Organisation nun ohne Anführer?
Nach der Tötung von Al-Kaida-Chef Osama bin Laden durch ein US-Spezialkommando wird international vor Vergeltungsschlägen gewarnt. Die Organisation hat mit Bin Laden den Kopf und zumindest ihren symbolischen Anführer verloren. Wie stark ist das islamistische Terrornetzwerk noch?
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Bin Ladens Tod ist nach Einschätzung von Experten ein herber Schlag, der bis in die Ausläufer des weit verzweigten Netzes zu spüren sein wird. Und er trifft die selbst ernannten Retter des Islam ausgerechnet in einem Moment, in dem in der arabischen Welt die Demonstranten für mehr Freiheit und Demokratie von Tunesien über Syrien bis nach Bahrain ohnehin ganz andere Prioritäten setzen.
Taliban drohen mit Vergeltung
Anhänger radikalislamischer Gruppen bekräfigten nach der Tötung Bin Ladens ihren Kampfeswillen. Die Taliban drohten Pakistan und den USA mit Vergeltung. Führende pakistanische Politiker, an ihrer Spitze Präsident Asif Ali Zardari, und das Militär würden als Erste angegriffen, sagte ein Sprecher der pakistanischen Taliban der Nachrichtenagentur Reuters am Montag in einem Telefongespräch. An zweiter Stelle stünden die USA.
In arabischsprachigen Internetforen beteuerten weitere radikale Gruppierungen am Montag ihre Entschlossenheit, vor allem die USA und deren Präsidenten Barack Obama in ihrem Visier zu behalten. „Gott verfluche Dich, Obama“, hieß es in einer der ersten Reaktionen aus islamistischen Gruppen. „Ihr Amerikaner: Es ist noch immer unser Recht, Euch den Hals abzuschneiden.“
Kampf gegen Terror noch nicht gewonnen
Auf einer anderen Website schrieb ein Diskussionsteilnehmer: „Osama mag getötet worden sein, aber sein Aufruf zum Dschihad wird niemals sterben. Brüder und Schwestern, wartet ab, sein Tod wird sich als Segen entfalten.“
Bin Ladens Tod wirft die Frage nach der künftigen Führung von Al-Kaida auf. Er dürfte auch Auswirkungen auf die US-Außen- und -Sicherheitspolitik haben, die seit zehn Jahren vom weltweiten Kampf gegen den Terrorismus geprägt ist. Kommentatoren schätzen das Terrornetzwerk weiterhin als schlagkräftig ein. Obama geht ebenfalls davon aus, dass der Kampf gegen den Terror, den sein Vorgänger George W. Bush im Zuge der Anschläge am 11. September 2001, bei denen fast 3.000 Menschen starben, ausrief, noch nicht gewonnen ist.
US-Außenministerium warnt Bürger
Obama betonte, dass mit dem Tod Bin Ladens der Kampf gegen den Terrorismus nicht zu Ende sei. Es gebe keinen Zweifel daran, dass Al-Kaida weiter Angriffe gegen die USA anstreben werde. „Wir müssen - und wir werden - daheim und in Übersee wachsam bleiben“, so Obama. Er betonte, dass die Tötung Bin Ladens nicht gegen den Islam gerichtet sei. „Die USA werden nie in einen Krieg mit dem Islam treten. Bin Laden war kein Muslimführer, er war ein Massenmörder.“
Das US-Außenministerium warnte in einer Erklärung von Sonntag (Ortszeit) US-Bürger vor einer verstärkten Gefahr antiamerikanischer Gewalt. In Gegenden, wo dieses Risiko bestehe, sollten sie nach Möglichkeit in ihren Häusern oder Hotels bleiben und Menschenansammlungen und Demonstrationen vermeiden, hieß es.
Vorteil der dezentralen Organisation
Auch die Kommentatoren der „Washington Post“ gehen davon aus, dass Al-Kaida nicht geschlagen ist. Die dezentrale Terrororganisation habe sich nach 9/11 wie ein Krebsgeschwür ausgebreitet, heißt es in der Zeitung. Sie habe ihren Aktionsradius ausgeweitet und bleibe durch die dezentrale Organisation sehr wahrscheinlich weiter die größte Bedrohung für die USA, trotz des Todes ihres Anführers.
So habe Al-Kaida im Jemen eine neue Basis eingerichtet und wisse die Unruhen im Land zu nutzen. Al-Kaida habe auch in den letzten Jahren Beziehungen zu militanten islamistischen Gruppierungen auf der ganzen Welt wie etwa in Somalia aufgebaut, so die Zeitung weiter. Auch in Pakistan, wo Bin Laden getötet wurde, versteht sich die Gruppe als Verstärker und Multiplikator für die pakistanischen terrorbereiten Islamisten.
Treffen der einzelnen Gruppierungen
Laut „Asia Times“ steht Al-Kaida nach Bin Ladens Tod nicht führungslos da. Das Netzwerk sei intern gut organisiert. Eine „Handvoll Männer“ stünden bereit, die Führung zu übernehmen. Sie seien bereits vor dem Tod Bin Ladens dafür vorgesehen worden. Es habe schon einige Treffen zu Strategien gegeben, so die „Asia Times“ mit Verweis auf gute Quellen in pakistanischen Stämmen, die das Terrornetzwerk bisher unterstützt haben.
Ein Mitglied des jemenitischen Zweigs von Al-Kaida bezeichnete den Tod Bin Ladens als „Katastrophe“ für das Terrornetzwerk. „Am Anfang haben wir die Nachricht nicht geglaubt“, sagte das Al-Kaida-Mitglied am Montag telefonisch der Nachrichtenagentur AFP in Aden. „Aber dann sind wir mit unseren Brüdern in Pakistan in Verbindung getreten, und sie haben die Information bestätigt.“
Nach Angaben des Al-Kaida-Mitglieds wollen die fusionierten saudi-arabischen und jemenitischen Sektionen der Organisation ein Treffen im Süden des Jemen abhalten, wo Al-Kaida stark präsent ist. Im Anschluss an das Treffen solle eine Erklärung zum Fortgang des „Dschihad“ nach dem Tod Bin Ladens veröffentlicht werden.
GB: Al-Kaida will Stärke demonstrieren
Interpol sieht ebenfalls eine erhöhte Terrorgefahr in der Welt. Die internationale Polizeiorganisation forderte deshalb am Montag „besondere Maßnahmen der Wachsamkeit“.
Sicherheitsexperten in Großbritannien gehen davon aus, dass Al-Kaida nach dem Tod des Anführers „ohne Zweifel zurückschlägt“. Der Triumph der Amerikaner könne zu ernsten Vergeltungsmaßnahme führen. Organisationen in aller Welt müssten nun voraussichtlich ihre Sicherheitsmaßnahmen aufstocken, sagte John Gearson vom Institut für Terrorismusstudien am Londoner King’s College.
„Ich glaube, die Bedeutung dessen, was geschehen ist, kann nicht überschätzt werden“, sagte Gearson. „Ich erwarte, dass Botschaften und Militärstützpunkte in aller Welt für einige Zeit in hoher Alarmbereitschaft sein werden“, betonte er. Man müsse damit rechnen, „dass Al-Kaida sehr wohl demonstrieren will, dass sie immer noch stark und im Spiel ist“, sagte der Wissenschaftler.
Kein zweites 9/11 erwartet
Die größte Gefahr aus Gearsons Sicht ist mittelfristig, dass die USA ihren Fokus verlieren, dass sie sich zurücklehnen und damit den Überbleibseln von Al-Kaida eine Gelegenheit bieten, sich neu zu ordnen und wieder stärker zu werden. „Al-Kaida wird ein großes Sicherheitsanliegen bleiben“, sagte Gearson.
Der frühere Kommandeur der britischen Truppen in Afghanistan, Oberst Richard Kemp, sagte der BBC: „Ich glaube, das ist auf keinen Fall das Ende von Al-Kaida. Sie werden versuchen, sich zu erholen, sie werden ohne Zweifel versuchen zurückzuschlagen in irgendeiner Form.“ Er hält Al-Kaida jedoch für nicht in der Lage, einen großen Anschlag wie 2001 in New York und Washington zu verüben.
Experte: Können noch nicht aufatmen
Der Vorsitzende der Münchner Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger, rechnet nach dem Tod Bin Ladens mit terroristischen Vergeltungsschlägen gegen die USA und Pakistan. Der Tod Bin Ladens bedeute in keinem Fall, „dass wir jetzt aufatmen und davon ausgehen können, dass der Spuk (...) vorbei (ist)“, sagte der ehemalige deutsche Botschafter in Washington am Montag im Deutschlandradio Kultur. Er rechne vielmehr damit, dass Al-Kaida versuchen werde, sich an den Amerikanern und der pakistanischen Regierung zu rächen. Er erwartet Anschläge „dort, wo vielleicht amerikanische Streitkräfte verwundbar sein könnten“.
Mit Bin Laden sei die Ikone und Symbolfigur des internationalen Terrorismus nicht mehr am Leben. „Wenn das eine gewonnene Schlacht sein sollte (...), dann ist das natürlich noch lange nicht der gewonnene Krieg“, betonte der Chef der Sicherheitskonferenz. „Das ist nicht das Ende des internationalen Terrorismus.“ Ob Al-Kaida tatsächlich durch den Verlust geschwächt werde, müsse man erst sehen.
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