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Gerüchte und Spekulationen

Dominique Strauss-Kahn ist noch nicht einmal angeklagt geschweige denn verurteilt, da hat schon die Debatte über seine Nachfolge als Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) begonnen. Mittlerweile gibt es fast ein Dutzend Kandidaten für den wichtigen Posten. Den Gerüchten und Spekulationen sind derzeit kaum Grenzen gesetzt.

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Einzig die EU-Kommission hält sich in der Frage einer Nachfolge für den in den USA wegen eines Vergewaltigungsvorwurfs inhaftierten Strauss-Kahn zurück. Eine Sprecherin der Brüsseler Behörde sagte am Dienstag aber, dass Europa als größter Teilnehmer am IWF eine Verantwortung habe. Sollte die Nachfolgefrage akut werden, gebe es aus Europa viele geeignete Kandidaten, „aber das ist derzeit hypothetisch“.

Während Spitzenpolitiker aus EU-Ländern wegen der Schuldenkrise auch künftig gern einen Europäer auf dem Chefsessel der mächtigen Finanzinstitution sehen wollen, fordert China eine Auswahl auf Basis von „Fairness, Transparenz und Leistung“. Spekulationen zufolge könnte der nächste IWF-Chef aus einem Schwellenland wie China und Indien kommen.

IWF-Ausrichtung grundlegend geändert

Denn mit dem Ausfall Strauss-Kahns könnte der IWF vor einem Kurswechsel bei seiner Kreditpolitik stehen. Griechenland, Irland und Portugal müssten dann härtere Auflagen fürchten, um künftig an frisches Geld zu kommen. Der französische Sozialist Strauss-Kahn hatte das Image des IWF als pedantischer Hüter haushaltspolitischer Grundsätze und Förderer einer allgemeinen Deregulierung seit 2007 aufgeweicht. Außerdem verpflichtete der 62-Jährige den globalen Kreditgeber für Krisenstaaten zur Hilfe für die im Schuldenstrudel kämpfenden europäischen Staaten. Und er lenkte damit den IWF weg von seiner traditionellen Klientel, die unter den Entwicklungs- und Schwellenländern zu finden ist.

Ackermann als deutscher Kandidat möglich

Der Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, zählt einem Zeitungsbericht zufolge zu den Kandidaten für den Chefsessel des IWF. Die „Bild“-Zeitung berichtete am Dienstag ohne Angabe von Quellen, die deutsche Bundesregierung halte Ausschau nach möglichen deutschen Kandidaten, und dabei werde auch Ackermanns Name genannt.

Im Gespräch sei zudem Thomas Mirow, Chef der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD). Die Deutsche Bank wollte sich zur Sache nicht äußern. Ein kurzfristiger Wechsel Ackermanns zum IWF dürfte allerdings schwierig sein. Sein Vertrag an der Spitze von Deutschlands größtem Geldhaus läuft noch bis 2013, die Nachfolgefrage ist hier noch nicht geklärt.

Lagarde mit guten Aussichten

Falls überhaupt die Europäer erneut zum Zuge kommen sollten, wäre die französische Finanzministerin Christine Lagarde wohl erste Wahl. Die 55-Jährige hatte sich in der Finanzkrise durch ihr souveränes Auftreten im Kreis der führenden Industrie- und Schwellenländer (G-20) großes Ansehen erworben.

Die „Financial Times“ verlieh der fließend Englisch sprechenden Politikerin 2009 sogar den Titel der besten Finanzministerin Europas. Gegen sie spricht jedoch ihre Nationalität. Denn Frankreich hatte den IWF-Chefposten in den zurückliegenden 33 Jahren insgesamt 26 Jahre lang inne. Staatschef Nicolas Sarkozy dürfte seine Starministerin zudem im heraufziehenden Präsidentschaftswahlkampf nur ungern ziehen lassen.

Vater des Aufstiegs der Türkei

Der Türke Kemal Dervis gilt hingegen als aussichtsreicher Kandidat für den Fall, dass kein Europäer den Job bekommt. Dervis ist einer der Väter des Aufstiegs der Türkei, die 2001 eine schwere Finanzkrise durchmachte und durch Reformen sowie eine milliardenschwere Finanzspritze des IWF die Wende schaffte. Er ging 1978 zur Weltbank, deren Vizechef er 1996 wurde. Er kehrte 2001 als Wirtschaftsminister in sein Heimatland zurück, das zu dieser Zeit unter Bankenpleiten, steigender Inflation und einer massiven Währungsabwertung litt. Derzeit ist der 62-Jährige Vizepräsident der Washingtoner Denkfabrik Brookings Institution.

Südafrika und Mexiko

Aus Südafrika ist Trevor Manuel im Gespräch. Der 55-Jährige ist in Finanzkreisen sehr anerkannt. Von 1996 bis 2009 war er Finanzminister in Südafrika, wo er in den 80er Jahren vom Apartheid-Regime wegen seiner politischen Aktivitäten verfolgt und inhaftiert worden war. Als Chef der nationalen Planungskommission hat er noch immer großen Einfluss auf die Geschicke seines Heimatlandes, das zu den am schnellsten wachsenden Schwellenländern gehört.

Auch Mexiko sähe gerne einen Landsmann als Chef der mächtigen Weltbank. Der 52-jährige Agustin Carstens ist seit Anfang 2010 Chef der mexikanischen Notenbank, der er zuvor als Chefvolkswirt diente. Unter seiner Führung wurde die Unabhängigkeit der Zentralbank infrage gestellt, nachdem Carstens den Finanzminister zur Teilnahme an den geldpolitischen Entscheidungen eingeladen und eine enge Zusammenarbeit mit der Regierung zugesagt hatte. Von 2003 bis 2006 war er Vizechef des IWF.

PIMCO-Chef könnte im Rennen sein

Aus Indien ist der einflussreiche Wirtschaftsberater von Premierminister Manmohan Singh, Montek Singh Ahluwlia, im Gespräch. Er gehört zu den Befürwortern offener Märkte. Er sorgte dafür, dass die Preiskontrollen für Benzin und Diesel beendet wurden. Seine Karriere begann der 67-Jährige bei der Weltbank und arbeitete später für den IWF. Gegen ihn spricht sein Alter.

Der Israeli mit US-Staatsbürgerschaft Stanley Fischer kennt den IWF in- und auswendig. Er diente ihm von 1994 bis 2001 als Vizechef. Der 67-Jährige ist ein weltweit anerkannter Ökonom, der am renommierten Massachusetts Institute of Technology lehrte - zu seinen Studenten gehörte der jetzige US-Notenbankchef Ben Bernanke. Seit 2005 ist er Chef der Nationalbank von Israel.

Weiters genannt wird auch Mohamed El-Erian. Der 52-Jährige ist Chef des weltgrößten Anleiheinvestors PIMCO. 15 Jahre lange arbeitete er für den IWF, bevor er in den 90er Jahren zur US-Bank Salomon Smith Barney/Citigroup stieß. 2008 veröffentlichte er den Bestseller „Märkte im Umbruch“. El-Erian wurde in New York als Sohn einer französischen Mutter und eines ägyptischen Diplomaten geboren.

Wie sieht es mit Gordon Brown aus?

Lange wurde der ehemalige britische Premier- und Finanzminister Gordon Brown als aussichtsreicher Kandidat für den IWF-Chefposten gehandelt. Doch sein konservativer Nachfolger in Downing Street 10, David Cameron, hat diesen Träumen ein jähes Ende gesetzt und den Labour-Politiker offen als ungeeignet bezeichnet. Zugleich deutete Cameron an, dass es nun an der Zeit sein könnte, dass ein Schwellenland den IWF-Chef stellt. Doch auch einen Schwenk auf Brown halten einige Insider noch für möglich, wenn auch nicht für wahrscheinlich.

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