Wochenlange Ferien zu langweilig
„Ferragosto“ bedeutete traditionell überfüllte Strände und ausgebuchte Hotels. Denn rund um den 15. August (Maria Himmelfahrt) verlassen Italiener und Spanier die stickigen Städte und stürmen die Mittelmeer-Küste. Doch das Ferienverhalten hat sich in den vergangenen Jahren gewandelt. Aus wochenlangem Faulenzen wird immer öfter ein Kurztrip. Die Strände sind deshalb aber noch lange nicht leer.
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Die spanische Zeitung „El Periodico de Catalunya“ ortet bereits einen Mentalitätswandel in Spaniens Großstädten. Wo früher noch Schilder mit der Aufschrift „Cerrado por vacaciones“ - „wegen Urlaubs geschlossen“ - menschenleere Städte zierten, herrscht heute Hochbetrieb. Die U-Bahnen sind zu den Stoßzeiten gerammelt voll, und am Abend treffen sich Büroangestellte und Arbeiter in den stickigen Straßen von Madrid auf ein Glas Cerveza.
Kaiser gab hitzefrei
Die Bezeichnung „Ferragosto“ kommt von „Feriae augusti“ und bezieht sich auf ein Privileg des römischen Kaisers Augustus (63 v. Chr. bis 14 n. Chr.), der bestimmte, dass der 15. August arbeitsfrei sein sollte, weil er als heißester Tag des Jahres galt. Heute wird der Begriff in Italien auch für den Urlaub rund um diesen Tag verwendet.
Rom hält offen
Ein ähnliches Bild herrscht in der italienischen Hauptstadt Rom. Wo es vor wenigen Jahren noch so gut wie unmöglich war, im August einen Automechaniker oder Installateur aufzutreiben, kann mittlerweile zwischen Dutzenden gewählt werden. Die Stadtverwaltung hat eine eigene Liste von Betrieben online gestellt, die auch über „Ferragosto“ offen halten: Immerhin 351 Friseure, Restaurants, Optiker etc. bieten Daheimgebliebenen ihre Dienste an.
„Nur etwa ein Prozent der Römer verlassen die Stadt für einen ganzen Monat, wohingegen rund 63 Prozent nur eine Woche wegfahren“, erklärte Lorenzo Tagliavanti von der Handwerkervereinigung (CNA) und Initiator der Liste gegenüber der Zeitung „La Repubblica“. „Für sie darf die Stadt nicht mehr völlig geschlossen sein, sondern muss sich wie alle anderen europäischen Großstädte auch offen halten.“

Reuters/Alessia Pierdomenico
Heißer Sommer in Rom
Ende der Langeweile
Schon länger beobachten Soziologen die neue Urlaubskultur und diskutieren über die möglichen Gründe. War es bis Mitte der 90er Jahre in Spanien üblich, dass sich die gesamte Familie für einen Monat entweder in den Strand oder in das Herkunftsdorf der Familie zurückzog, so lehnen immer mehr junge Menschen diese Auszeit als Zeitverschwendung ab, wie die Schweizer Zeitung „Neue Zürcher Zeitung“ („NZZ“) berichtete.
Einige haben als Kinder diese Zeit nicht unbedingt als Spaß erlebt, sondern eher als meist sehr langweilig, und sie wollen das ihren eigenen Kindern nicht mehr zumuten. Sie schicken nun ihren Nachwuchs in Feriencamps und bleiben im Büro. Dabei spielt auch die veränderte Situation der Frau eine große Rolle. Längst sind junge Italienerinnen und Spanierinnen nicht mehr rund um die Uhr bei ihren Kindern zu Hause, sondern gehen selbst Berufen nach. Früher war es üblich, dass die Mütter die gesamten Schulferien mit ihren Kindern in den Bergen oder am Meer verbrachten und die Väter für einen Monat nachreisten. Heute arbeiten meist beide Elternteile.
„Gesalzene“ Preise
Und natürlich spielt auch die Wirtschaftskrise eine Rolle. Schon im vergangenen Jahr verzichteten 82 Prozent der einkommensschwachen italienischen Familien auf den Sommerurlaub, wie eine Studie des Statistikamts Censis ergab. Nur jeder dritte Pensionist konnte sich einen Urlaub leisten. Und auch heuer müssen Italiener wieder tief in die Tasche greifen. Bis zu 1.027 Euro pro Kopf kostet im Durchschnitt eine Woche zu „Ferragosto“ an der Adria, wie die italienische Nachrichtenagentur ANSA ausrechnete.
Dabei unterscheiden sich die Kosten deutlich: Im Norden liegen sie im Schnitt bei 76 Euro pro Tag, während sie in Mittelitalien bei 99 und im Süden sogar bei 123 Euro liegen - Getränke, Parkplatzgebühren und Kosten für Liegen am Strand nicht eingerechnet. Im Vergleich zum Vorjahr sind die Preise um 2,3 Prozent gestiegen.

AP/Manu Fernandez
Viele Spanier suchen nur tageweise Erholung auf dem Strand, wie hier in Chipiona
Italiener fahren mehr ins Ausland
Viele Familien können oder wollen sich das nicht mehr leisten und steigen um auf Kurz- oder Billigurlaube. An der Reiselust generell mangelt es Italienern nämlich nicht, wie eine Erhebung der Österreich Werbung ergab. Jeder Dritte Italiener will 2011 eine Auslandsreise machen. Und dabei ist auch Österreich als „Nahdestination“ für die Italiener interessant, wie TUI Österreich gegenüber ORF.at erklärte. Allein im ersten Halbjahr verzeichnete TUI ein Buchungsplus aus Italien von drei Prozent.
„Kein Bett mehr frei“
Wer nun gehofft hat, dass ohne die übliche „Ferragosto“-Invasion durch Spanier und Italiener die Strände leer sind, hat sich getäuscht. Gerade bei Österreichern und Deutschen steht Italien und Spanien hoch im Kurs. Vor allem Italien ist ausgebucht. „Kurzfristig ist gar nichts mehr zu bekommen“, heißt es aus dem Reisebüro Ruefa. Ein ähnliches Bild in Spanien, das laut Ruefa überhaupt der große Gewinner von 2011 ist. Um 25 Prozent mehr Österreicher entschieden sich heuer für einen Urlaub auf der Iberischen Halbinsel. Nur Spanier werden sie wohl heuer weniger am Strand treffen.
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