Peinlichkeiten und Unpeinlichkeiten
Nadine Beiler hat es mit „The Secret is Love“ geschafft: Das erste Mal seit 2004 zieht Österreich wieder in das Finale eines Eurovision Song Contests ein. Die quirlige Tirolerin setzte sich am Abend im zweiten Halbfinale gegen die Konkurrenz durch und kam unter die ersten zehn der teilnehmenden 19 Nationen.
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Damit ist ihr Antreten beim Finale des größten Musikevents der Welt gesichert, das am Samstagabend in der Düsseldorf Arena über die Bühne gehen wird.
Gemeinsam mit Österreich ergatterten auch Estland, Rumänien, Moldawien, Irland, Bosnien und Herzegowina, Dänemark, die Ukraine, Slowenien und Schweden eines der begehrten zehn Tickets für die Finalshow. Die Heimfahrt müssen hingegen die Niederlande, Belgien, die Slowakei, Zypern, Bulgarien, Mazedonien, Israel, Weißrussland und Lettland antreten.
Sympathischer Bosnier
Dino Merlin eröffnete das zweite Semifinale. Er juchzte und winkte zu Beginn seiner Ballade „Love in Rewind“ ins Publikum. Im ehemaligen Jugoslawien ist der 48-jährige Bosnier ein Star. Er nahm vor zwölf Jahren bereits einmal am Song Contest teil - damals wurde er Zweiter. Seine Band hopste am Donnerstag lustig herum, ohne dabei peinlich zu wirken. Das Lied nahm an Fahrt auf und schwoll zur Hymne an. Dino Merlin ist sympathisch, keine Frage. Er kam weiter.

dapd/Nigel Treblin
Der Auftritt von Nadine Beiler
Kein Patzer bei Nadine
Im Trailer zu Österreich wurde geklettert, vor malerischer Bergkulisse. Nadine Beiler „The Secret is Love“ wurde wie eine große Diva präsentiert. Drei Lichtspots von ganz oben ließen sie in einer Säule erstrahlen. Sie setzte ganz auf ihre Stimme, das schwarze Glitzerkostüm war dezent. Im Publikum brandete zum ersten Mal an diesem Abend hörbar Jubel auf. Sicher, das Lied hätte genau so schon Ende der 80er Jahre geschrieben werden können. Damals hätte man von einer Popballade gesprochen, heute heißt das R ’n’ B.
Im Lauf der Performance tauchte Nebel auf, das Licht wurde mehr, ein Chor unterstützte Beiler. Eine Lichtprojektion hinter ihr zeigte - was eigentlich? Hellblaue Quastenflosser, die von der Tiefsee an die Oberfläche drängen? Am Ende des Songs gab es wirklich viel Applaus, nicht nur aus dem österreichischen Sektor. Kein Patzer war passiert, alles gutgegangen. Erwartungsgemäß wird auch sie am Samstag antreten.
Feliciano-Mäßiges und a cappella
Die niederländische Band 3JS bewegt sich mit „Never Alone“ irgendwo zwischen Jose Feliciano und Duran Duran, vom Styling her wurde man an Modern Talking erinnert. Spannend ist das nicht, aber man will ja niemanden unnötig aufregen. Der Jubel hörte sich nicht weniger an als bei Beiler - das Publikum schien aufgewacht zu sein. Dennoch: Die Band fährt nach Hause.
Die Belgier Wittloof Bay traten mit ihrem Lied „With Love Baby“ auf, einer kunstvoll vorgetragenen A-cappella-Nummer. Beatboxing von feiner Qualität, eine klassische Performance - eigentlich stimmt hier alles, nur dass der Song etwas druckvoller ausfallen hätte können. Zu viel Kunstfertigkeit, zu wenig Emotion - dieser Eindruck blieb zurück - offenbar auch beim Publikum, das Wittloof Bay nicht in die Endauswahl wählte.
Engel allerorten
Nach Nadine Beiler die nächste Nummer, in der man an Pop Marke Celine Dion erinnert wurde, dieses Mal aber mit einem aufdringlich stampfenden Rhythmus im Hintergrund: „I’m Still Alive“ der slowakischen Band TWiiNS. Hübsche Mädchen, die Zwillinge sind, vom Typ „blondgelockter Engel“, etwas an die junge Britney Spears erinnernd, sangen zusammen, Männer sangen ab und zu im Chor mit. Für das Finale reichte das nicht.
In der Ukraine hatte es ein turbulentes Auswahlverfahren gegeben, nachdem Korruptionsverdacht aufgekommen war. Am Ende blieb es aber bei der ursprünglichen Kandidatin Mika Newton mit „Angel“. Auch sie selbstverständlich im weißen Engelskostüm, sogar mit Federn als angedeuteten Flügeln auf den Schultern. Der Song schloss nahtlos an die Vorgängerband an.
Bei diesem Beitrag stand die Hintergrundprojektion eindeutig im Vordergrund. Auf einer an die Wand gebeamten Platte wurde von der über die Grenzen der Ukraine hinaus berühmten Künstlerin Xenija Simonowa Sand zu Kunstwerken geformt - schwer zu beschreiben, aber auf den Gesang konzentrierte sich niemand mehr. Vielleicht war das Kalkül - falls ja, hat es sich ausgezahlt, am Samstag geht es weiter.
Zehn Sekunden Beastie Boys
Für Moldawien traten Zdob si Zdub mit „So Lucky“ an. Der Song beginnt wie ein altes Lied von den Beastie Boys. Die Band trug witzige Zauberspitzhüte, die an eine nationale Tracht erinnerten. Jemand fuhr Einrad. Eine sanfte Bass-Line war zu hören, von irgendwo wird eine Klarinette eingespielt - bevor die Blasmusiker auf der Bühne loslegen durften. Der Song entwickelte sich über Rap und Pop Richtung Rock und schließlich zu Turbofolk. Das ganze Geschehen wirkte chaotisch, aber die Musiker waren hier wenigstens mit Leib und Seele bei der Sache - und werden das auch am Samstag wieder sein.
Der junge Schwede Eric Saade versucht es mit „Popular“, einer Nummer, die in New-Wave-Manier beginnt, aber nach zehn Sekunden zum Riesenschirmbar-Remix eines alten Roxette-Songs mutiert. „Ich werde berühmt werden“, singt er auf Deutsch übersetzt. Zumindest an Selbstvertrauen mangelt es dem Sänger in seiner roten Lederjacke mit seinem modischen Haarschnitt nicht. Dieses Selbstvertrauen wird er auch im Finale brauchen.
Im Ährenfeld auf LSD
Das zypriotische Lied „San Aggelos S’Agapisa“ von Christos Mylordos wurde vom dortigen TV ohne Auswahlverfahren ausgewählt. Gelber Nebel, Männer in Ledergilets, die sich dank Magnetschuhen weit zur Seite neigen können. Die grellgelben Lollipops im Hintergrund bewegten sich mit - so muss man ein Weizenfeld im Wind wahrnehmen, wenn man LSD genommen hat. Eine Sirene sang und schwang dazu eine Kugel durch die Luft. Der Drum-Computer lief auf Hochtouren, eine E-Gitarre wurde eingespielt, da könnte auch noch ein Saxophon zu hören gewesen sein. Was hektisch begonnen hatte, wurde schließlich noch hektischer. Zypern ist draußen.
Unartiger Mazedonier
Die Bulgarin Poli Genova wurde im Vorfeld nicht zu Unrecht mit Pink verglichen - was das Styling betrifft, auch wenn die Haarsträhne rot statt rosa ist. Aber die Tätowierungen waren geschummelt, das war ein Netzüberzieher für die Hand. Genova trat mit „Na Inat“ auf, einer druckvollen Rock-Pop-Nummer, die nicht weiter auffiel. Laute E-Gitarren, braver Viervierteltakt, kurze Pianounterbrechung, dann ging es weiter. Das Ticket zum Finale blieb Bulgarien verwehrt.
Der Mazedonier Vlatko Ilievski soll sich auf der Österreicher-Party danebenbenommen haben, erzählte Andi Knoll, der für das ORF-Fernsehen moderierte. Er wollte allerdings keine Details preisgeben. Irgendwann soll der Sänger einen Lennon-Song gegrölt haben, aber das war offenbar noch nicht das Schlimme. Sein Lied „Rusinka“ jedenfalls ist Turbofolk, Clowns in - Fechtanzügen? - hüpften fröhlich im Hintergrund. Er lächelte breit und riss die Augen auf. Die Musik schrummelte, immer schneller vor sich hin, bis sie plötzlich mit einem „Hey“ aufhörte, das für Ilievski auch gleich das „Aus“ beim Song Contest bedeutete.
Meerjungfrau statt Engel
Statt eines Engels stand danach eine grüne israelische Meerjungfrau auf der Bühne. „Höre die Glocken Deiner Seele bimmeln“, sang Dana International, die 1998 den Song Contest schon einmal gewinnen konnte. Das 90er-Schlager-Techno-Synthie-Gebimmel ihres Songs „Ding Dong“ ging eher in Richtung Eineinteltakt. Vier Background-Sängerinnen gaben ihr Bestes. Der Auftritt wirkte alles in allem recht einfallslos, auch wenn die Sängerin es versteht, sich zu räkeln. Das Publikum war nicht überzeugt - auch Israel ist draußen.
Amazonen und Entertainer
Vier Amazonen vertraten rund um Maja Keuc Slowenien. Sie lieferten mit „No One“ eine makellose, symphonische Rocknummer ab, die zumindest stimmig war und so wirkte, als wäre sie gemeinsam mit dem Auftritt durchchoreographiert worden. Die Outfits fielen ebenfalls nicht negativ auf, sie waren in schwarz gehalten und knapp, die Sängerinnen trugen Dauerwellen. Der Peinlichkeitsfaktor lag hier bei null - und das ist im Fall des Song Contest nicht nichts und bedeutete den Einzug ins Finale.
Als Entertainer alter Schule gaben sich Hotel FM aus Rumänien - mit Nadelstreifhose, Glitzergilet und weißem Hemd sowie einem Pianisten und zwei Bläsern auf der Bühne. Das Lied „Change“ bewegt sich im Up-Tempo-Bereich. Der Sänger trällert gekonnt, der Pianist trällert mit. „Man kann die Welt nicht alleine ändern“, singt er. Da hat er wohl recht. Und diese Erkenntnis brachte Hotel FM ins Finale.
Viel Spaß im 50er-Jahre-Look
Estland lag bei den Wettbüros ganz vorne. Die 17-jährige Sängerin Getter Jaani trat im 50er-Jahre-Look auf, perfekt durchgehalten vom Kleid über die Frisur bis zur Schminke. „Rockefeller Street“ ist eine modernisierte, poppige Variante von Variete. Pomp-Shows vergangener Zeiten wurden durch Bilder, Kostüme und Tanz angedeutet. Dann kippte der Song etwas Richtung Billigtechno. Da wäre mehr drinnen gewesen, auch wenn der Auftritt insgesamt Spaß machte und Estland weiterbrachte.
Sie fühlt es im Geist
Die Diktatur Weißrussland gibt sich feurig. Funken sprühten beim Song „I Love Belarus“, was auf Deutsch übersetzt „Ich liebe Weißrussland“ heißt. „Ich liebe Weißrussland, ich fühle es in meinem Geist“, singt Anastasiya Vinnikova. Es scheint ein eigenes Genre zu geben, das „ethnifiziertes Song-Contest-Rock-Gedudel“ heißt und das immer wieder vertreten ist. Der Song wäre ein klassischer Vertreter eines solchen Genres. Leider wird er am Samstagabend nicht zu hören sein.
Jon Bon Jovi glattgebügelt
Die Letten singen traditionell viel und gerne. Das merkt man auch bei Musiqq - jeder Ton sitzt. Die erste Singstimme erinnert ein wenig an Jon Bon Jovi, der Akzent nicht. Der Sänger hat etwas vom jungen Brad Pitt. Er kann wirklich singen. Auch bei „Angel in Disguise“ gestampfter Rhythmus, dazu ganz nettes Gitarrengeplänkel - eine Rap-Einlage wurde gewagt. Der Auftritt war professionell, und wenn das Lied weniger glattgebügelt wäre, könnte es richtig gut sein. Die Letten schieden aus.
Rote Clowns aus Irland
Warum Dänen Großbritannien huldigten, sei dahingestellt. Die Band „A Friend in London“ sah am Donnerstagabend ein bisschen wie Depeche Mode aus, mit einem leichten Boy-Group-Einschlag. Den Song „New Tomorrow“ könnte man sich sogar woanders als beim Song Contest vorstellen - fast schon spannungsvoll im Mittelteil, Happysound im Refrain. Der Sänger hat Vorbilder von Justin Bieber bis Radiohead, sagte er in Interviews. Das beschreibt seine Musik eigentlich gar nicht schlecht. Die Dänen werden am Samstag auftreten.
Jedward aus Irland wurden ebenfalls als Favoriten gehandelt, sie traten als Letzte bei dieser Vorrunde auf. Der Ire Johnny Logan, sagte Andi Knoll, hatte gemeint, die Burschen könnten nicht singen. Einer von ihnen hat jedenfalls einmal seinen Einsatz verpasst. Die Show ist skurril. Projiziert werden stilisierte James-Bond-Anfangssequenzen, in rascher Abfolge abgespielt, der Videojockey betreibt Elektropsychodelik. Der Song ist zwischen Hardcore-New-Wave und New Kids on The Block angesiedelt, die Sänger sind als rote Clowns gekleidet. Johnny Logan hin oder her, Irland ist weiter.
Das große Finale steht nun nach nur einem Ruhetag für die Künstler am Samstag an. ORF eins wird die gesamte Show aus der Düsseldorf Arena ab 21.00 Uhr live übertragen, wie immer moderiert von Andi Knoll.
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