Er wollte doch nur spielen
Keine Samples aus der Konserve, nur echte Instrumente: Als „orchestral rap“ definiert das kanadische Musiktalent Jason Beck alias Chilly Gonzales sein aktuelles Opus „The Unspeakable Chilly Gonzales“. Was auf dem Album gerade einmal 30 Minuten erreicht, wurde im Wiener Radiokulturhaus gemeinsam mit dem ORF-Radio-Symphonieorchester (RSO) unter Cornelius Meister zu einem zweistündigen Parforceritt durch die Musikgeschichte, bei dem nicht nur das Handwerk an den Instrumenten gefragt war.
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Man kann scheinbar kopflos Klavier spielen, etwa bei der Zugabe, wenn Gonzales unter dem Klavier sitzt, den Kopf unter den Bösendorferflügel steckt und seine Finger zu den Anfangstönen von Eric Saties „Gymnopedie“ über die Tasten gleiten lässt, um wenig später blind zu einem Ragtime abzubiegen. Man kann aber auch begleitet von einem 52-köpfigen Orchester die Forderung „Take me to Broadway“ auf demselben Instrument mit heftigem Headbangen untermauern. Und grundsätzlich zeigen, dass die Würde eines in gedeckten Farben auftretenden Orchesters nur durch die Überhöhung des Dresscodes vermittels angelegten Schlafmantels zu Hemd und Hauspantoffeln zu steigern ist.

Pamela Rußmann/FM4
Bademantel statt Frack - Jason Beck alias Chilly Gonzales
Für die FM4 Radio Session am Freitagabend ließ Gonzales fast nichts aus, um sich und sein Schaffen in Stellung und entsprechende Posen zu bringen. Da war er wieder, der Spagat, wie man schon bei seinen Solokonzerten auf dem Flügel erleben durfte, zwischen stilisierter Selbstanklage („worst MC“, „biggest asshole“) und frenetischer Selbstüberhöhung („I’m a musical genius“).
Die frühen Wurzeln des Rap
Wenn Gonzales alleine am Flügel sitzt, dann schimmert eine sehr große Vorliebe für französische Klavierarbeiten des frühen 20. Jahrhunderts im Zuschnitt eines Maurice Ravel, Francis Poulenc und Erik Satie durch. Nun, da er sich dem Rap mit orchestraler Unterlegung verschrieben hat, findet man die Technik des Sprechgesangs auf eine beinahe übersehene Tradition gebracht. Hier ist jemand, der seine (dem Genre gemäß nicht immer jugendfreien) Staccato-Texte in die Nähe der Arbeiten eines Kurt Weil rückt.
Die Nobilitierung des Rap im musikalischen Edelumfeld ist natürlich nur um den Preis der Selbstpersiflage zu haben. Jason Beck, selbst an der Montrealer McGill-Universität im Fach Klavier ausgebildet, weiß, dass die Welt voll ist von begabten Abgängern von Musikhochschulen und Konservatorien. Konsequenterweise müssen Zusatzqualitäten ins Treffen geführt werden, und in seinem Fall sind es die des Entertainers.

Pamela Rußmann/FM4
Zunächst am, später auf dem Bösendorfer
Posaunisten sind zum Winken da
Geschickt nimmt er der üppigen Orchester-Ausstattung in Bademantel und Filzpatschen die Bedeutungsschwere. Wer so viele Musiker um sich hat (und normalerweise nur auf die neunköpfige Ausstattung eines Kammerorchesters zurückgreifen kann), der sieht sich aufgefordert, auf vielen Ebenen zu spielen. Und das reicht vom Einstudierten über die Improvisation bis hin zu ausufernden Albernheiten.
Die Blechbläser müssen schweigen und Heino-artige Winkbewegungen vollführen. Und der Chefdirigent, will er kein Spielverderber sein, wird mit Gonzales auf dem Hosenboden über die Bühne hampeln.
Das Konzert zum Nachhören
Die Aufzeichnung der FM4 Radio Session mit Chilly Gonzales und dem RSO unter Cornelius Meister gibt es am 11. August in der FM4 Homebase Parade ab 19.00 Uhr zu hören. Ebenfalls am 11. August geht das Video zur FM4 Radio Session auf fm4.ORF.at online.
Das Publikum, das, wie man annehmen darf, nicht zu den Dauerkartenbesitzern im Musikverein gehört, nimmt diesen Spagat mit Begeisterung auf. Und so kann sich Gonzales, der Meister der überlangen Konzerte, so schwer trennen von den Witzen, die vom „wahrscheinlich kleinen“ Gemächt Richard Wagners bis zur Unspielbarkeit von Schönberg auf zwei Bongos reichen.
Den Nummern seines letzten Albums hat er jedenfalls ordentlich Klangfülle gegeben an diesem Abend. Er könnte vielleicht erschrocken sein, wie viel da an klanglichem Unterfutter in seine Nummern hineinkam. Mit gedeckter Stimme und Stimmung kann man in so einem lustvoll musizierenden Umfeld nicht bestehen. Gleich am Anfang musste er neben dem fetten Sound des Orchesters stimmlich doch ziemlich das Volumen hochdrehen.

ORF.at
MC Chilly Gonzales zwischen Gastpianisten aus dem Publikum, RSO und Cornelius Meister
Das Finale mit einem auf der Klavierdecke stehenden Gonzales, der wie so oft an diesem Abend den Chefdirigenten keck und dann doch auch kameradschaftlich herausforderte, war da nur konsequent. Man darf gespannt sein, wie viel der Energie dieses lautstark bejubelten Abends sich in die Radioausstrahlung am 11. August wird übertragen lassen.
Gerald Heidegger, ORF.at
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