Brite mit indisch-karibischen Wurzeln
Hätte das britische Weltreich nie existiert, dann würde es wohl auch den Schriftsteller Vidiadhar Surajprasad Naipaul nicht geben. Seine Vorfahren lebten in Indien und ließen sich von den Kolonialherren zur Arbeit auf Trinidad anheuern. Dort in der Karibik wuchs Naipaul auf, bevor er nach England zog, wo er zum Autor reifte.
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Diese Biografie und die Frage nach der Identität von Menschen in kolonial geprägten Gesellschaften bestimmten das Lebenswerk des Autors. 2001 erhielt er den Literaturnobelpreis.
Naipaul wurde in einem im nordindischen Stil erbauten Haus in der Kleinstadt Chaguanas auf Trinidad geboren. Knapp die Hälfte der Inselbewohner ist indischer Abstammung. Mit seinem ersten großen Romanerfolg, „Ein Haus für Mr. Biswas“ (1961), setzte Naipaul dem Eiland ein literarisches Denkmal.
Lebensgeschichte des Vaters
Hinter dem Romanhelden Biswas verbirgt sich niemand anderer als Naipauls Vater Seepersad Naipaul. Als bettelarmer Brahmane geboren, arbeitet er sich hoch zum Reporter einer Tageszeitung in der Inselhauptstadt Port of Spain. Wenige Jahre vor seinem Tod schafft er es, ein eigenes Haus zu kaufen, um „einen Anspruch auf seinen Teil der Erde geltend zu machen“.
Naipauls Vater schrieb auch Kurzgeschichten und legte dem Sohn den literarischen Ehrgeiz quasi mit in die Wiege. Als er 1953 starb, hatte Naipaul Trinidad schon für immer Lebewohl gesagt. 1950 erlangte er ein Stipendium für ein Studium in Oxford, danach arbeitete er für die BBC in London, bis er schließlich als freier Schriftsteller durch Afrika, Asien und Lateinamerika reiste. „Trinidad hat nichts zu bieten“, sagte er und machte sich damit bei manchen seiner früheren Landsleute unbeliebt.
Kein Blatt vor dem Mund
Doch Naipaul hat es nie gekümmert, mit seinen Äußerungen anzuecken. „Dritte Welt“-Ideologen brachte er in Rage, weil er sich jeder romantischen Idealisierung der Entwicklungsländer verweigerte und diese für Armut und Elend zum Teil selbst verantwortlich machte. Damit handelte sich der Mann aus dem Süden den Vorwurf ein, mit seinem Umzug nach England die Ideologie der Kolonialherren übernommen zu haben.
Schon früh war Naipaul auch ein scharfer Kritiker des Islam. Dieser habe in nicht arabischen Ländern wie Indien mehr Schaden als der Kolonialismus angerichtet, sagte Naipaul und erzürnte damit seinen indischen Schriftstellerkollegen Salman Rushdie.
Berühmt für penible Recherchen
Leser und Kritiker schätzen an Naipaul seine glasklare Sprache und seinen Verzicht auf alle Klischees. Der Nobelpreisträger gilt als penibler Arbeiter, der vor dem Bücherschreiben immer umfangreich an den Orten des Geschehens recherchiert. „Ich schreibe und reise, um etwas herauszufinden. Und mir ist es wichtig, dass die Leute, die ich treffe, anständig und akkurat dargestellt werden“, sagte er in einem Interview mit der „Neuen Zürcher Zeitung“. Nur ein schlechter Reporter wisse schon vorher, was er hören wolle.
Naipaul hat in drei Büchern Indien, die Heimat seiner Vorfahren, beschrieben. Im vorigen Jahr erschien auf Deutsch „Indien, Land des Aufruhrs“ (Claasen) - 16 Jahre nach dem englischen Original. Zu Naipauls bekanntesten Werken zählen neben „Mr. Biswas“ der Afrika-Roman „An der Biegung des großen Flusses“ (dt. 1980) und seine Karibik-Geschichte „Auf der Sklavenroute“ (dt. 1999). Seine Ansichten zum Islam hat er unter anderem in „Jenseits des Glaubens“ (dt. 2002) festgehalten. Ein auf drei Kontinenten heimatloser Inder ist die Hauptfigur seiner beiden zusammenhängenden Romane „Ein halbes Leben“ (dt. 2001) und „Magische Saat“ (dt. 2005). Sein bisher jüngstes Buch „Afrikanisches Maskenspiel. Einblicke in die Religionen Afrikas“ erschient 2011 auf Deutsch.
Erschöpfung nach Vollendung eines Buches
In den Fußstapfen seines Vaters stieg Naipaul zum literarischen Olymp auf. Doch er hat immer wieder versichert, dass ihm die natürliche Gabe fürs Schreiben abgehe und dass sein Werk allein das Resultat konstanten Lernens und harter Arbeit sei. In den vergangenen Jahren hat er auch schon einmal beteuert, keine Bücher mehr schreiben zu wollen. Doch dann gab er zu verstehen, dass solche Äußerungen nur der Erschöpfung entspringen, die er nach Vollendung jedes neuen Werkes empfindet.
Klaus Blume, dpa
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