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Konzern droht Ausschluss von der Börse

Als das erste Mal Mitte Oktober bei dem japanischen Unternehmen Olympus Vorwürfe von Bilanzfälschungen in Millionenhöhe an die Öffentlichkeit gelangt sind, hat das Unternehmen noch vehement dementiert. Der Überbringer der Nachricht, Michael Woodford, wurde nach nur zwei Wochen als Chef von Olympus gefeuert.

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Mittlerweile haben sich nicht nur die japanische Börsenaufsicht und die Polizei in Tokio eingeschaltet, um die Verheimlichung von Verlusten durch Wertpapiergeschäfte zu untersuchen. Auch an der Börse kam es zu heftigen Turbulenzen. Seit Beginn der Affäre Mitte Oktober lösten sich durch Verluste an der Börse mehr als drei Viertel des Unternehmenswertes in Luft auf. Erst am Donnerstag stürzte die Aktie den neunten Tag in Folge ab. Nach Verlusten von 30 Prozent am Dienstag fiel sie am Donnerstag ebenfalls um 17 Prozent und lag bei 484 Yen (4,57 Euro) - dem tiefsten Stand seit 1980.

Michael Woodford

Reuters/Kevin Coombs

Michael Woodford brachte den Skandal ins Rollen

Zudem kann Olympus die Frist für die Bilanz des zweiten Geschäftsquartals nicht einhalten. Wenn die neue Frist bis 14. Dezember für die Bilanzveröffentlichung verstreicht, wird Olympus von der Börse genommen. Mittlerweile gilt Olympus als der größte Firmenskandal Japans seit einem Jahrzehnt und könnte auch eine neue Debatte über die Managementkultur in Japan losbrechen. Immer wieder wird der Mangel an unabhängigen Kontrollinstanzen im Land kritisiert.

„Düstere Zukunft“

Die Investoren geben sich zusehends besorgt. Auf das Unternehmen könnten Klagen wegen Bilanzbetrugs zukommen. Sollten die Bilanzen vorsätzlich gefälscht worden sein, drohten den Managern bis zu zehn Jahre Haft. „Die Zukunft der Firma ist extrem düster“, sagte der Investmentexperte Ryosuke Okazaki von ITC Investment Partners gegenüber Reuters. Einige große Aktionäre fordern einen Neuanfang.

Die US-Investmentfirma Southeastern Asset Management, der zweitgrößte Aktionär von Olympus, kritisiert, dass Firmenpatriarch Tsuyoshi Kikukawa nach wie vor im Verwaltungsrat sitzt, obwohl er in den Bilanzskandal verwickelt sein soll: „Solange Kikukawa da ist, übt er immer noch massiven Einfluss aus“, sagte ein Sprecher des US-Investors gegenüber der „New York Times“. Aufgrund der Medizintechniksparte seien die Probleme von Olympus weit über die Japan hinaus spürbar, da das Unternehmen 70 Prozent des Weltmarkts für flexible Endoskopie halte.

Was wussten die externen Prüfer?

Anfang der Woche gab das 1919 gegründete Unternehmen zu, mehrere Jahrzehnte lang Verluste aus Wertpapiergeschäften verheimlicht und falsch verbucht zu haben. Dabei könnte es sich um eine Summe von rund 1,5 Milliarden Dollar (1,1 Mrd. Euro) handeln. Eine exakte Höhe der Verluste ist aber noch unklar, genauso die Frage, wie es gelungen ist, Verluste trotz externer Prüfungen zu verstecken.

2009 hatte Olympus die Zusammenarbeit mit dem Wirtschaftsprüfer KPMG gekündigt. Reuters zitierte ein vertrauliches Dokument, wonach ein Streit darüber, wie fragliche Zukäufe des Unternehmens verbucht werden könnten, der Grund für die Trennung gewesen sei. Offenbar wechselte Olympus 2009 zu Ernst & Young.

Über 680 Mio. Dollar für Berater

Bei mindestens vier Übernahmen sollen noch aus den 90er Jahren mitgeschleppte Investmentverluste versteckt worden sein, räumte der neue Chef Shuichi Takayama ein. Zumindest in drei Fällen soll der Preis überhöht gewesen sein. Bei der Übernahme des britischen Medizintechnikspezialisten Gyrus 2008 etwa wurde ein Betrag von 687 Mio. Dollar für einen Finanzberater abgesetzt - fast ein Drittel des Kaufpreises. Üblich sind maximal zwei Prozent, in diesem Fall nicht mehr als 40 Mio. Dollar, als Beraterhonorar. Offenbar wurden durch den Beratervertrag alte Verluste in den Bilanzen versteckt.

Kündigung wegen Unverständnisses für Japan

An die Öffentlichkeit gelangte der Skandal erst vor wenigen Wochen, die Tragweite wurde erst allmählich sichtbar. Zunächst wurde der Kurzzeitfirmenchef und langjährige Olympus-Mitarbeiter Woodford nach nur zwei Wochen gekündigt. Er verstehe weder den Managementstil des Unternehmens noch die japanische Kultur, lautete die Begründung.

Mittlerweile wurde bekannt, dass Woodford, der bereits seit 1980 bei Olympus arbeitet, zuvor die britische Börsenaufsicht kontaktiert und um Prüfung des Beraterhonorars aus der Gyrus-Übernahme gebeten hatte. Woodford soll Kikukawa zum Rücktritt aufgefordert haben und wurde selbst vor die Tür gesetzt. Denn Woodford war nicht wie ein Japaner eingebunden in das Netz traditioneller Loyalitäten auch gegenüber Mentoren und Vorgesetzten. Woodford sollte das Unternehmen entstauben, hatte aber an der Spitze bei Kikukawa begonnen.

Suche nach plausiblen Erklärungen

Zunächst wurden die Übernahmen von Unternehmensseite noch verteidigt und nach plausiblen Erklärungen für die Millionen an den heute nicht mehr eruierbaren Berater gesucht. Auf Druck der Aktionäre wurde doch eine unabhängige Kommission zur Prüfung beauftragt. Kikukawa zog sich vom Vorsitz des Verwaltungsrats zurück. Mit Takayama übernahm wieder ein Japaner die Führung des Unternehmens. Die ungewöhnliche Bestellung des Nichtjapaners Woodford könnte dennoch nicht völlig gescheitert sein. Viele Analysten halten ihn für den „besten Mann“ für diesen Job.

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