Der kleinste gemeinsame Nenner
Die Band SuperHeavy mit Mick Jagger, David A. Stewart, A. R. Rahman, Joss Stone und Damian Marley ist einer Vision zu verdanken, die Stewart auf Jamaika hatte. Er besitzt dort ein Haus. Eines Abends hörte er aus vier nahegelegenen Dörfern jeweils unterschiedliche Songs, die sich dann überlagerten.
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Das gefiel ihm, und so entstand die Idee, Musiker aus ganz unterschiedlichen Richtungen zusammenzutrommeln und mit ihnen gemeinsam zu spielen, damit etwas vollkommen Neues entsteht. Stewart selbst hatte früher mit Annie Lennox gemeinsam die Band Eurythmics („Sweet Dreams“, „Here Comes the Rain again“), die mit einer Handvoll anderer Bands wie den Pet Shop Boys eine Front zur Ehrenrettung des Pop in den 80er Jahren bildete. Stewart bringt also den Pop-Appeal ins Projekt SuperHeavy ein.
Alte Kumpel, neue Freunde
Für den rockigen Part sprach er mit seinem Kumpel Jagger, dem bald siebzigjährigen Rolling-Stones-Veteranen. Der sagte gleich zu, weil er, wie er in Interviews sagt, ohnehin nicht dachte, dass das Ganze wirklich zustande kommen würde. Den Soul sollte die junge Stone, ebenfalls schon lange mit Stewart bekannt, beisteuern. Sie war begeistert. Jagger und Stewart spielten sich dann gegenseitig eine Menge Musik vor und einigten sich auf Marley als weiteren Mitstreiter, den jüngsten Bob-Marley-Spross, einem Raggamuffin-Musiker aus Jamaika.

Universal Music Austria/Frank W Ockenfels
Damian Marley, David A. Stewart, Mick Jagger, A. R. Rahman und Joss Stone
Der Zufall wollte es, dass sich zum Zeitpunkt der ersten Sessions gerade der indische Musiker Rahman in der Nähe aufhielt, bekannt durch die Filmmusik für den Film „Slumdog Millionaire“. Auch er wurde an Bord geholt. Die Mischung sollte also bestehen aus: Pop, Rock, Soul, Raggamuffin und indischer Musik. Die Rechnung ging voll auf, noch nie hat man Musik gehört, die auch nur annähernd ähnlich klingt - sagt zumindest Jagger. Unwillkürlich kommt einem das Märchen „des Kaisers neue Kleider“ in den Sinn. Irgendwann ist man als Star so groß, dass sich keiner im Umfeld ein ehrliches Feedback zu geben traut.
Null Arbeit, trotzdem genial?
Das Ergebnis hört sich nach Weltmusikbeliebigkeit mit Stadionrockeinsprengseln an, im besten Fall gut für eine 80er-Jahre-B-Seite. Kokett und stolz erzählen Jagger und Konsorten, dass sie ohne Songs im Gepäck zusammenkamen und dann in nur wenigen Tagen alle Lieder komponiert und aufgenommen hätten. Der mühsame Prozess des Ausprobierens und Verwerfens, der andere Künstler monate- oder jahrelang quält, bevor ein fertiges Album aus einem Guss entsteht, fiel also völlig aus. Das hört man SuperHeavy auch an.
Tracklist mit jamaikanischer Dominanz
Das Alphatier in der Gruppe war offenbar Marley. Sieben der elf Songs klingen in erster Linie nach Reggae oder Raggamuffin. Ein typisches Beispiel ist gleich das erste Lied, „SuperHeavy“: nett, aber ein bisschen überproduziert. Marley tut, was er am besten kann - und hat Hintergrundsänger, die zufällig prominent sind. Der Song ist nicht grundsätzlich schlecht, einen Weltmusikanstrich erhält er durch Rahmans indische Gesänge. Die E-Gitarren hören sich nach Retorte an (mehr Toto als Stones).

Universal Music Austria
CD-Hinweis
Superheavy: SuperHeavy. 11 Tracks, Universal, 14,95 Euro.
Dann „Miracle Worker“: netter Reggae, ein Sommerhit für den Strand des Jahres 1983, bis zum ersten Refrain sogar spannungsgeladen. Auch die Geige darf ein bisschen mitspielen. Zu diesem Lied gibt es auch das erste Video der Band. Ein Spontanauftritt auf der Straße wird nachgestellt. Erinnerungen an nicht enden wollende heiße Nachmittage beim Donauinselfest werden wach. Im Reggae-Song „Energy“ stört dann ein völlig unvermittelter Stadionrockeinbruch. Track sechs, „One Day One Night“, ist orientalischer angelegt, indischer - klassische Weltmusik, wie man sie in Dritteweltläden hört. Bei jedem Song kündigt das Schlagzeug irgendwann kreuzbrav das Reinkrachen der E-Gitarren an.
Ein bisschen Stones-Feeling darf sein
Song sieben fängt wie „Wild Horses“ an und bleibt auch eine Ballade, die Jagger mehr oder weniger alleine bestreitet. Track acht dann wieder Raggamuffin. Ernst und drängend in der Strophe, glücklich lächelnd der Refrain. Noch eine Erinnerung wird wach: USA for Africa - „We are the World“, nur ohne die Majestät der dort versammelten Talente.

AP/SuperHeavy LLC/Kristin Burns
Marley, Stone, Stewart und Jagger beim Videodreh
Song zehn (passend getitelt mit „I Can’t Take it No More“) klingt nach den späten Stones: Bläser im Hintergrund und sogar ein angedeutetes Gitarrensolo. Jagger singt, wie er immer singt, Stone hält sich im Hintergrund. Nummer elf ist eine Ballade, in der Stone ordentlich zur Geltung kommt mit ihrem Soul-Gesang und auch Jagger an ihrer Seite schön singt: Schmalz, aber ein schönes Lied. Der letzte Track auf dem Album ist ganz auf Stone zugeschnitten. Ein bisschen Tina Turner schwingt hier mit.
Allzu Altbewährtes
Das Hauptproblem, warum sich die Musik abgedroschen anhört, dürfte sein, dass auch abseits von SuperHeavy keiner der Beteiligten aktuelle Musik macht. Marleys Songs sind nicht schlecht, hätten aber auch in den 80er Jahren entstehen können. Dasselbe gilt für Jagger und Stewart. Stone sieht sich selbst ohnehin als Retro-Soul-Künstlerin. Der Kooperation hätte jemand aus dem Yeah-Yeah-Yeahs- bzw. TV-On-The-Radio-Universum gutgetan.
Das Prinzip All-Star-Band
Bei All-Star-Bands muss man immer vorsichtig sein, ganz abgesehen davon, dass meistens nur einer von ihnen ein Star ist - wenn überhaupt (Ringo Starr and His All-Starr-Band). Ein Gegenbeispiel waren die Travelling Wilburys mit Bob Dylan, Tom Petty, Roy Orbison, Jeff Lynne und George Harrison. Da war wirklich jeder eine Größe im Musikgeschäft, und sie zeichneten gemeinsam für zwei Alben verantwortlich, auf denen sich Hits wie „Handle with Care“ und „The End of the Line“ befanden.
Ein stringentes Konzept, inklusive Alias-Namen für jeden, und Arbeit sorgten für Erfolg, die Musiker ergänzten sich - sie waren bereits davor nicht so weit musikalisch voneinander entfernt wie die Protagonisten von SuperHeavy. Aber selbst bei den Travelling Wilburys galt: Die Innovationskraft von Einzelkünstlern potenziert sich nicht.
Abcashen und Spaß haben
Das Prinzip All-Star-Band läuft auf den kleinsten gemeinsamen Nenner heraus. Im Fall von SuperHeavy könnte man sagen: Marley plus dem kleinsten gemeinsamen Nenner aus Jagger, Stone und Rahman. Stewarts Einfluss macht sich eigentlich nirgends bemerkbar. Aber immerhin: Er hatte die Idee zu dem ganzen Unterfangen, und ein finanzieller Flop ist auszuschließen. Spaß machte ihnen das Unterfangen auch, wie man sich auf einem Video überzeugen kann.
Simon Hadler, ORF.at
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