Ein Land im Ausnahmezustand
Somalia gilt als extremes Beispiel eines gescheiterten Staates. Zerrüttet durch Bürgerkriegswirren und Dürrekatastrophen hat das Land seit 1991 keine funktionierende Zentralregierung mehr. Die weitgehende Abwesenheit effektiver staatlicher Strukturen hat das Land zum Rekrutierungsfeld für Terroristen gemacht. Die Macht liegt in vielen Teilen des Landes in der Hand der Al-Schabab-Miliz.
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Die Übergangsregierung des gemäßigten Islamisten Scheich Scharif Ahmed ist ohne Hilfe von Friedenstruppen der Afrikanischen Union (AMISOM) nicht in der Lage, weite Teile des Landes zu kontrollieren. Selbst die Hauptstadt Mogadischu befand sich bis vor kurzem in der Hand der islamistischen Al-Schabab-Miliz. Ein kleiner Erfolg konnte kürzlich dennoch erzielt werden: Die Miliz zog sich Anfang August aus Mogadischu zurück - doch selbst danach wurden noch Kämpfe aus der Stadt gemeldet.
Hungersnot „pure Propaganda“
Die brutalen Methoden der Rebellengruppe gehen so weit, der Bevölkerung selbst in der schlimmsten Dürre seit über 60 Jahren internationale Hilfe zu verweigern. Vor zwei Jahren verbot die Miliz allen ausländischen Hilfsorganisationen die Arbeit in den von ihr kontrollierten Gebieten. Schon davor hatten die Rebellen immer wieder Hilfsgüter zerstört, geplündert oder weiterveräußert und unter anderem „Sicherheitsgebühren“ von UNO-Organisationen gefordert. Angesichts der dramatischen Dürre hatte die Miliz Anfang Juli zwar eine radikale Wende in ihrer Haltung unternommen und um internationale Hilfe für die hungernde Bevölkerung gebeten.
Land mit höchster Terrorgefahr
In dem weltweiten Terrorrisiko-Index des britischen Beratungsunternehmens Maplecroft löste Somalia Ende 2010 den Irak als Land mit der weltweit höchsten Terrorgefahr ab.
Das nahm sie aber kürzlich plötzlich wieder zurück und warf den internationalen Hilfsorganisationen vor, „in politische Aktivitäten involviert“ zu sein. Al-Schabab-Sprecher Ali Mohamud Rage bezeichnete die Berichte der Vereinten Nationen über die Hungersnot als „kompletten Nonsens, 100 Prozent ohne Grundlage und pure Propaganda“.
Rotes Kreuz: Zugang durch „neutrales“ Verhalten
Eine der wenigen Organisationen, die Zutritt in ganz Somalia hat, ist das Rote Kreuz, wie der Leiter der Internationalen Katastrophenabteilung, Walter Hajek, im ORF-Interview sagte. Der Grund für diese Ausnahme liegt in der Neutralität der Organisation: „Wir stellen niemanden als gut oder böse dar.“ Im Unterschied zu den Hilfsorganisationen der Vereinten Nationen sei das Rote Kreuz „sehr neutral“ in seiner Kommunikation, so Hajek. Dadurch habe man freien Zugang, könne sich auch die Empfänger der Hilfslieferungen selbst aussuchen und würde nicht Gebühren an die Rebellen zahlen müssen.
Miliz aus Kampfeinheit hervorgegangen
Al-Schabab („Die Jugend“) wurde 1998, sieben Jahre nach dem Sturz von Diktator Siad Barre, von Scheich Hassan Dahir Aweis als Kampfeinheit innerhalb der „Union islamischer Gerichte“ gegründet. Diese hatte durch rigorose Anwendung der Scharia für etwas Ordnung gesorgt, nachdem sie eine von den USA unterstützte Warlord-Allianz geschlagen hatte.
2006 war die Armee des Nachbarlandes Äthiopien mit Zustimmung der USA in Somalia einmarschiert, die Intervention erwies sich als Fiasko. Das rücksichtslose Vorgehen der Besatzungstruppen wie auch der Einsatz schwerer Waffen in Wohngebieten hatten wesentlich zur Radikalisierung der Bevölkerung beigetragen. Al-Schabab profitierte von dem Truppeneinsatz.
Auch in Kenia aktiv
Die Rebellengruppe ist nicht nur in Somalia auf dem Vormarsch: Nach Erkenntnissen der Vereinten Nationen weitete sie ihren Einflussbereich bereits auf Kenia aus. In dem benachbarten Land habe die Miliz Netzwerke zur Anwerbung neuer Mitglieder, zum Einsammeln von Geldern und zum Training aufgebaut, geht aus einem unveröffentlichten UNO-Bericht hervor, der der Nachrichtenagentur Reuters am Donnerstag vorlag. Mehrere hundert Menschen aus Kenia sollen demnach bereits an den Gefechten in Somalia beteiligt sein.

Reuters/Feisal Omar
Unklar ist die Zahl der Rebellen. Nach Schätzungen sollen es jedenfalls Tausende sein.
Enge Kontakte zu Al-Kaida
Al-Schabab wird wegen ihrer Al-Kaida-Kontakte von den USA und anderen Staaten als Terrororganisation betrachtet. Die Rebellengruppe hatte sich Anfang vergangenen Jahres dem Kommando von Al-Kaida unterstellt und im vergangenen Juli mit zwei Sprengstoffanschlägen in Uganda erstmals Terrorangriffe außerhalb Somalias verübt. Nach der Ermordung des Al-Kaida-Chefs Osama Bin Laden kündigte al-Schabab an, dessen Tod rächen zu wollen. Die Miliz hat in ihren Reihen zahlreiche Al-Kaida-Kämpfer aus Afghanistan, Pakistan, Jemen und anderen Staaten.
Was westlich ist, ist tabu
Mit Terror gegen die Bevölkerung und drakonischen Strafen will die Miliz einen Gottesstaat durchsetzen. Ehebrecher werden gesteinigt, Dieben wird die Hand abgehackt. Die Mitglieder haben die Freiheiten der Bürger stark eingeschränkt und schreiben einen Besuch der Moschee zu den fünf Gebeten pro Tag vor. Männer dürfen nicht „westlich“ aussehen und müssen sich Bärte wachsen lassen, während Frauen dazu gedrängt werden, ihre traditionell bunten Gewänder gegen einen dunklen Gesichtsschleier zu tauschen. Alles Westliche wie Kino und Fußball wurde verboten.
Vorbild Taliban?
Politische Beobachter ziehen auch Parallelen zwischen al-Schabab und den radikalislamischen Taliban in Afghanistan. Die Miliz würde sich Taktiken von den Taliban abschauen, etwa die Anweisung an Haushalte im Süden des Landes, jeweils einen Knaben an die Extremisten abzugeben. Kinderlose Familien müssen al-Schabab 50 Dollar pro Monat zahlen - das somalische Pro-Kopf-Einkommen. Milizkommandant Abu Dajib führt die Gemeinsamkeiten darauf zurück, dass beide Gruppierungen einer strengen Auslegung des Islam anhingen. „Und ein weiteres Anliegen, das wir zutiefst teilen, ist der Hass auf Ungläubige“, sagte er der Nachrichtenagentur AP.
„Al-Schabab kopiert exakt das, was die Taliban Ende der 1990er Jahre gemacht haben, weil sie glauben, dass die Strategien, die die Taliban in Afghanistan angewandt haben, erfolgreich waren“, sagt Wahid Mudschda, ein afghanischer Autor eines Buchs über die Taliban.
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