Themenüberblick

Nur ein Missgeschick?

Der britische Abhörskandal wächst sich weiter aus und erschüttert immer mehr Teile der Gesellschaft in ihren Grundfesten. Medien, Polizei und Politik sind verstrickt. Da ist es auch nicht verwunderlich, dass selbst angebliche Zufälle höchst verdächtig wirken. So sorgte am Montagabend ein Taschenfund für Rätselraten.

Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.

Die Tasche mit einem Laptop, einem Telefon und Papieren wurde in einem Mistkübel in einer Tiefgarage gefunden - ganz in der Nähe der Wohnung der Ex-Managerin von Rupert Murdochs News International, Rebekah Brooks. Sie steht als ehemalige Chefredakteurin von „News of the World“ im Zentrum des Abhörskandals, trat vergangene Woche zurück und wurde zwischenzeitlich festgenommen.

Abenteuerliche Erklärung

Die Tasche wurde dem Sicherheitspersonal übergeben, wenig später sagte Brooks’ Mann Charlie, sie gehöre ihm, und forderte sie zurück. Allerdings konnte er das nicht beweisen, der Inhalt landete bei der Polizei, die den Computer und das Telefon nun unter die Lupe nimmt. Der Verdacht drängt sich auf, dass Brooks - reichlich ungeschickt - belastendes Material verschwinden lassen wollte.

David Wilson, Charlie Brooks’ Sprecher, betonte, dass die Tasche dem Ehemann gehöre und dass der Vorfall rein gar nichts mit der Affäre zu tun habe. Brooks habe die Tasche bei einem Freund liegen lassen, der wollte sie zurückgeben, habe sie aber an einem falschen Platz der Garage stehen lassen. Danach hätten wohl Reinigungskräfte die Tasche in einem Mistkübel entsorgt. Ob sich die Behörden mit dieser Erklärung zufriedengeben, war zunächst nicht abzusehen.

Mysteriöser Todesfall

Für Aufregung hatte zuvor ein mysteriöser Todesfall gesorgt: Sean Hoare, ehemaliger Reporter bei „News of the World“, wurde am Montag tot in seinem Haus gefunden. Hoare hatte vergangenes Jahr in einem Interview mit dem „New York Times Magazine“ als Erster seinen ehemaligen Chef und späteren Mitarbeiter von Premier David Cameron, Andy Coulson, schwer belastet. Coulson habe von den Abhöraktionen gewusst und seine Mitarbeiter sogar dazu aufgefordert.

Noch vergangene Woche erhob er gegenüber Medien weitere Vorwürfe gegen seine Ex-Arbeitgeber. Hoare war aufgrund von Alkohol- und Drogenproblemen entlassen worden. Die britische Polizei sagte, die Todesursache sei noch nicht geklärt, der Fall sei aber nicht „verdächtig“.

Zehn Verdächtige festgenommen

Murdoch war seit Aufkommen des Abhörskandals immer mehr unter Druck geraten und musste seine Zeitung schließlich einstellen. Als der Druck noch stieg, zog er auch sein Übernahmeangebot für den britischen Bezahlsender BSkyB zurück und opferte letztlich auch seine Vertraute Brooks, die wie neun weitere Personen vorübergehend festgenommen wurde.

Journalisten der Zeitung sollen jahrelang Handys von Prominenten, Politikern, Angehörigen von Terroropfern und Kriegsgefallenen sowie eines entführten und später ermordeten Mädchens abgehört haben. Als Entschuldigung für den Skandal schaltete Murdoch am Wochenende große Anzeigen in der Presse.

Die Affäre zog enorme Kreise: Verstrickt waren offenbar auch hochrangige Polizeibeamte - Paul Stephenson, der Chef von Scotland Yard, und sein Vize John Yates traten am Sonntag bzw. Montag zurück. Und selbst Cameron muss sich von der Opposition unangenehme Fragen gefallen lassen. Sie wirft dem Regierungschef vor, ein zu enges Verhältnis zu Murdoch und den Führungsfiguren seines Medienimperiums gepflegt zu haben.

Verliert Murdoch Rückhalt im Konzern?

Trotz seines Alters zieht Murdoch bis heute die Fäden in seinem Imperium. Im Verwaltungsrat der News Corp. sitzen seine Söhne James und Lachlan. Seine Tochter Elisabeth soll ebenfalls in das höchste Gremium einziehen. Murdoch kann schalten und walten, wie er will - rund 38 Prozent der Stimmrechte liegen in seiner Hand. Kein anderer Aktionär ist auch nur annähernd so mächtig wie er.

Nach Informationen der Nachrichtenagentur Bloomberg stellen nun aber die ersten Mitglieder des Verwaltungsrats die Frage, ob die News Corp. richtig auf die Krise reagiert habe - und ob nicht ein Führungswechsel notwendig sei. Murdoch selbst findet, sein Unternehmen habe die Krise „extrem gut gehandhabt“, und es seien noch keine Schäden entstanden, „die nicht repariert werden könnten“.

Zieht sich Murdoch zurück?

Murdoch denkt einem Zeitungsbericht zufolge schon seit längerem über einen Rücktritt als Chef seines Konzerns News Corp. nach. Wie das „Wall Street Journal“, das ebenfalls zu dem Medienkonzern gehört, am Montag (Ortszeit) berichtete, erwägt er den Rückzug von seinem Posten seit über einem Jahr. „Bereits bevor der Skandal in den vergangenen Wochen aufflammte“, habe Murdoch einen Rücktritt als Firmenchef zugunsten des für das Tagesgeschäft zuständigen Vorstands Chase Carey erwogen, berichtete die Zeitung unter Berufung auf das „mit der Situation vertraute Umfeld“ Murdochs.

Anleger werden nervös

In dem Szenario würde Murdoch dem „WSJ“ zufolge aber Verwaltungsratschef bleiben. „Auch wenn sich Murdoch zu diesem Wechsel entscheiden würde, so würde er es nicht jetzt tun“, zitierte die Zeitung aus Murdochs Umfeld weiter. Vielmehr sei ein Wechsel an der Konzernspitze denkbar, wenn sich die „Aufregung“ um den Abhörskandal gelegt habe.

Anleger bangen jedenfalls nach dem Scheitern der Milliardenübernahme für BSkyB und der Rücktrittswelle bei News Corp. um den nächsten Deal des Medienmoguls: die geplante Übernahme des australischen Bezahl-TV-Senders Austar. An der australischen Börse fielen die Aktien des Murdoch-Konzerns News Corp. am Montag zeitweise um sieben Prozent auf 13,65 australische Dollar - der tiefste Stand seit zwei Jahren.

Links: