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Opferzahl könnte dramatisch steigen

In Japan könnte die Zahl der Todesopfer durch die Erdbeben- und Tsunami-Katastrophe noch dramatisch steigen. Laut der japanischen Nachrichtenagentur Kyodo werden Zehntausende Menschen noch vermisst. Die Lokalbehörden haben laut einem Kyodo-Rundruf keinen Kontakt zu rund 30.000 Menschen.

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Die Behörden sprachen am Montag mittlerweile offiziell von 5.000 Toten. Die Polizei selbst rechnete mit mindestens 10.000 Toten. Das Erdbeben und der anschließende Tsunami zerstörten insgesamt 72.945 Gebäude oder machten sie dauerhaft unbenutzbar. Diese Zahl nannte das Innenministerium in Tokio am Montag nach Angaben der Nachrichtenagentur Kyodo.

Millionen ohne Strom und Wasser

Nach Angaben der Vereinten Nationen (UNO) hatten mindestens 1,4 Millionen Menschen kein Trinkwasser, zudem wurden Lebensmittel und Benzin knapp. Die Regierung setzte rund 100.000 Soldaten für die Verteilung von Nahrungsmitteln, Wasser und Treibstoffen ein.

Nach UNO-Angaben hatten im Katastrophengebiet im Nordosten Japans 2,6 Millionen Menschen keinen Strom, 3,2 Millionen Menschen ging das Gas aus. An den Tankstellen wurde das Benzin knapp. In der Stadt Sendai standen die Menschen geduldig um Lebensmittel an, die rationiert wurden.

„Verzweifelter Wettlauf mit der Zeit“

Zahlreiche Orte waren aufgrund der Zerstörungen, Erdrutsche und Überschwemmungen nur schwer oder gar nicht erreichbar. Auch weitere Nachbeben und Tsunami-Warnungen behinderten die Rettungsarbeiten. Laut dem Sprecher des Roten Kreuzes im Asien-Pazifik-Raum, Patrick Fuller, der sich in der schwer zerstörten Stadt Ishinomaki aufhielt, lieferten sich Rettungshelfer einen „verzweifelten Wettlauf mit der Zeit“, um mögliche unter den Trümmern eingeschlossene Menschen zu retten. „Im Krankenhaus des Roten Kreuzes bleibt kein Platz ungenutzt. Erschöpfte Rot-Kreuz-Ärzte schlafen Seite an Seite mit den Verwundeten.“ Immer wieder würden weitere Verletzte eingeliefert, einige kämen zu Fuß, andere würden getragen.

Trümmer der Stadt Otsuchi

Reuters/Damir Sagolj

Ein Überlebender schiebt sein Fahrrad durch die völlig zerstörte Stadt Otsuchi.

Über 500.000 Menschen in Notquartieren

Soldaten konnten nach Armeeangaben 10.000 Menschen retten, doch mindestens ebenso viele Todesopfer wurden allein in der Präfektur Miyagi befürchtet. Dort bargen Rettungskräfte am Montag etwa 2.000 Leichen. Nach Angaben des UNO-Büros für die Koordinierung humanitärer Hilfe (OCHA) harrten mehr als 500.000 Menschen in Notunterkünften aus.

Tsunami-Überlebende im Evakuierungszentrum in Rikuzentakata

AP/Yonhap/Park Ji-Ho

Tsunami-Überlebende im Evakuierungszentrum in Rikuzentakata

Neben Trinkwasser und Lebensmitteln würden in der Region am dringendsten Decken, Benzin und medizinische Geräte benötigt, erklärte OCHA. Zahlreiche Teams aus dem Ausland halfen den etwa 100.000 japanischen Soldaten bei ihrem Rettungseinsatz. Die ausländischen Helfer fürchteten aber auch die aus beschädigten Atomkraftwerken in der Region ausgetretene Radioaktivität.

Kinder suchen ihre Eltern

Die Kinderrechtsorganisation Save the Children erklärte, durch das Erdbeben und den Tsunami seien mindestens 70.000 Kinder obdachlos geworden. "Sie sind traumatisiert und stehen unter Schock, erklärte Stephen McDonald, der Leiter des Katastrophenteams an Ort und Stelle. Viele seien möglicherweise von ihren Familien getrennt worden.

Die japanische Regierung verteilte nach Angaben der UNO-Atomenergiebehörde IAEA 230.000 Dosen Jod an die Notunterkünfte nahe den beschädigten Kernkraftwerken in Fukushima. Es handele sich um eine Vorsichtsmaßnahme, teilte die IAEA am Montag auf ihrer Facebook-Seite im Internet mit. Sie berief sich dabei auf Angaben japanischer Behörden. Das Jod sei noch nicht verabreicht worden, sondern stehe nur bereit, falls das notwendig werde. Jod kann dabei helfen, nach einem Strahlenunfall vor Schilddrüsenkrebs zu schützen.

Wochenlange Rationierung von Strom

Die Bevölkerung muss sich auf wochenlange Lieferprobleme und Abschaltungen einstellen. Die Rationierung in der Stromversorgung werde mindestens bis Ende April dauern, berichtete Kyodo am Montag unter Berufung auf den Tokioter Elektrizitätsversorger TEPCO. Das werde sich auf den Zugsverkehr und die Wirtschaft im Raum Tokio ebenso auswirken wie auf das Alltagsleben der Menschen.

TV-Hinweis

Das „Weltjournal“ widmet sich am Mittwoch um 22.30 Uhr in ORF2 dem Beben in Japan und den Folgen für Europas Atompolitik - mehr dazu in tv.ORF.at.

Um die erste Abschaltung hatte es am Montag zunächst einige Verwirrung gegeben. TEPCO habe den Schritt falsch angekündigt und die Unterbrechung dann wegen Stromsparbemühungen in der Region auch verschoben, hieß es. Schließlich wurde der Strom für 113.000 Haushalte in Teilen der Präfekturen Chiba, Ibaraki, Shizuoka und Yamanashi für 90 Minuten abgeschaltet, erklärten TEPCO-Verantwortliche. Auch einigen Aufnahmezentren für Erdbebenopfer in Chiba und Ibaraki wurde dabei der Strom abgeklemmt.

Nachbeben auch am Abend

Die Hauptinsel Honshu wird immer wieder von neuen Beben erschüttert. Ein Erdbeben der Stärke 4,1 erschüttert am Abend dem Fernsehsender NHK zufolge die Hauptstadt Tokio. Es bestehe keine Tsunami-Gefahr. Montagvormittag (Ortszeit) gab es in Tokio ein Beben mit der Stärke 6,2 - der Bahnverkehr kam weitgehend zum Erliegen.

Dienstagabend (Ortszeit) wurde auch die Präfektur Fukushima von einem schweren Nachbeben der Stärke 6,3 getroffen. Wissenschaftler gehen davon aus, dass dieses Nachbeben noch übertroffen wird - mehr dazu in science.ORF.at.

Verzweifeltes Warten auf Hilfe

Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen schlug bereits Alarm, dass zahlreiche Bevölkerungsgruppen in Gegenden auf Hilfe warten, die bisher auf dem Landweg nicht erreicht werden konnten. „Im Gebiet rund um Minamisunriku im Norden von Miyagi berichteten uns Behördenvertreter, dass 9.200 Menschen in 20 Evakuierungszentren dringend Wasser, Hilfsgüter und medizinische Versorgung brauchen“, sagte Mikiko Dotsu von Ärzte ohne Grenzen. In der Provinz Miyagi waren die Behörden weiterhin ohne ein Lebenszeichen von rund 10.000 Menschen.

AUA fliegt wieder

Immer mehr Länder empfehlen ihren Bürgern die Ausreise aus Japan. Nach Deutschland und Frankreich folgte auch das österreichische Außenministerium mit einer Empfehlung, das Land oder zumindest den Großraum Tokio zu verlassen.

Österreicher dürften laut dem Sprecher des österreichischen Außenministeriums, Peter Launsky-Tieffenthal, nicht zu Schaden gekommen seien. 150 Österreicher wollen laut Außenministerium derzeit Japan verlassen - mehr dazu in oesterreich.ORF.at. Die AUA nahm am Montagnachmittag ihre Flüge nach Tokio wieder auf. Diese Entscheidung fiel nach einer Sitzung bei der Fluglinie. Begleitet wurde der Flug von einer Strahlenschutzspezialistin. Dienstagabend wird die Maschine mit 254 Passagieren an Bord wieder in Wien erwartet - mehr dazu in wien.ORF.at.

Bei der Lufthansa fliegen laut einem Konzernsprecher keine Strahlenschutzexperten in den Maschinen mit. Die Flüge von Frankfurt am Main werden stattdessen nach Nagoya umgeleitet, die Maschinen aus München landen in Osaka, wie ein Sprecher des Konzerns am Dienstag sagte.

Österreichische Botschaft verlegt

Launsky-Tieffenthal gab am Dienstag bekannt, dass die österreichische Botschaft von Tokio nach Osaka verlegt wurde. „Die logistische Unterstützung bleibt aber in gleicher Form aufrecht“, so der Außenamtssprecher. In Osaka sei bereits vor einigen Tagen in dem dortigen Konsulat ein „zweites Standbein“ aufgebaut worden.

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