„In Selbstverteidigung gehandelt“
Bei den gewalttätigen Protesten vor dem Lager der deutschen ISAF-Soldaten vor zwei Wochen haben die Bundeswehrsoldaten gezielt auf Demonstranten geschossen und möglicherweise auch Menschen getötet. Dieser Vorfall dürfte der Hintergrund für den Anschlag am Gouverneurssitz in Talokan am vergangenen Samstag sein, bei dem mehrere deutsche Soldaten ums Leben kamen.
Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.
In drei oder vier Fällen hätten die Soldaten am 18. Mai auf Rumpf, Arme oder Hände gewalttätiger Demonstranten gefeuert, hatte die Bundeswehr zwei Tage später mitgeteilt. „In einem Fall ist nach derzeitiger Erkenntnis ein Treffer im Hals-Kopf-Bereich nicht auszuschließen.“
Die Demonstranten seien mit Handgranaten und Brandsätzen bewaffnet gewesen. Der Vorfall wird derzeit durch die NATO-Truppe ISAF und eine vom afghanischen Präsidenten Hamid Karzai eingesetzte Kommission untersucht. Der Generalbundesanwalt in Karlsruhe wurde ebenfalls informiert.

Reuters
Demonstration vor deutschem Außenposten eskalierte.
Mindestens 14 Tote
Es sei unstreitig, dass die Soldaten in Selbstverteidigung gehandelt hätten, erklärte die Bundeswehr. Alle Soldaten seien innerhalb des Lagers in der Stadt Talokan eingesetzt gewesen. Die deutschen Soldaten hätten zunächst Warnschüsse in die Luft abgegeben und erst dann gezielt auf „weiterhin gewalttätige Demonstranten im Schwerpunkt auf den Beinbereich“ gefeuert.
Bei der Auseinandersetzung seien drei deutsche Soldaten und fünf afghanische Wachleute verwundet worden. Nach Angaben der UNO-Truppe in Afghanistan wurden bei den Protesten mindestens 14 Menschen getötet und mindestens 80 verwundet.
Protest nach nächtlicher Razzia
Auslöser der Demonstration war eine der in der Bevölkerung umstrittenen nächtlichen Razzien von NATO-Truppen - vermutlich US-Streitkräfte - und afghanische Soldaten, bei der vier Menschen getötet wurden. Nach Angaben der NATO handelt es sich bei den Toten um Aufständische, die der Islamischen Bewegung Usbekistans (IMU) angehörten, die Verbindungen zur Extremistenorganisation Al-Kaida unterhält. Karzai dagegen verurteilte das Vorgehen der Truppen und erklärte, es seien vier unschuldige Familienmitglieder erschossen worden.
Kleine Außenstelle
Die Bundeswehr betreibt in der Kleinstadt Talokan mit etwa 40 Soldaten eine Außenstelle des großen, 70 Kilometer entfernten Feldlagers Kunduz, wo über 1.100 deutsche Soldaten in einem stark befestigten Camp außerhalb der Stadt stationiert sind. Der Bundeswehrposten im normalerweise friedlichen Talokan liegt anders als an anderen Standorten mitten in der Stadt und ist entsprechend angreifbar.
Während der Proteste hatte sich eine schätzungsweise 3.000 Mann starke Menschenmenge dicht gedrängt auf der Straße vor dem Außenposten versammelt.
Links: