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Welcher Film warum 3-D braucht

Aller Unkenrufe zum Trotz: Immer mehr Kinos stellen in Österreich ihr Equipment auf 3-D um, und immer mehr Filme werden mit den entsprechenden Methoden gedreht. Bei „Pirates of the Caribbean - Fremde Gezeiten“ aus dem Hause Disney kam eine Spezialtechnologie erstmals zu großem Einsatz. Nun stellt sich die Frage: Was bringt 3-D?

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Zunächst zum Film. Die Story ist weniger mühsam konstruiert als jene der ersten drei Teile. Jack Sparrow (Johnny Depp) und ein paar andere Piraten rittern darum, als erste den Jungbrunnen zu finden und für sich zu beanspruchen. Mit von der Partie ist Sparrows Ex Angelica (Penelope Cruz), die beiden verbindet eine Hassliebe. Meerjungfrauen spielen eine Rolle, es gibt eine wilde Kutschenverfolgungsjagd in London, Zombiepiraten und genug ironische Sprücheklopferei von Sparrow/Depp, um den Filmemachern zuzugestehen, dass sie das alles selbst nicht ganz ernst nehmen.

Wenn man also nicht grundsätzlich Action-Pomp-Abenteuerfilme ablehnt, wird man hier gut bedient, ungewöhnlich gut, weil es neben der ausladenden Action-Szenen eine nachvollziehbare, spannende Story gibt - so etwas gilt in der Branche längst als Ausnahme (siehe die letzten beiden James-Bond-Filme). Und ein kleiner Hinweis: Bis zum Ende des Nachspanns bleiben, es kommt noch was.

Allerschönster Freibeuterkitsch

Vor allem aber stört der simple Plot die Bilder nicht, und um die geht es hier in erster Linie. Produzent Jerry Bruckheimer und sein Team haben die Piraten wieder schaurig-schön ausstaffiert und die Kulissen bieten detailverliebten Freibeuterkitsch pur, in dem Gefechte und Schmachtszenen gleichermaßen zur Geltung kommen. Das alleine wären aber noch keine Gründe, ins Kino zu gehen, wenn man kein Fan des Genres oder Johnny Depps ist. Spannend macht den Kinobesuch erst die Frage nach dem 3-D-Effekt.

Ähnlich vollmundig wie bei „Avatar“ hat auch Disney nun ein vollkommen neues dreidimensionales Erleben angekündigt - „das erste an Originalschauplätzen entstandene epische Filmabenteuer, das mit Red-One-3-D-Kameras gedreht wurde.“ Bei den nicht animierten Szenen von „Avatar“ fühlte man sich noch an „Des Kaisers neue Kleider“ erinnert: Alle reden von 3-D, aber auf der Leinwand sieht man vier übereinander gelegte Fensterscheiben, auf die unterschiedliche Bilder projiziert werden.

Es geht doch

In Filmerkreisen heißt es, dass die beste 3-D-Technologie nichts hilft, wenn man nicht mit ihr umgehen kann - und das ist äußerst kompliziert. Beim neuen „Fluch der Karibik“ hat man die beste Technologie verwendet und bei der Qualität der Aufnahmen an jeder erdenklichen Schraube gedreht - und siehe da: Zum ersten Mal stellt sich bei einem Spielfilm von der ersten bis zur letzten Szene ein echtes 3-D-Erleben ein. Es geht also doch.

Bleibt abzuwarten, ob das auch auf die kommenden 3-D-Sommerblockbuster zutrifft. Die PR-Maschine läuft bereits für den letzten Harry Potter, „Die Heiligtümer des Todes - Teil 2“, der am 14. Juli anläuft. Man darf auf die Umsetzung des finalen Kampfes zwischen Harry und Lord Voldemord gespannt sein. Bereits am 1. Juli kommt der neue „Transformers“-Film in die Kinos. Riesenmaschinenfiguren kämpfen um den Mond, unter der Regie von Michael Bay, produziert von Steven Spielberg - maximale 3-D-Action ist zu erwarten.

Kinos stellen um

Dass die Kassen klingeln werden, steht also mittlerweile außer Frage. Bis zum Erfolg von „Avatar“ wurden die alle paar Jahre wiederkehrenden Ankündigungen, dass 3-D nun seinen Siegeszug antreten werde, längst nur noch belächelt. James Cameron jedoch verkaufte mit seinem allzu simplen Märchen alleine in Europa 43 Millionen Karten - mehr als jeder andere Film im Vorjahr. Auf Platz drei dieser Liste folgt „Toy Story 3“, ebenfalls in 3-D gedreht, in den Top 20 finden sich hauptsächlich weitere dreidimensionale US-Produktionen.

Auch eine Vielzahl an Kinos stellt auf Digital- und 3-D-Technik um, was aufgrund der Kosten vor allem kleinere Programmkinos in Bedrängnis bringt. Europaweit hat sich die Anzahl digitaler Leinwände verdoppelt - auf nun 29 Prozent, 24 Prozent sind 3-D-fähig. Österreich liegt mit einer Durchdringung digitaler Flächen von 52 Prozent klar über dem Durchschnitt. 35 Prozent der Leinwände sind hierzulande 3-D-fähig. Und auch bei Fernsehern gibt es erste Modelle, die ein halbwegs befriedigendes 3-D-Erlebnis ermöglichen.

Die falschen Filme in 3-D?

Die Technologie scheint relativ ausgereift (freilich noch mit Luft nach oben), Kinos und Fernseher werden umgestellt, neues Equipment macht 3-D-Drehs zudem auch für kleinere Produktionsfirmen leistbar. Nur: Was bringt 3-D? Wim Wenders hat sich mit dieser Frage beschäftigt, er drehte die viel beachtete Tanzdokumentation „Pina“ dreidimensional und ist von der neuen Technologie begeistert, wie er im Interview mit der APA sagte. Ein Jahrhundert lang habe das Kino versucht, mit 2-D-Mitteln 3-D zu simulieren - und nun könne man endlich tatsächlich den Raum miteinbeziehen.

Allerdings, so Wenders, würden heute die falschen Filme damit gedreht: „Das meiste, das ich mir anschaue - und eine Weile lang habe ich jeden Mist in 3-D gesehen, nur um zu schauen, was die damit gemacht haben -, hätte man nicht in 3-D drehen müssen. Es bringt nichts außer die Attraktion, den Geisterbahneffekt. Das ist es nicht. Und ich bin sicher, dass es wunderbare Geschichten gibt, die eine Affinität zu diesem Raum haben, aber da haben sich die Autoren bisher noch nicht herangetraut.“

Faszination Technologie

Das Wort „Geisterbahneffekt“ bringt es auch im Fall des neuen „Fluch der Karibik“-Films auf den Punkt. Man erschrickt, wenn plötzlich eine Figur in den Raum schnellt wie ganz am Anfang. Aber der Effekt verpufft. Nach einer der knapp zweieinhalb Stunden hat man sich an die dritte Dimension gewöhnt, der Film könnte ab da genauso gut in 2-D laufen. Für diese frühe Phase genügt die Faszination der neuen Technologie noch, vor allem, wenn sie so gut umgesetzt wird.

Überlegungen dieser Art werden erst dann obsolet sein, wenn einen 3-D-Streifen zu drehen tatsächlich nicht mehr teurer sein wird, und wenn man für eine realistische 3-D-Erfahrung keine klobigen Brillen mehr braucht. In näherer Zukunft werden sich Regisseure und Produzenten aber die von Wenders angesprochene, entscheidende Frage stellen müssen: Welcher Film braucht 3-D - und warum?

Simon Hadler, ORF.at

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