Bisher 17 Arbeiter verstrahlt
Auch außerhalb des japanischen AKW Fukushima I nimmt die Strahlenbelastung zu. Die Betreiberfirma TEPCO räumte ein, dass verstrahltes Wasser aus Reaktoren ins Meer geflossen ist. Im Meerwasser einige hundert Meter vom AKW entfernt wurde eine Konzentration von radioaktivem Jod 131 gemessen, die 1.250-fach über dem gesetzlich zulässigen Höchstwert liegt, berichtete die japanische Atomsicherheitsbehörde.
Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.
Am Dienstag war eine 127-fach erhöhte Belastung mit Jod 131 gemessen worden, schärfere Kontrollen von Fisch und Meeresfrüchten wurden angeordnet. Die Verstrahlung stelle jedoch nur ein geringes Risiko für das Leben im Ozean dar, so die japanische Reaktorsicherheitsbehörde. Durch die Meeresströmung würden die radioaktiven Partikel weggeschwemmt und verdünnt, bevor sie von Fischen und Algen aufgenommen würden.
Die japanische Regierung kündigte an, Meerwasser auch in einer Entfernung von 30 Kilometer von dem AKW Meerwasser auf Radioaktivität zu untersuchen. Sie gab sich überzeugt, dass es keinen Grund zur Besorgnis wegen verstrahlten Fisches gebe.
Lecks vermutet
Entspannung ist in dem havarierten AKW nicht in Sicht. Besonders problematisch ist derzeit das verstrahlte Wasser, das aus vermuteten Lecks austritt. In den Blöcken 1 und 4 war radioaktives Wasser mit teilweise 10.000-fach erhöhter Strahlung ausgetreten.
Dieses enthält hohe Mengen von Cäsium 137, wie es auch nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor nahezu 25 Jahren in großen Mengen in die Umwelt gelangt ist. Die japanische Reaktorsicherheitsbehörde (NISA) veröffentlichte am Samstag eine Analyse dieses Wassers, wobei acht radioaktive Substanzen festgestellt wurden. An der Spitze der Aktivität steht Cäsium 137 mit 1,8 Millionen Becquerel. Aufgrund der hohen Strahlenbelastung mussten sich die Arbeiter immer wieder zurückziehen und die Kühlungsarbeiten unterbrechen.
Kampf gegen verstrahltes Wasser
Es sei noch unklar, woher genau das Wasser stamme. Möglicherweise sei aber Wasser aus dem Reaktorgehäuse über ein beschädigtes Rohr oder Ventil zwischen Reaktor und Turbinengebäude ausgetreten, erklärte NISA. Es könnte aus dem Reaktorkern oder aus dem Abklingbecken für abgebrannte Kernstäbe stammen.

Reuters/Yomiuri Shimbun
Einsatzkräfte bereiten sich auf den Transport verstrahlter Arbeiter vor.
Mit Hochdruck wird versucht, das ausgelaufene Wasser zu entfernen, um die Arbeiten zur Verkabelung der Kühlsysteme fortsetzen zu können. Das verstrahlte Wasser am Boden von Räumen in der Nähe des Reaktorbehälters steht in Block 3 nach einer Meldung der Nachrichtenagentur Kyodo 1,50 Meter hoch. In Block 2 steht das Wasser einen Meter hoch, in Block 4 0,80 Meter und in Block 1 wurden 40 Zentimeter gemessen.
Im Kontrollraum von Reaktor 2 konnte am Samstag wieder Stromversorgung hergestellt werden. Es brenne Licht, berichtete die Nachrichtenagentur Kyodo. In den Kontrollräumen der Blöcke 1 und 2 konnte bereits vor einigen Tagen wieder Licht gemacht werden.
Grenzwerte für Arbeiter erhöht
Seit Beginn des Notfalls wurden 17 Arbeiter verstrahlt. Das berichtete die Nachrichtenagentur Kyodo am Samstag. Erst am Donnerstag waren zwei Arbeiter mit schweren Verbrennungen ins Krankenhaus gebracht worden. Sie standen neben Reaktor 3 ohne Schutzstiefel in Wasser mit 10.000-fach erhöhter Strahlung. Block 3 gilt wegen seines Plutoniumgehalts als besonders gefährlich.
Bei den verstrahlten Arbeitern wurden nur diejenigen Unfälle berücksichtigt, bei denen eine Radioaktivität von mehr als 100 Millisievert gemessen wurde. Das entspricht der maximalen Belastung für AKW-Arbeiter über ein ganzes Jahr. Das Arbeitsministerium setzte diesen Grenzwert für Arbeiter in Fukushima allerdings nun auf 250 Millisievert hinauf.
Laut dem Betreiber des Kraftwerks gelte das Prinzip der Freiwilligkeit, wer unter den gefährlichen Bedingungen im AKW arbeiten wollte. Kyodo zitiert aber einen Beobachter, dass es diese Wahlfreiheit insbesondere für Beschäftigte von Drittfirmen kaum gebe, die TEPCO beauftragte.
Kühlung auch mit Süßwasser
Wegen der hohen Strahlenbelastung wurden die Reaktorblöcke aus größerer Entfernung als bisher mit Wasser besprüht. Die Reaktorblöcke 1 und 3 werden nun auch mit Süßwasser gekühlt. Dabei sollen auch die USA unterstützen. Zuvor wurde vor allem Meerwasser verwendet. Zahlreiche Experten befürchteten die Verkrustung der Kernbrennstäbe mit Salz.
Bis die vermuteten Lecks in den Blöcken 1, 2 und 3 abgedichtet werden können, seien noch viele Vorarbeiten notwendig, befürchtet die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA): „In dieser Phase sind wir noch lange nicht.“ Zunächst müssten die Reaktoren weiter gekühlt werden, um eine Umgebung zu schaffen, in der Menschen innerhalb des Reaktors arbeiten und den Schaden beurteilen können. Auch Regierungschef Naoto Kan gibt sich wenig zuversichtlich: „Wir sind noch nicht in einer Position, in der wir optimistisch sein können.“
Greenpeace misst selbst
Greenpeace forderte, die AKW-Havarie in der höchsten Stufe der internationalen Atomunfallskala einzuordnen. Das wäre Stufe 7 der Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES). Aus der Atomanlage seien schon jetzt entsprechend große Mengen an Radioaktivität entwichen, teilte Greenpeace mit. Die japanischen Behörden sprechen bisher nur von Stufe 5. Andere Atomexperten meinten aber ebenfalls bereits, der Super-GAU sei bereits eingetreten.
Aus der havarierten Atomanlage seien schon jetzt entsprechend große Mengen an Radioaktivität entwichen. Das habe eine Studie des Physikers Helmut Hirsch für Greenpeace ergeben, teilte die Umweltorganisation am Freitag mit. Hirsch kommt demnach zu dem Ergebnis, dass die Gesamtmenge der radioaktiven Substanzen Jod 131 und Cäsium 137 die Einstufung in INES 7 erfordere. Die Untersuchung basiert laut Greenpeace auf Daten der französischen Strahlenschutzbehörde und der österreichischen Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG).
Atomexperten der Umweltschutzorganisation begannen am Samstag, in der Umgebung von Fukushima eigene Messungen durchzuführen - als Alternative zu den häufig „widersprüchlichen“ Angaben der Behörden.
Links: