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Das Grauen im Alltag

Der Österreicher Clemens J. Setz ist am Donnerstagnachmittag für seinen Erzählband „Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes“ mit dem Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik ausgezeichnet worden.

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Setz bedankte sich „vor Aufregung zitternd“ für die „unerwartete Ehre“. Auf der Shortlist für den mit 15.000 Euro dotierten Preis standen auch sein österreichischer Kollege Arno Geiger („Der alte König in seinem Exil“), die Deutschen Wolfgang Herrndorf („Tschick“) und Anna Katharina Fröhlich („Kream Korner“) sowie der Schweizer Peter Stamm („Seerücken“). Im Vorjahr ging der Preis an Georg Klein für seinen „Roman unserer Kindheit“.

In der Kategorie Sachbuch/Essayistik gewann Henning Ritter mit „Notizhefte“ (Berlin Verlag). In der Kategorie Übersetzung ging der Preis an Barbara Conrad für ihre Tolstoi-Neuübersetzung „Krieg und Frieden“ (Hanser Verlag). Insgesamt hatten 131 Verlage 480 Titel für die Kategorien Belletristik und Sachbuch/Essayistik sowie Übersetzungen eingereicht.

Wahre Gruselgeschichten

Das Grauen versteckt sich am wirkungsvollsten im Alltag. Diese im Horrorfilmgenre immer wieder angewandte Erkenntnis lässt der Grazer Autor Setz in seinen neuen Erzählband „Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes“ einfließen, wie Wolfgang Huber-Lang von der APA in seiner Rezension schreibt. Die 18 in seinem Suhrkamp-Debüt versammelten Erzählungen spielen auf vielerlei Art mit dem Unheimlichen.

Es sind wahre Gruselgeschichten, in denen normale Bürger furchterregende Doppelexistenzen führen, Worst-Case-Szenarien, die ihren Ausgangspunkt in harmlosen Begebenheiten nehmen.

Kein sicherer Boden unter den Füßen

In der Schule oder in der Arbeit, in den eigenen vier Wänden oder im öffentlichen Raum - überall reichen kleine Zufälle oder Begebenheiten, um alle herkömmlichen Sicherheiten zu gefährden und den vermeintlich sicheren Boden ins Schwanken zu bringen. Eine blasenwerfende Visitenkarte entpuppt sich als Ausgangspunkt einer neuen Pestepidemie, das nette Ehepaar von nebenan als üble Sadisten, die ihre größte Befriedigung darin finden, ihre neuen Nachbarn ins Verderben zu stürzen; das Mobbing gegen den neuen Kollegen erfährt unerwartete Wendungen.

Hoch gelobter Autor

Setz, dessen Romandebüt „Söhne und Planeten“ (2007) hoch gelobt wurde und der mit dem Mammutroman „Die Frequenzen“ (2009) den Bremer Literaturpreis gewann, hatte sich 2008 mit seinem Text „Die Waage“ in Klagenfurt den Ernst-Willner-Preis erlesen. „Die Waage“ ist nun Teil des neuen Erzählbandes - und einer der vergleichsweise harmloseren Texte.

Denn Setz treibt seine Geschichten immer forcierter in den Alptraum. Entdeckt jemand beim Nachhausekommen eine nackte Frauenleiche in seiner Wohnung, ist sein letzter Gedanke, einfach die Polizei zu verständigen. Möchte eine Frau etwas Abwechslung, bestellt sie einen großen Käfig für die Küche, setzt sich nackt hinein und bittet den Gatten, ihn von außen abzusperren. Setz hat es offenbar darauf angelegt, die nervliche Belastungsfähigkeit seiner Leser auszureizen.

Die Eltern von Hänsel und Gretel

Doch der 1982 in Graz geborene Schriftsteller hat auch Humor. Etwa in eigener Sache, wenn er sich selbst als senilen, eingesperrten, von der Öffentlichkeit vergessenen Literaturgreis an der Arbeit an seinem Spätwerk porträtiert („Das Herzstück der Sammlung“) oder einen an Peter Handke gemahnenden prominenten Autor einen rätselhaften Auftritt bei der Aufbahrung seiner toten Mutter liefern lässt („Die Vase“).

Bei aller mitunter krampfig wirkenden Horrorshow beweist Setz aber nicht nur gekonnten Spannungsaufbau, sondern auch Vielseitigkeit. Er belauscht die verzweifelten Eltern von Hänsel und Gretel vor dem in die Literaturgeschichte eingegangenen Kinderausflug in den Wald beim nächtlichen Gespräch, stilisiert einen Computerspielerfinder zum neuen Literaturstar und gibt in „Eine sehr kurze Geschichte“ auf wenigen Zeilen eine tieftraurige Momentaufnahme einer Frau, der nach einem harten Arbeitstag plötzlich Flügel wachsen.

Vielschichtige Parabel

Am Ende wartet die titelgebende Erzählung: „Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes“ ist eine vielschichtige Parabel über das in allen Menschen schlummernde Potenzial an Bösartigkeit, das jederzeit zum Ausbruch kommen kann, über die destruktiven und die befreienden Seiten von Aggression und Kontrollverlust, über Kunst und ihre soziale Funktion. Setz ist kein Menschenfreund. Und er sorgt gekonnt dafür, dass man sein positives Menschenbild gerne einer kritischen Überprüfung zu unterziehen bereit ist.

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