Fünf Angeklagte
Fünf Angeklagte müssen sich seit Montag im Libro-Prozess am Landesgericht Wiener Neustadt den Vorwürfen zum Börsengang 1999 und dem Konkurs der Buch- und Papierhandelskette 2001/2002 stellen. Die Anklagepunkte lauten auf Untreue, schweren Betrug und Bilanzfälschung. Den Angeklagten drohen bis zu zehn Jahre Haft. Alle Beschuldigten weisen die Vorwürfe zurück, es gilt die Unschuldsvermutung.
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Bei Libro seien rund um den Börsengang im November 1999 von den fünf Angeklagten „kriminelle Machenschaften“ vorgenommen worden, führte Staatsanwalt Johann Fuchs im Schwurgerichtssaal des Landesgerichts Wiener Neustadt aus. Die Angeklagten hätten durch „Täuschung über Tatsachen“ mit der Darstellung eines „weit überhöhten Unternehmenswerts“ der Buch- und Papierhandelskette die Investoren in die Irre geführt. „Auf gut Niederösterreichisch: Libro war außen hui und innen pfui.“
Hauptangeklagter ist der Niederländer Andre Maarten Rettberg (53), ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Libro AG. Auch sein ehemaliger Finanzvorstand Johann Knöbl (54) sitzt auf der Anklagebank. Weiters muss sich die frühere Aufsichtsratsspitze verantworten: Angeklagt sind der Ex-Aufsichtsratsvorsitzende Kurt Stiassny (60) sowie dessen Stellvertreter Universitätsprofessor Christian Nowotny (60). Schließlich ist auch der Wirtschaftsprüfer Bernhard Huppmann (52) mit angeklagt.
Geschönte Bilanzzahlen bei Börsengang?
Die Vorwürfe beziehen sich auf Vorgänge, die bereits mehr als ein Jahrzehnt zurückliegen. Seit dem Insolvenzverfahren (2001 Ausgleich, 2002 Konkurs) wurde zu Libro ermittelt. Laut Staatsanwaltschaft haben die Angeklagten bei Untreue, Betrug und Bilanzfälschung zusammengewirkt. Die Mittelstandsfinanzierungsgesellschaft Unternehmens Invest AG (UIAG) von Stiassny hatte 1997 mit einem Konsortium Libro vom Wirtschaftsimperium Karl Wlascheks (Billa) übernommen und das Unternehmen 1999 an die Börse gebracht.
Kurz vor dem Börsengang hätten sich die „Alteigentümer“ noch eine „Sonderdividende“ gewährt, dadurch sei für sie der Kauf ein gutes Geschäft geworden, heißt es in der Anklage. Das sei aber aufgrund der damaligen Lage des Unternehmens nicht gerechtfertigt gewesen. Beim Börsengang seien die Investoren dann mit geschönten Bilanzzahlen zum Kauf der Libro-Aktien verlockt worden, obwohl es in Wahrheit bereits Zahlungsschwierigkeiten gegeben habe, so die Staatsanwaltschaft.
Nur der Name blieb
Nach dem Börsengang ging es rasch abwärts mit dem Unternehmen: 2001 musste Libro Ausgleich anmelden und schlitterte 2002 in den Konkurs. Im November 2002 erwarb ein Konsortium um den Industriellen Josef Taus die Handelskette um den Ausrufungspreis von fünf Millionen Euro. Von Libro wurde „lediglich die Marke“ übernommen, heißt es dort heute, „das jetzige Unternehmen hat bis auf den Markennamen mit dem früheren Unternehmen nichts zu tun“. Daher gebe man keinen Kommentar zum „Rettberg-Prozess“ ab.
Rettbergs steiler Aufstieg
Rettbergs Karriere hatte einst vielversprechend begonnen, stürzte dann aber steil ab. Der gelernte Buchhändler arbeitete sich an die Libro-Spitze hinauf: Er begann 1978 bei Libro Salzburg und machte aus der einst angeschlagenen Diskontkette den größten Medienhändler Österreichs. Libro wurde 1978 als 100-prozentige Billa-Tochter des Wlaschek-Konzerns gegründet und war zunächst ein reiner Buchdiskonter. Später wurde das Sortiment um Musik-, Papier- und Schreibwaren erweitert. 1984 wurde Rettberg von Billa-Eigentümer Wlaschek und Manager Veit Schalle die Sanierung der damals angeschlagenen Kette übertragen.
Als 1996 der Billa-Konzern vom deutschen Handelsriesen REWE übernommen wurde, blieb Libro zunächst noch in der Wlaschek Privatstiftung. Ende 1997 ging Libro zur Gänze an ein Konsortium um Invest AG und die Deutsche Beteiligungs AG (DBAG). Mit damals 1.400 Beschäftigten in 220 Filialen und einem Umsatz von 254 Mio. Euro gehörte Libro zu den sechs größten Buchhändlern im deutschen Sprachraum.
„Manager des Jahres“
In den nächsten Jahren steckte Rettberg viel Geld in die Expansion. 1998 übernahm Libro den Oberösterreichischen Landesverlag GesmbH mit seinen Amadeus-Medienhäusern. Die Deutschland-Expansion erwies sich im Nachhinein als Klotz am Bein. 1999 stieg Libro mit Lion.cc in den boomenden Internetmarkt ein. Am 10. November 1999 ging Libro an die Börse. Im selben Jahr wurde Rettberg von 22 heimischen Wirtschaftsjournalisten für das Nachrichtenmagazin „News“ zum Manager der Jahres gewählt.
Zuerst Ausgleich, später Konkurs
Dann begann allerdings der Abstieg Libros und auch Rettbergs. Im Geschäftsjahr 1999/2000 rutschte Libro in die Verlustzone. Ab Weihnachten 2000 hatte das Unternehmen mit ernsthaften Liquiditätsproblem zu kämpfen, und da bereits damals kein Investor gefunden werden konnte, meldete Libro im Juni 2001 mit 240 Mio. Euro anerkannten Forderungen den Ausgleich an.
Mitte April 2002 brauchte Libro als Folge der schwachen Konjunktur von den Banken wieder Geld, das Unternehmen schlitterte in den Konkurs, der mit laut KSV mehr als 380 Mio. Euro angemeldeten Passiva nach Konsum und Maculan das damals drittgrößte Insolvenzverfahren in Österreich seit 1954 war.
Bereits rechtskräftig verurteilt
An einer „Nebenfront“ der Pleite ist Rettberg schon rechtskräftig verurteilt. Wegen versuchter betrügerischer Krida war der ehemalige Manager im Jahr 2006 im Landesgericht Wiener Neustadt wegen Verschleierung seines privaten Vermögens vor seinen Gläubigern verurteilt worden. Der Schuldspruch wurde vom Obersten Gerichtshof bestätigt.
Die Strafe von drei Jahren Haft, davon acht Monate unbedingt, wurde von Rettberg angefochten, das Wiener Oberlandesgericht bestätigte diese aber Mitte September 2008. Die rechtskräftige Haftstrafe musste Rettberg aber bis heute nicht antreten. Ein Strafaufschub von einem Jahr wurde gewährt, dann brachte Rettberg einen Wiederaufnahmeantrag ein. Außerdem beantragte er eine Fußfessel, um nicht in Handschellen vor den Richter treten zu müssen.
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