Einbrüche „nicht nachvollziehbar“
An den internationalen Börsen ist es in den vergangenen Tagen rasant bergab gegangen - und richtige Erklärungen dafür gibt es kaum: Volkswirte und Analysten halten die panikartigen Verkäufe für übertrieben und kritisieren ein „Herdenverhalten“. Nach Ansicht vieler Experten ist die dramatische Talfahrt nicht gerechtfertigt - weder durch die vorsichtigeren Ausblicke der Unternehmen noch durch die Schuldenproblematik in Europa und den USA.
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„Die massiven Kurseinbrüche erinnern stark an ein typisches Herdenverhalten“, sagte Hans-Jörg Naumer, Kapitalmarktanalyst bei Allianz Global Investors. „Das ist immer das Signal einer massiven Übertreibung. Es scheint eine Art Sommergewitter zu sein, und wir können immer noch auf stabileres Börsenwetter im Spätsommer hoffen.“
Rezession „unwahrscheinlich“
So sind die Kurseinbrüche für den Chefvolkswirt der deutschen Allianz, Michael Heise, nicht nachvollziehbar. Die positiven Signale durch die Kompromisse im US-Schuldenstreit und das jüngste Euro-Rettungspaket seien von den Märkten nicht ausreichend beachtet worden. „Die Sichtweise der Märkte wird sich aber in den nächsten Wochen wieder ausbalancieren“, sagte der Ökonom.
Eine Rezession in den USA sei unwahrscheinlich. „Enorm niedrige Zinsen sowie eine höchst expansive Geld- und Finanzpolitik in diesem Jahr werden die US-Wirtschaft stabilisieren und eher eine Expansion erzeugen.“ Kritischer sei dagegen die Euro-Schuldenkrise. Dass nun auch Italien und Spanien ins Visier der Finanzmärkte rückten, sorge für Irritation bei den Anlegern. „Wenn das eskaliert, kann es zu einem Konjunkturproblem in Europa werden - und das kann die Weltwirtschaft im Moment nicht gebrauchen.“
Hoffnung auf „Licht am Ende des Tunnels“
Auch heimische Analysten schließen sich dem an. Eine globale Rezession sollte durch Sonderfaktoren wie nachlassende Ölpreise verhindert werden, so Monika Rosen, Chefanalystin im UniCredit Private Banking in einer Kurzanalyse. Auch am strukturellen Nachholbedarf der Schwellenländer und dem langfristigen positiven Ausblick habe sich nichts geändert. „Sind die Auswirkungen des Kaufkraftverlustes und der Zinserhöhungen erst einmal ausgestanden, gibt es wieder Licht am Ende des Tunnels“, sagt Rosen.
Auch wenn sich die US-Konjunktur noch nicht auf Rezessionsniveau befinde, werde schon darüber diskutiert, ob die geplanten Einsparungen nicht die Konjunktur beschädigen könnten, so Johannes Mattner, Aktienmarktexperte der RZB.
Verweis auf trübe Ausblicke
„Der Konjunkturausblick hat sich an allen drei Fronten - USA, Europa und den Emerging Markets mit Brasilien, Indien und China - stark eingetrübt“, ist Stephan Lingnau, Internationaler Aktienexperte der Erste Group, deutlich skeptischer. Die jüngsten Frühindikatoren als auch Einkaufsmanagerindizes in den USA und Europa seien stark zurückgegangen und damit die Sorgen um das Wirtschaftswachstum deutlich gestiegen.
„Die Hoffnungen, dass es im zweiten Halbjahr besser wird, müssen nach unten revidiert werden. Möglicherweise steht eine Rezession vor der Tür“, so Lingnau. Verständnis für die Sorgen der Investoren zeigte auch Unicredit-Chefvolkswirt Andreas Ress: „Es gibt einen synchronen Abwärtstrend bei der Konjunktur in den USA, Lateinamerika, Asien und Europa.“
Automatisierter Handel treibt Abwärtsspirale an
Aus Sicht des deutschen Börsenexperten Wolfgang Gerke beschleunigen Computerprogramme, bei denen automatisch mit sogenannter Stopp-Loss-Software ab einem bestimmten Kursniveau Verkäufe einsetzen, den Abwärtstrend an den Börsen. „Das produziert dramatisches Herdenverhalten“, sagte der Präsident des Bayerischen Finanzzentrums der dpa. „Die Märkte werden sich wieder beruhigen, aber das geht nicht von einem Tag auf den anderen.“
Folker Hellmeyer, Chefvolkswirt der Bremer Landesbank, sieht die Politik in der Pflicht, eine überzeugende Lösung der Euro-Schuldenkrise zu finden und damit die Märkte zu beruhigen: „Es hängt nichts mehr an der Wirtschaft. Was passieren wird, liegt jetzt an Brüssel, an Berlin, Rom, Athen. Es hängt nichts mehr an der Wirtschaft.“
Scharfe Kritik an Politik
Scharf kritisierte Gerke, dass EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Durao Barroso öffentlich eine Aufstockung des europäischen Rettungsschirms EFSF verlangt hat. „Das ist unverantwortlich, man versetzt die Märkte in Unruhe und man setzt auch die Kollegen unter Zwang“. „Das ist keine kluge Politik, um es vorsichtig zu sagen“, sagte auch Joachim Scheide, Chefvolkswirt des Instituts für Weltwirtschaft in Deutschland.
Um Schadenbegrenzung bemüht zeigte sich am Freitag EU-Währungskommissar Olli Rehn. Er versichert, die Umsetzung der Beschlüsse des Euro-Gipfels sei eine Frage von „Wochen, nicht Monaten“. Alle betroffenen Institutionen arbeiteten „Tag und Nacht“ am Hilfsplan für die gefährdeten Euro-Länder, sagte Rehn. Weder Spanien noch Italien würden Notkreditprogramme benötigen. Die beiden Länder seien auf Kurs, ihre Defizitziele zu erreichen. Die Risikoaufschläge auf dem Anleihemarkt seien durch die Fundamentaldaten nicht gerechtfertigt.
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