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In der Herzkammer der Moderne

Ohne die Beiträge der Immigranten und der afro-amerikanischen Kultur würde es keinen Modernismus in den USA geben, wie wir ihn heute kennen und wie er nach 1945 zu einem Exportgut wurde. Der US-Wissenschaftler Werner Sollors, der jüngst mit Greil Marcus die US-Literaturgeschichte neu geschrieben hat, erinnerte in Wien daran, welch schweren Stand die Moderne in den USA in den 1920er Jahren hatte.

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Es sei der Einfluss der Immigranten gewesen, der erst zu einer Ausformung des Modernismus in den USA führte, erläuterte Harvard-Wissenschaftler Sollors bei seinem Auftritt an der Universität Wien. Sollors erinnerte etwa an die Rolle des in Danzig geborenen Psychologen Hugo Münsterberg für die Wahrnehmungslehre in der Kunst der frühen Moderne - etwa bei Gertrude Stein, selbst Tochter jüdischer Immigranten mit Wurzeln in Deutschland, die von Münsterberg und William James entscheidende Anregungen für die Neuformung der sprachlichen Ausdrucksform bezog.

Manuskript des "Circe"-Kapitels aus dem "Ulysses" von James Joyce, das 2000 bei Chritie's in New York unter den Hammer kam.

Corbis/Lorenzo Ciniglio

In den 1920er Jahren musste James Joyces „Ulysses“ in die USA geschmuggelt werden. 2000 kam das Manuskript des „Circe“-Kapitels bei Christie’s unter den Hammer.

Stein wurde zum Motor für die US-Kultur vom europäischen Boden aus. Ihr Salon in Paris war eine der Herzkammern der Moderne. Auch „Ulysses“ von James Joyce war in Paris im Umfeld von Steins Salon entstanden.

Der geschmuggelte „Ulysses“

„Als man in den 20er Jahren den ‚Ulysses‘ nach New York bringen wollte, um ihn in einem Uniseminar vorzustellen, musste man ihn durch den Zoll schmuggeln“, erinnerte Sollors. Auch den plastischen Kunstwerken der Moderne trat man auf US-Boden zunächst mit großem Befremden entgegen. Als man Plastiken von Alberto Giacometti Anfang der 30er Jahre nach New York brachte, wurden diese vom Zoll als „imported materials“, nicht als Kunstwerke von Wert behandelt.

Die Kunststimmung vor dem Zweiten Weltkrieg sei in den USA nicht viel anders gewesen als in Deutschland und Russland, also zwei diktatorischen Systemen. Sollors markiert das Spannungsfeld so: hier die Verteidigung einer realistischen Kunstauffassung, die eng an Faschismus bzw. Stalinismus gebunden war, dort eine auf Form orientierte Kunst, die nach Demokratisierung der Anschauungen drängte.

Werner Sollors bei seinem Vortrag an der Universität Wien

ORF.at

Sollers: „Modernismus war auch Gegenbewegung zu Diktaturen.“

Stimme gegen den Modernismus

Eine der tragenden Stimmen gegen die Kultur des Modernismus der 20er Jahre war nicht zuletzt die „New York Times“, in der das Aufkommen von Ragtime und Jazz ebenso niedergeschrieben wurde, wie man die Entwicklungen im Bereich des Kubismus in zahlreichen Cartoons verspottete. „Jazz kann den Geist einer intelligenten Person nicht zufriedenstellen“, zitierte Sollors aus der „Times“ der 20er Jahre.

Notiz an der Wand in William Faulkners Wohnhaus in Oxford, Missisippi

Corbis/Kevin Fleming

Notiz zum Roman „A Fable“ an der Wand des Wohnhauses von William Faulkner

Sollors empfahl einen historischen Blick auf die großen Werke des US-Modernismus, etwa die Arbeiten William Faulkners. Faulkners große Romane „The Sound and the Fury“ und „Absalom, Absalom“ seien zunächst alles andere als ein Publikumserfolg gewesen. Nicht besser erging es Henry Roth mit „Call it Sleep“ und Jean Toomer mit seinem experimentellen Roman aus dem Feld der afro-amerikanischen Erneuerungsbewegung „Harlem Renaissance“.

Waldemar Zacharasiewicz

Inst. für Anglistik, Universität Wien

Ruhestand für einen Ruhelosen?

Werner Sollors war Festredner bei der Emeritierungsfeier für den Wiener Amerikanistik-Vorstand Waldemar Zacharasiewicz, der sich über Jahre hinweg für den Kulturaustausch zwischen Nordamerika und Österreich eingesetzt hat. Er und Sollers haben lange im Bereich der kulturellen Selbstbilder geforscht. Präsentiert wurde bei der Feier der Band „Imagology Revisited“, der Aufsätze von Zacharasiewicz in diesem Feld versammelt.

Faulkner und das „Murmeln aus dem Süden“

Die Art, wie Faulkner schrieb, sei bei Kritikern zunächst wie „ein Murmeln aus den Korn- und Tabakfeldern des Südens“ angekommen, so Sollors. Lionel Trilling, eine der großen Stimmen der US-Literaturkritik des 20. Jahrhunderts, sei ein vehementer Kritiker und Gegner der Schreibart Faulkners gewesen.

Interessant zu beobachten sei aber, wie sehr Personen wie Stein in ihrem Schreiben nicht nur den modernen Roman vorangebracht hätten, sondern gerade aufseiten der afro-amerikanischen Kultur für eine künstlerische Identitätsstiftung beigetragen hätten. Richard Wright, zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs mit „Native Son“ eine der prominentesten Stimmen der afro-amerikanischen Literatur, las die Texte von Stein wie ein Echo der eigenen Sprache.

Wende nach 1945

Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs änderte sich die Einstellung der USA zu Modernismus und Avantgarde. Dwight D. Eisenhower, Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte in Europa während des Krieges und späterer Präsident der Vereinigten Staaten, erkannte, so Sollers, dass sich Kunst frei ausdrücken müssen und keine Beschränkungen haben dürfe. Vor dem Zweiten Weltkrieg seien die USA in Bezug auf die Kunst noch eine Importkultur gewesen. „Nach dem Zweiten Weltkrieg sind sie eine Exportkultur.“ Der Modernismus, den man dann als festen Bestandteil eines demokratischen Grundverständnisses gewertet habe, sei unverwechselbarer Bestandteil des Bildes der USA in der Welt.

Gerald Heidegger, ORF.at

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