Themenüberblick

Eingebunkerter Gbagbo foppte alle

Der blutige Machtkampf in der Elfenbeinküste steht offenbar kurz vor eine Entscheidung: Truppen des international anerkannten Wahlsiegers Alassane Ouattara haben mit der Erstürmung des Präsidentenbunkers von Laurent Gbagbo in Abidjan begonnen. Nach Gerüchten über einen bereits erfolgten Rücktritt hatte es Gbagbo am Dienstagabend erneut abgelehnt, sein Amt aus freien Stücken aufzugeben.

Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.

Nur noch von wenigen Vertrauten umgeben und in einer an sich aussichtslosen Lage hatte Gbagbo damit weiter seine Gegner gefoppt: In einem Telefoninterview des französischen Senders LCI sagte Gbagbo am Dienstagabend, er denke nicht daran, wie von ihm verlangt, Ouattaras Wahlsieg schriftlich anzuerkennen.

Dem französischen Sender RFI gestand er, dass seine Armee „zum großen Teil zerstört“ worden sei. Zwar verhandelten die Militärs gegenwärtig über einen Ausweg aus der Krise, er selbst aber denke nicht an Verhandlungen. „Wohin sollte ich gehen“, sagte er.

Verhandlungen gescheitert

Es sei unglaublich, dass das Schicksal eines Landes bei „einer Pokerpartie ausländischer Mächte“ ausgetragen würde, sagte Gbagbo gegenüber LCI. Er habe für Verhandlungen gebetet. Die ausländischen Mächte im Lande würden das Kräfteverhältnis jedoch zugunsten von Ouattara verschieben, so dass dieser Verhandlungen ablehne. Er selbst hänge am Leben und sei kein Märtyrer. „Doch wenn der Tod da ist, dann ist er da“, meinte er auf die Frage, ob er nun über den Tod nachdenke.

Frankreich und die UNO hatten allerdings berichtet, man führe Verhandlungen mit dem entmachteten Präsidenten und stehe kurz vor einer Einigung. Sogar die Meldung, Gbagbo habe aufgegeben, kursierte bereits, bevor der 65-Jährige wieder auf stur schaltete. Gespräche über eine Aufgabe sind nach Angaben aus Verhandlungskreisen wohl gescheitert.

Gegner verlieren die Geduld

Kein Wunder also, dass Gbagbos Gegner die Geduld verlieren: „Sie sind gerade dabei, die Residenz zu stürmen, um Gbagbo festzunehmen“, sagte eine Sprecherin der Ouattara-Truppen am Mittwoch der Nachrichtenagentur Reuters. „Er ist noch nicht in ihrer Gewalt, aber sie sind kurz davor. Die Truppen befinden sich bereits im Gebäude.“ Anrainer aus der Umgebung des Präsidentenpalastes berichteten von schweren Gefechten und lauten Explosionen. Doch auch noch Stunden nach Beginn des Vorstoßes war kein Erfolg der Mission in Sicht. Die verbliebenen Anhänger Gbagbos seien schwer bewaffnet, hieß es.

Auch Frankreich drohte am Mittwoch mit weiteren Militärschlägen. „Wir werden zusammen mit den Vereinten Nationen weiterhin Druck machen, damit Gbagbo die Realität akzeptiert“, sagte der französische Außenminister Alain Juppe dem Radiosender France Info. Derzeit hoffe er allerdings, dass neue Militäraktionen vermieden werden könnten. Der französische Admiral Edouard Guillaud sagte dem Sender Europe 1, neue Einsätze im Auftrag der Vereinten Nationen seien möglich. Seiner Einschätzung nach sei das Ende der Ära Gbagbo aber nur noch „eine Frage von Stunden“.

Frankreichs Verteidigungsminister Gerard Longuet betonte, dass sein Land bei der Festnahme Gbgabos auf ausdrücklichen Wunsch Ouattaras nicht selbst eingreifen werde. „Wir werden es nicht tun, weil sich Frankreich auf Bitten der Vereinten Nationen engagieren kann. Aber wir gehorchen keiner politischen Macht in der Elfenbeinküste.“

Internationaler Druck wächst

Die erst am Vorabend bekräftigte Rücktrittsweigerung Gbagbos kritisierte Juppe scharf. „Diese Starrköpfigkeit ist absurd. Gbagbo hat keinerlei Perspektive mehr. Alle Welt hat ihn fallen gelassen“, sagte der Außenminister der ehemaligen Kolonialmacht. Der Präsident könne nur noch über seine Rücktrittskonditionen verhandeln. Frankreich habe die Vereinten Nationen aufgefordert, Gbagbo und seiner Familie körperliche Unversehrtheit zuzusichern.

Auch die Europäische Union und die Afrikanische Union stellten sich auf einen Machtwechsel in dem gewalterschütterten westafrikanischen Staat ein. Unter Führung Ouattaras müssten Wiederaufbau und Aussöhnung auf den Weg gebracht werden. Darauf verständigten sich die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton und der Vorsitzende der Kommisson der Afrikanischen Union, Jean Ping, am Dienstag in Brüssel, wie Asthons Büros am Abend mitteilte.

Seit Wochen blutige Kämpfe

Gbagbo hatte bei der Wahl im November gegen Ouattara verloren, will diese Niederlage aber nicht akzeptieren. Er verweigert seitdem die Amtsübergabe. Wahlsieger Ouattara und seine Truppen haben Gbagbo und seine letzten Getreuen inzwischen nach blutigen Kämpfen in der Präsidentenresidenz in Abdijan eingekesselt. Bisherige Verhandlungen verliefen erfolglos, erste Berichte über eine angebliche Aufgabe Gbagbos erwiesen sich wenig später als falsch. Ouattara wird seit Montagnachmittag auch von Einheiten der UNO und von französischen Streitkräften unterstützt, die vor allem zum Schutz der Zivilbevölkerung eingreifen.

Hilfe von Frankreichs Geheimdienst

Laut dem Enthüllungsblatt „Le Canard enchaine“ unterstützte auch der französische Geheimdienst die Militäroffensive Quattaras. „Wir haben den Soldaten Ouattaras Ratschläge zur Taktik gegeben, aber auch Munition und Sturmgewehre vom Typ Famas geliefert“, sagte ein hochrangiges Mitglied des Geheimdienstes der Zeitung. Der Durchmarsch bis nach Abidjan sei gut organisiert gewesen, wurde ein weiterer französischer Militär zitiert.

Frankreich hat mittlerweile etwa 1.700 Soldaten in dem westafrikanischen Land. Die „Operation Einhorn“, die zuletzt 900 Mann umfasste, sei vor allem durch Spezialkräfte aufgestockt worden, berichtete der „Canard“.

Links: