„Träumen, staunen, lächeln"
Seine „Dunkelgrauen Lieder“ sind bei der „Gänsehautnah“-Tour in diesem Jahr zum letzten Mal live erklungen: In der Nacht auf Donnerstag ist der österreichische Sänger und Schauspieler Ludwig Hirsch im Alter von 65 Jahren verstorben. Die Polizei geht von Selbstmord aus. Hirsch war unter einem Fenster des Wiener Wilhelminenspitals gefunden worden, wo er sich in Behandlung befunden haben soll.
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Tief betroffen vom Ableben des zuletzt schwer kranken Musikers zeigte sich dessen langjähriger Manager Karl Scheibmaier. „Es ist jemand von uns gegangen, der für mich einer der größten Künstler der vergangenen 70 Jahre war. Ludwig Hirsch hat Sachen niedergeschrieben, die niemand sonst gemacht hat.“ Scheibmaier strich auch Hirschs Poesie und dessen Mut hervor, „Sachen von der Bühne runter zu sagen“, die zu sagen sonst kaum jemand gewagt habe.
„Ludwig Hirsch hat an den Wänden gekratzt, um dahinter zu schauen, was los ist“, so der Manager, der aber auch Hirsch als private Persönlichkeit sehr zu schätzen wusste. „Er ist in meinem Leben jemand gewesen, der von einer ungeheuren Zärtlichkeit war - auch anderen gegenüber. Auf den Tourneen hatte man das Gefühl einer großen Familie.“ Zuletzt habe Hirsch mit dem deutschen Regisseur Joseph Vilsmaier an einem Film gearbeitet. Das Projekt unter dem Arbeitstitel „Es lebe der Zentralfriedhof“ sei aber nicht mehr zur Fertigstellung gelangt.
Auch als Schauspieler auf der Bühne zu Hause
Bevor sich Hirsch hauptberuflich der Musik zuwandte, absolvierte er ein Grafikstudium an der Universität für Angewandte Kunst in Wien und besuchte die Schauspielschule Krauss. Als Theaterschauspieler war er zuerst auf deutschen Bühnen tätig, bevor er 1975 Ensemblemitglied in der Wiener Josefstadt wurde. Zu jener Zeit kam auch der Durchbruch mit seiner ersten LP, der mehr als 20 Alben folgen sollten. Doch auch die Neuinterpretation von klassischen Wienerliedern lag dem Chansonnier am Herzen. So feierte er etwa mit seiner Version des 1834 entstandenen „Hobellieds“ (aus Ferdinand Raimunds „Verschwender“) Erfolge.

APA/Herbert Neubauer
„Immer noch verliebt in uralte Lieder“
Seine letzte genuine Musikveröffentlichung war das Album „In Ewigkeit Damen“, das 2006 erschien. Danach folgten 2009 „Weihnachtsgeschichten“: Auf dem Hörbuch versammelte Hirsch „ein bisschen was Skurriles, Zärtliches und Verträumtes“, wie er anlässlich der Veröffentlichung gegenüber der APA sagte.
Über eigenes Schaffen „positiv überrascht“
In den vergangenen Jahren gab es auch einige Compilations: neben den „Größten Hits aus 20 Jahren“ (1997), dem Livemitschnitt „Dunkelgrau“ (1999) und der Werkschau „Ausgewählte Lieder“ (2004), die kurze Einleitungen des Sängers zu den jeweiligen Songs beinhaltet, auch eine Neuauflage seines gesamten Werkkatalogs im Jahr 2008. Im Rückblick auf sein Schaffen meinte Hirsch damals, dass er „immer wieder positiv überrascht“ sei: Es gebe „uralte Lieder, in die bin ich immer noch verliebt“.
Weniger eine Überraschung als eine Bestätigung seines Erfolges eröffnet ein Blick auf die Auszeichnungen, die Hirsch entgegennehmen durfte. Erst im Juni wurde ihm der „Goldene Rathausmann“ verliehen, 2002 gab es für das Album „Perlen“ eine goldene Schallplatte, ebenso für „In meiner Sprache“ und „Sternderl Schaun“ (jeweils 1992).
Hinweise
In memoriam Ludwig Hirsch ändert der ORF sein Programm:
- Ö1 bringt am Freitag „In memoriam Ludwig Hirsch“ (17.30 bis 17.55 Uhr).
- ORF2 zeigt am Freitag „Dunkelgraue Lieder“, einen Rückblick auf das Leben des Künstlers (22.35 Uhr).
- „Kultur.montag“ in ORF2 nimmt am Montag Abschied und bittet Freunde und Weggefährten zu Wort (22.30 Uhr).
- „Vera exklusiv“ in ORF2 steht am Sonntag im Zeichen des Sängers (17.05 Uhr).
- Radio Wien bringt am Sonntag von 20.00 bis 21.00 Uhr eine Sondersendung.
„Gel’, du magst mi“ als Nummer-eins-Hit
Am längsten in den Charts hielt sich allerdings sein Debüt, das gut ein Jahr in der Hitparade verweilte. Und auch einen Nummer-eins-Song hatte Hirsch: Die Single „Gel’, du magst mi“ erreichte 1983 die Spitze der heimischen Charts. Für „Perlen“ wurde er darüber hinaus mit einem Amadeus Austrian Music Award ausgezeichnet.
Ein Sammelband seiner Texte erschien im vergangenen Herbst unter dem Titel „Ich weiß es nicht, wohin die Engel fliegen“. Dem Theater hatte Hirsch in dieser Zeit nie gänzlich den Rücken zugekehrt, 2004 war er etwa bei den Festspielen Reichenau in Tschechows Untergangskomödie „Der Kirschgarten“ und 1998 im Volkstheater („Irma La Douce“) zu sehen.
Anfang der 1990er Jahre komplettierte er das Ensemble beim Salzburger „Jedermann“. Egal ob Musik, Theater oder Lesung, bei Hirsch ging es immer um die Geschichte, wie er einst sagte: „Ich kann nichts anderes als Geschichten erzählen, den Leuten Bilder malen, akustisches Kino bieten. Es wäre schrecklich, wenn ich mich auf anderes Terrain begeben würde. Ich hab’s hin und wieder versucht - und es hat absolut nicht funktioniert.“
„Leute einlullen und zum Schluss ein bissl zwicken“
Noch vergangenes Jahr erklärte Hirsch, dass er sich diesen Herbst für ein neues Album „hinsetzen und ein bissl grübeln“ wolle. Thematisch sollte es um für ihn Typisches gehen: „Träumen, staunen, lächeln, bissl Gänsehaut immer wieder, und das Zwicken in die Wadln. Das hab ich immer gern gemacht, die Leute einzulullen, dass sie sich wohlfühlen, und zum Schluss ein bissl zwicken.“
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