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Panoptikum des Weltgeschehens

Es war die „goldene“ Zeit der Zeitungen und Magazine - und ein Magazin hat sie alle überragt. „Life“ revolutionierte mit seinen großflächigen Bilderstrecken den Journalismus. Was es früher nur zu lesen gab, wurde über Bilder erfahrbar. Vor genau 75 Jahren begann das Magazin seinen Siegeszug, über Jahre entstand ein gewaltiges Panoptikum des Weltgeschehens - das im Web weiterlebt.

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Die Idee für „Life“ stammte von Henry Luce. Mit Briton Hadden hatte er schon in der gemeinsamen Schulzeit die erste Zeitung gegründet. Beide studierten in Yale und machten alsbald bei der „New York Times“ Karriere. 1922 machten sie sich selbstständig und sorgten für vier der über Jahrzehnte bekanntesten Magazine der USA: Zunächst gründeten sie das „Time“-Magazine, das 1923 erstmals erschien.

Im Eiltempo zum Erfolg

Das Wirtschaftsmagazin „Fortune“ sollte 1930 folgen und 1954 „Sports Illustrated“. Dazwischen, 1936, war „Life“ an der Reihe. Luce kaufte dafür die Namensrechte von einem Karikaturenblatt und machte aus „Life“ das Fotomagazin, das zwei Generationen lang eine der wichtigsten Nachrichtenquellen war. Binnen vier Monaten stieg die Auflage auf eine Million Exemplare, in der Blütezeit des Magazins verkauften sich über 13 Millionen Hefte einer Ausgabe.

Der US-amerikanischer Verleger Henry Luce

AP/Time Magazine

Henry Luce blieb bis 1964 Chefredakteur all seiner Zeitschriften

Die angesehensten Fotografen wie Robert Capa, Alfred Eisenstaedt, Gisele Freund, Phillipe Halsman und Andreas Feininger fotografierten für „Life“, Winston Churchill, Harry Truman und General Douglas MacArthur veröffentlichten ihre Autobiografien als Fortsetzungen in dem Magazin. „Life“ wurde zum Kult. Das New Yorker Magazin berichtete in atemberaubenden Fotografien über Kriege, Katastrophen und Königskinder. Es war die Zeit vor der Revolution durch das Fernsehen, „Life“ brachte das Weltgeschehen in die Wohnzimmer.

Magazin machte Politik

Dabei hat das Journal auch selbst Politik gemacht. „Die Amerikaner haben gesehen, wie der Vietnamkrieg aussieht“, sagt Bill Shapiro, der heutige Chefredakteur. „Das hat geprägt und den Krieg immer unpopulärer gemacht.“ Andererseits galt Gründer Luce, der bis 1964 Chefredakteur blieb, als bekennender Republikaner und agitierte mit dem Magazin massiv gegen die „kommunistische Bedrohung“. In den 20er und 30er Jahren machte er aus seiner Bewunderung des europäischen Faschismus und vor allem für Benito Mussolini wenig Hehl.

Frühere Mitarbeiter beschreiben ihn als Mann mit Prinzipien: Er forderte von seinen Redakteuren, Standpunkt zu beziehen, weil er glaubte, Objektivität sei nicht möglich. „Zeigt mir einen Mann, der sagt, dass er objektiv ist, und ich zeige euch einen Mann mit Sinnestäuschungen“, sagte er in einem Interview.

Langer Abschied vom Print

Andererseits gewährte er den Mitarbeitern freie Hand: „Wenn man eine Story über einen Filmstar machte, den alle anhimmelten, und man fand heraus, dass er ein verlogener Idiot ist, dann machte man den Artikel, und der wurde gedruckt“, erzählt der frühere „Life“-Fotograf Bill Eppridge. Heute gebe es so etwas kaum mehr. Damals hätten die Reporter nicht nur das gemacht, was ihre Chefs wollten - und das Magazin sei deshalb besser gewesen.

Doch je mehr sich das Fernsehen ins Zentrum der Leben der Menschen stellte, desto weniger blätterten sie in „Life“. Ende der Sechziger endete das „goldene“ Zeitalter des Fotojournalismus, und im Dezember 1972 war Schluss: Die wöchentliche „Life“ war am Ende. Die später fortgesetzten Sonderdrucke verkauften sich trotz stolzer zwei Dollar so gut, dass „Life“ 1978 zurückkam, wenn auch nur monatlich. Doch 2000 war auch das vorbei. 2004 gelang noch einmal ein letztes Aufbäumen, als Zeitungsbeilage. Doch nur für drei Jahre. Seitdem gibt es „Life“ ausschließlich im Internet.

Ausführliches Special

Mit historischen Fotostrecken sorgt es noch immer für Aufsehen. Und mit dem Verkauf von Bildrechten aus dem gewaltigen Archiv verdient „Life“ auch mit seiner Vergangenheit. Andererseits wurden sämtliche Hefte mit der Hilfe von Google ins Netz gestellt.

Auf seiner Website feiert „Life“ jetzt das Jubiläum mit vielen Specials: Die 75 besten Covers wurden ausgewählt, genauso wie die 75 besten Bilder. Und durchaus selbstkritisch wählte man auch die 20 schlechtesten Titelbilder. Bei mehr als 2.200 Ausgaben kann man schon mal danebengreifen, heißt es dort. Und unten denen findet sich auch ein Österreich-Bezug: Im November 1969 zierten die „berühmten Salzburger Marionetten“ das Cover - ganz gelungen scheint das Bild tatsächlich nicht.

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