiche Gefangene landeten in illegalen Gefängnissen, die auf dem ganzen Globus verteilt waren, und viele endeten ohne Anklage in Guantanamo, einem vermeintlich rechtsfreien Raum. Folter stand an der Tagesordnung.

AP/Fox News
Fox News: Der Krieg als Fernsehspektakel
„Unsere Trauer wurde zu Zorn“
George W. Bush und sein Umfeld jedoch waren unbeirrbar - vom 11. September an bis zu ihrem Abtreten. Der Präsident sparte nie mit markigen Sprüchen: „Jede Nation muss eine Entscheidung treffen. Entweder seid ihr mit uns oder mit den Terroristen.“ Oder: „Unsere Trauer wurde zu Zorn.“ Und: „Gerechtigkeit wird siegen.“ Bereitwillig gaben die Medien solche Propagandasprüche weiter und stützten sie mit Interviews. CNN, NBC, allen voran Fox News: Sie alle berichteten martialisch vom „Showdown Irak“, ihre eingebetteten Journalisten konnten nur das weitergeben, was ihnen an Informationen von der US-Armee zur Verfügung gestellt wurde.

AP/Weißes Haus/Tina Hager
Bush, hier mit einem Fox-News-Reporter: „Gerechtigkeit wird siegen“
Anderes hatten die Opfer des „War on Terror“ zu berichten, wie etwa der in Deutschland aufgewachsene Türke Murat Kurnaz, der 2001 in Pakistan bei einer Routinekontrolle verhaftet wurde. Für Terrorverdächtige wurde ein Kopfgeld von 3.000 Dollar gezahlt. Sie hängten ihn tagelang an den Händen auf, damit er ein Geständnis unterschrieb. Er weigerte sich trotz der Folter und wurde nach Guantanamo ausgeliefert, wo er jahrelang festgehalten und weiterhin gefoltert wurde.

AP/Hyperion Press/Michael Keel
US-Journalistin Amy Goodman: Folter wie im Action-Fernsehen
Das „Jack Bauer“-Syndrom der US-Soldaten
Immer wieder wird in „War on Terror“ die Frage erörtert, ob das Retten von Menschenleben Folter rechtfertigt. Viele Soldaten, wird von unterschiedlichen Beobachtern bestätigt, seien von der Fernsehserie „24“ beeinflusst gewesen, wo der Agent Jack Bauer die Welt rettet, indem er Verdächtige foltert. Auch die politisch Verantwortlichen argumentierten so. Doch die Wahrheit war eine andere. So sprach etwa ein Al-Kaida-Anführer von einer Verbindung der Terrororganisation zum irakischen Regime, was als Legitimation für den US-Angriff herangezogen wurde. Doch seine Aussagen erwiesen sich später als falsch.
Folter, heißt es an einer Stelle, ist vor allem dafür gut, die Gefolterten dazu zu bringen, das zu sagen, was man hören will. Und genannt werden auch die Theoretiker der Folter: Juristen, die sie als rechtmäßig erklärten, und Psychologen, die sich auf das Perfektionieren der umstrittenen „Befragungsmethoden“ spezialisiert hatten, die es im Grunde fast alle in ähnlicher Form schon zu Zeiten der Inquisition gab. Historische Bilder werden Fotos aus Abu Ghoraib und Guantanamo gegenübergestellt - die Ähnlichkeiten sind schockierend.

AP/CNN/US-Verteidigungsministerium
Der Krieg als Computerspiel - mit dem Unterschied, dass Menschen sterben
Der Krieg als Computerspiel
Der Krieg wurde auch zum vermeintlichen Computerspiel - vom Hubschrauber oder von Drohnen aus. Man kennt die schwarz-weißen oder grün eingefärbten Bilder aus der Vogelperspektive mit dem Fadenkreuz. In „War on Terror“ hört man dazu auch die Stimmen der Männer an den Abschussvorrichtungen, die mit ihren Vorgesetzten sprechen. Ohne Emotion, abgesehen von einer zur Schau getragenen Lust am Abschuss, wird der richtige Zeitpunkt besprochen und dann abgedrückt, bis es heißt: „Ich hab’ ihn.“ Kollateralschäden und irrtümlich getötete Zivilisten werden zuhauf in Kauf genommen.
Interessant sind an „War on Terror“ der Gesamtüberblick und die historische Perspektive, auch, wenn die Fakten nicht neu und noch gut in Erinnerung sind. J.F. ist eine kritische, aber nicht polemische Dokumentation gelungen. Das ist in erster Linie seinen durchwegs seriösen Gesprächspartnern zu danken. Und J.F. zeigt noch etwas eindrucksvoll: dass auch dieser Krieg, mehr noch als der Golfkrieg unter George Bush sen., ein Krieg der Bilder war. So wird man den „War on Terror“ später in Geschichtsbüchern wiederfinden.
Simon Hadler, ORF.at
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