„Lang lebe das freie Libyen!“
Seit Montagfrüh ist die libysche Hauptstadt Tripolis nach Angaben der Rebellen bis auf wenige Widerstandsnester vollständig in der Hand der Regimegegner. Nach mehr als 40 Jahren feierten sie das Ende des Regimes von Muammar al-Gaddafi.
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In Tripolis bejubelten Tausende den Sieg der Aufständischen. In der Rebellenhochburg Bengasi und anderen Städten wurden Feuerwerkskörper gezündet und Freudenschüsse abgefeuert. „Wir gratulieren dem libyschen Volk zum Sturz von Muammar al-Gaddafi und rufen das libysche Volk auf, auf die Straßen zu gehen und das öffentliche Eigentum zu beschützen. Lang lebe das freie Libyen!“, heißt es in einer in der Früh verbreiteten Erklärung des Nationalen Übergangsrates der Rebellen, berichtete die „New York Times“ (Onlineausgabe).

AP/Alexandre Meneghini
Jubel in Tripolis
Die Leibgarde von Gaddafi habe die Waffen niedergelegt, berichteten Sprecher der Aufständischen im Sender al-Jazeera. Zwei Söhne Gaddafis wurden festgenommen, ein dritter unter Hausarrest gestellt. Über den Aufenthaltsort von Gaddafi selbst lagen zunächst keine Informationen vor. Ein Vertreter des Übergangsrates sagte, er „glaube nicht, dass Gaddafi noch in Tripolis“ sei.
Kämpfe um Gaddafi-Residenz
Laut BBC entbrannten schwere Kämpfe um die Residenz Gaddafis. „Was da genau abläuft, können wir aber nicht sagen“, berichtete ein Reporter. Ein Sprecher der Rebellen sagte, ein Panzer habe die Gaddafi-Residenz verlassen und Schüsse abgegeben. Auch im Süden der Hauptstadt wurde nach wenigen Stunden Waffenruhe wieder gekämpft. Seit 6.00 Uhr waren Explosionen und das Feuer schwerer Waffen zu hören. Auch in der Nähe des Hotels, in dem die meisten ausländischen Journalisten untergebracht sind, gab es Gefechte.
Symbolträchtiger Platz in Rebellenhand
Zeitig in der Früh brachten die Rebellen auch den Grünen Platz im Herzen von Tripolis unter ihre Kontrolle. Fernsehsender zeigten Hunderte von Menschen, die auf dem Platz in der Nähe des Anwesens von Gaddafi feierten und Freudenschüsse abgaben. Andere schossen auf Riesenposter mit dem Konterfei von Gaddafi. Laut al-Jazeera kündigten die Rebellen an, den Platz wieder in „Platz der Märtyrer“ umzubenennen. Die Rebellen besetzten auch das staatliche Rundfunkgebäude.
Viele Soldaten Gaddafis seien gefangen genommen worden, hieß es. Andere würden immer noch Widerstand leisten. Gaddafis Regierungssprecher Mussa Ibrahim sagte am Sonntagabend, in Tripolis habe es bei den Kämpfen mindestens 1.300 Tote gegeben. Die Nachrichtenagentur Reuters zitierte einen libyschen Regierungsvertreter, der sagte, 376 Menschen seien bei den Auseinandersetzungen getötet worden und rund tausend verwundet.
Saif al-Islam Gaddafi festgenommen
Angesichts des bevorstehenden Endes des Regimes rief ein führender Vertreter des Nationalen Übergangsrats zur Zurückhaltung auf. Am Tag des Sieges appelliere er an das „Gewissen und Verantwortungsbewusstsein“ aller Kämpfer gegen Gaddafi, sagte Mahmud Dschibril in einer in der Nacht auf Montag vom Fernsehsender der Rebellen übertragenen Ansprache.

AP/Alexandre Meneghini
Siegesfeiern in der Nacht
Im Westen von Tripolis nahmen die Rebellen laut al-Jazeera drei Söhne von Gaddafi gefangen, darunter den mit internationalem Haftbefehl gesuchten Saif al-Islam. Er sei gemeinsam mit seinem Bruder al-Saadi in einem Touristendorf festgenommen worden, berichtete ein Sprecher der Aufständischen, Abu Bakr al-Tarbulsi. Der älteste Sohn, Mohammed al-Gaddafi, wurde in seinem Anwesen unter Hausarrest gestellt. Die Aufständischen würden für seine Sicherheit garantieren, sagte Mohammed al-Gaddafi in der Nacht auf Montag in einem Telefoninterview al-Jazeera.
Gerichtsverfahren für Gaddafi in Libyen?
Gegen Gaddafi, seinen Sohn Saif al-Islam und seinen Schwager, den Geheimdienstchef Abdullah Senussi, liegen internationale Haftbefehle vor. Ihnen werden schwere Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen. Der Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofes (IStGH), Luis Moreno-Ocampo, rief den libyschen Übergangsrat in Bengasi deshalb auf, Saif al-Islam nach Den Haag zu überstellen.
Schon am Montag wolle man darüber verhandeln, wie die Auslieferung ablaufen könnte, sagte er dem US-Sender CNN. Der Nationale Übergangsrat setzt aber offenbar darauf, die Verantwortlichen in Libyen vor Gericht zu stellen. Dazu habe Libyen das volle Recht, betonte der frühere Botschafter des Landes in den USA, Ali Audschali, der inzwischen für den Übergangsrat spricht, in al-Jazeera.
Dramatischer Appell Gaddafis
Gaddafi selbst wandte sich am späten Sonntagabend zum dritten Mal an diesem Tag an seine Anhänger. In einer Audiobotschaft beschwor er im Staatsfernsehen seine Gefolgsleute: „Ihr müsst auf die Straße gehen, um die Ratten und Verräter zu bekämpfen. Alle Stämme müssen nach Tripolis marschieren, um es zu beschützen. Wenn nicht, werdet Ihr Sklaven der Kolonialisten werden.“ Die libyschen Rebellen lehnten ein zuvor von Gaddafi gemachtes Angebot zu Verhandlungen ab. Die Aufständischen würden ihre Offensive erst dann beenden, wenn Gaddafi seinen Rücktritt erklärt habe, sagte der Chef des Nationalen Übergangsrats der Rebellen, Mustafa Abd al-Dschalil, am Sonntag dem Sender al-Arabija.
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