Gefahr zu lange heruntergespielt?
Für Japans Ministerpräsident Naoto Kan ist es die „schwerste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg“. Doch was genau in den von dem verheerenden Erdbeben beschädigten Atomkraftwerken des Landes vorgeht, war in den vergangenen Tagen immer wieder unklar – offenbar auch wegen Kommunikationsproblemen von Betreiberfirma und Behörden.
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Japanische Medien warfen dem Regierungschef am Sonntag vor, die Bevölkerung nur unzureichend über die Entwicklungen im beschädigten Atomkraftwerk Fukushima I zu informieren. Auch die Evakuierung der umliegenden Städte habe Kan zu spät angeordnet, kritisierten die Medien. Vor allem am Freitag, als die ersten Berichte über Schäden an AKWs berichtet wurden, hatte es von verschiedenen Behörden geheißen, man habe alles unter Kontrolle, und es bestehe überhaupt keine Gefahr.
Gemeinsamer Krisenstab erst nach Tagen
Dazu passt auch, dass Kan erst am Dienstag bekanntgab, persönlich die Leitung des Einsatzes zur Bewältigung der Reaktorkrise übernommen zu haben. Die Regierung bilde mit der AKW-Betreibergesellschaft TEPCO einen gemeinsamen Krisenstab. Das Gremium werde unter seiner Leitung am Sitz von TEPCO eingerichtet, sagte Kan.

APA/EPA/Everett Kennedy Brown
Kan verbeugt sich während einer Pressekonferenz.
Zuvor hatte Kan die Firma scharf kritisiert: „Das Fernsehen berichtet von einer Explosion. Aber dem Büro des Premiers wird eine Stunde lang nichts gesagt“, zitierte ihn die japanische Nachrichtenagentur Kyodo am Dienstag. Die Regierung und die Öffentlichkeit seien unzufrieden mit der Informationspolitik.
Chaotische Szenen in AKW
Kan verlangte von TEPCO, ihre Mitarbeiter nicht aus der Anlage abzuziehen. Er sei sich hundertprozentig sicher, dass das Unternehmen dann zusammenbreche. Die Zahl der Mitarbeiter wurde von 800 auf 50 reduziert. Ein Mitarbeiter aus dem AKW Fukushima I berichtete am Dienstag der Nachrichtenagentur AP auch von chaotischen Szenen während des Bebens. Viele Arbeiter hätten danach den Ort verlassen und seien nie auf eine mögliche Verstrahlung untersucht worden.
Berichtet wird auch von Schlampereien bei der Arbeit: Der Luftdruck in Reaktor 2 sei am Montag gestiegen, nachdem das Luftstrommessgerät versehentlich ausgeschaltet worden sei, berichtete der öffentlich-rechtliche Fernsehsender NHK. Dadurch sei die Zufuhr kühlenden Wassers in den Reaktor gestoppt worden, wodurch es zur völligen Freilegung der Brennstäbe gekommen sei.
Gratwanderung in blauer Uniform
Es ist für Kan eine Gratwanderung, mehrmals täglich neue Hiobsbotschaften zu verkünden: Einerseits muss er Transparenz schaffen und alle Ereignisse zum Schutz der Bevölkerung möglichst rasch und direkt ansprechen, andererseits muss er darauf achten, nicht zusätzliche Panik zu schüren. Kan und Regierungssprecher Yukio Edano wurde vor allem vorgeworfen, die Gefährlichkeit der Lage herunterzuspielen.
Mit hellblauer Uniform tritt die Regierung seit Tagen auf. Aktionismus und Volksnähe soll das vermitteln. Die Regierung zeigt, dass sie für die Bevölkerung arbeitet und zumindest von der Kleidung her mit Technikern und Arbeitern auf einer Stufe steht.
IAEA lässt sich weiter Zeit
Einigermaßen spät hat bisher auch die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) reagiert. Am Montag gab es die erste größere Stellungnahme. Die Organisation hatte bisher mit Stunden Verspätung auf die Entwicklungen in Japan reagiert. Allzu eilig hat man es weiter nicht, auch wann die von Japan angeforderten Experten der IAEA nach Japan reisen werden und wo sie anschließend tätig sein sollen, war zunächst unklar.
„Wir werden die Details dazu in den kommenden Tagen besprechen“, so der IAEA-Chef Yukiya Amano, der sich weiter für Atomkraft starkmacht. Die Ereignisse müssten nicht das Ende des weltweiten Wachstums der Nuklearbranche bedeuten. „Dieser Unfall aufgrund gewaltiger Kräfte der Natur ändert nichts an dem Fakt, dass wir eine stabile Energiequelle brauchen und etwas gegen den Klimawandel tun müssen“, so der Japaner Amano.
Lob für den japanischen Krisenstab war zuvor von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gekommen: Die Verantwortlichen hätten nach der Explosion in Fukushima I vom Montag die notwendigen Maßnahmen zur Vorsorge getroffen, schrieb die WHO in Genf. Dazu gehöre es, Menschen aus nahen Orten in sichere Unterkünfte zu bringen. Außerdem sei Jod an gefährdete Personen ausgeteilt worden.
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