Themenüberblick

„Einvernehmlicher Sex“

In Frankreich wird über mögliche Verteidigungsstrategien des wegen Sexvorwürfen inhaftierten IWF-Chefs Dominique Strauss-Kahn diskutiert. Die Pariser Tageszeitung „Le Figaro“ zitierte am Dienstag einen US-Anwalt, der das völlige Abstreiten eines sexuellen Annäherungsversuchs an ein Zimmermädchen für die am wenigsten wahrscheinliche Option hält.

Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.

„Er könnte dafür plädieren, dass sie sein Verhalten falsch interpretiert hat, dass er sie nur anmachen wollte und sie das falsch verstanden hat“, sagte der New Yorker Strafrechtsexperte Evan Barr dem Blatt. Auch könne Strauss-Kahn behaupten, dass das Zimmermädchen ebenfalls interessiert gewesen sei.

Wie um Barrs Vermutung zu bestätigen, berichtete die New Yorker Boulevardzeitung „Post“ am Dienstag, dass Strauss-Kahn offenbar „einvernehmlichen Sex“ eingeräumt habe. „Frankreichs führender Präsidentschaftskandidat mag über ein Zimmermädchen in Manhattan hergefallen sein - aber sie wollte es“, schreibt das Blatt - mit Verweis auf Aussagen der Anwälte.

IWF-Chef bleibt in Untersuchungshaft

Strauss-Kahn, der als sozialistischer Gegenkandidat des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy bei der nächsten Wahl gehandelt wurde, soll am Samstag in einem New Yorker Hotel über eine Angestellte hergefallen sein und versucht haben, sie zu vergewaltigen. Der 62-Jährige wurde festgenommen. Er sitzt bis auf weiteres in den USA in Untersuchungshaft. Französische Medien sehen damit, egal ob schuldig oder nicht, seine politische Karriere als beendet.

„Nackter Mann im Zimmer“

Unterdessen bleibt es laut Medienmeldungen rätselhaft, was in der vorgeblichen Tatzeit passierte und ob der IWF-Chef überhaupt in seinem Zimmer war. Sowohl zur Tatzeit als auch zu den Details gibt es divergierende Angaben. Zwei unterschiedliche Versionen schälten sich heraus. Die eine stammt vom mutmaßlichen Opfer, einem 32 Jahre alten Zimmermädchen. Der Polizei sagte sie, dass sie am Samstag gegen 13.00 Uhr gegen die Tür der 3.000 Dollar teuren Suite des Luxushotels Sofitel am Times Square geklopft und „Housekeeping“ (Zimmerservice) gerufen habe.

Als niemand antwortete, habe sie wie üblich bei offener Tür das Zimmer aufräumen wollen, als sie einen nackten Mann überraschte. Eine Entschuldigung murmelnd wollte sie gehen, doch der Unbekannte habe die Tür geschlossen, sie aufs Bett geworfen und Oralsex gefordert. Nur mit Mühe habe die aus Afrika stammende Frau vor dem Unbekannten fliehen können. Doch so unbekannt war der Mann nicht. Bei einer Gegenüberstellung bei der Polizei erkannte sie Strauss-Kahn.

Stubenmädchen könnte diskreditiert werden

Die Anwälte des IWF-Chefs - darunter Benjamin Brafman, der schon Michael Jackson und Rapper P. Diddy vertrat - sehen die Vorgänge ganz anders. Zur Tatzeit sei der Franzose mit seiner Tochter essen gewesen und danach gleich zum Flughafen gefahren. Erst da treffen sich die Geschichten wieder: Nur Minuten vor dem Start wurde Strauss-Kahn aus der Ersten Klasse eines Air-France-Fluges geholt und zum Verhör nach East Harlem gebracht.

Dominique Strauss-Kahns Anwalt Benjamin Brafman spricht zu der Presse

APA/EPA/Jason Szenes

Strauss-Kahns Anwalt Benjamin Brafman stellt sich der Presse.

Der französische Radiosender RMC berichtete, dass Strauss-Kahns Anwälte demnächst Beweise für das Essen mit seiner Tochter vorlegen wollen. Zudem wollen sie argumentieren, dass die Hotelangestellte möglicherweise ein finanzielles Interesse gehabt habe, den IWF-Chef der versuchten Vergewaltigung zu beschuldigen.

Hinweise auf weiteren Vorfall

Unterdessen prüft die New Yorker Justiz, ob der IWF-Chef möglicherweise schon einmal eine Frau angegriffen hat. Es gebe entsprechende Hinweise, hieß es am Montag von der Staatsanwaltschaft. Der frühere Fall soll sich zwar außerhalb der USA abgespielt haben, aber - zumindest in groben Zügen - dem aktuellen Vorwurf gleichen. „Einige Informationen beinhalten Hinweise, dass er tatsächlich schon einmal ähnlich gehandelt hat wie in dem Fall, der ihm jetzt zur Last gelegt wird“, sagte John McConnell von der Staatsanwaltschaft der „New York Times“.

IWF-Chef auf Gefängnisinsel

Nachdem ein New Yorker Gericht am Montag entschieden hatte, dass Strauss-Kahn in U-Haft bleibt, wurde dieser auf der New Yorker Gefängnisinsel Rikers Island untergebracht. Er habe zu seinem eigenen Schutz eine Einzelzelle bekommen, sagte ein Justizsprecher am Montagabend (Ortszeit).

Strauss-Kahn wurde noch am Montagabend in den Gefängniskomplex auf der Insel im East River gebracht, die Platz für rund 17.000 Gefangene bietet. Die Zelle ist 3,5 mal 4,0 Meter groß und verfügt über eine Basisausstattung. Dazu gehören ein Bett, eine Trinktasse, Seife, Shampoo und Zahnpasta. Der IWF-Chef werde keinen Kontakt zu anderen Insassen haben, sagte der Sprecher der New Yorker Justizverwaltung. Das bedeute aber nicht, dass er immer in seiner Zelle bleiben müsse. Vielmehr werde er bei jedem Freigang von einem Gefängniswärter begleitet.

Eingangsschild von Rikers Island hinter einem Maschendrahtzaun fotografiert

Reuters/Shannon Stapleton

Der Eingang zur New Yorker Gefängnisinsel Rikers Island

U-Haft wegen Fluchtgefahr

Eine Haftrichterin hatte es am Montag abgelehnt, den Banker gegen eine Kaution aus der Untersuchungshaft freizulassen, und begründete das mit Fluchtgefahr. Strauss-Kahns Anwälte hatten zuvor eine Kaution in Höhe von einer Million Dollar (rund 700.000 Euro) angeboten. Anwalt Brafman betonte nach der Verhandlung erneut, Strauss-Kahn weise die Vorwürfe zurück und wolle seinen Namen und seinen Ruf wiederherstellen.

Die Richterin hatte im Gerichtssaal Fotografen und Kameraleute zugelassen - anders als am Sonntag trug Strauss-Kahn allerdings keine Handschellen. Er war am Sonntag in Handschellen aus einem New Yorker Polizeirevier abgeführt worden. Die Bilder waren um die Welt gegangen und hatten eine Schockwelle ausgelöst. Die nächste Verhandlung soll am Freitag stattfinden.

Links: