Codes entschlüsseln
Wie werden uns Waren durch Marketing aufs Aug gedrückt? Wie kamen Frauen in berühmten Popsongs zu ihrer Ehre? Wie betrügt uns die Nahrungsmittelindustrie? Was sind die peinlichsten SMS-Fehltritte? Warum sollte man keine Tiere essen? In den Sachbüchern der Saison finden sich Vorschläge für Antworten.
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Zum Grübeln und Recherchieren laden auch Kulturbücher über die Literatur, das Kino und das Netz ein, und ein schwer zu überbietender New-York-Bildband will geschmökert werden.

S. Fischer Verlag
Essen als Körperverletzung
Thilo Bode ist ein moderner Robin Hood oder Spartakus. Er fordert das Volk dazu auf, sich gegen die Supermarktschreckensherrschaft der „Essensfälscher“ (so der Titel des Buches) aufzulehnen. Analogkäse und Pseudoschinken kennt man zwar ebenso, wie man weiß, das kaum ein Produkt, das als gesund beworben wird, wirklich gesund ist. Aber die Masse der Fakten, die Zusammenschau und die Details sind es, die klarmachen: So kann es nicht weitergehen. Man muss bewusster konsumieren. Bode weiß, wovon er spricht. Er hat foodwatch gegründet, eine Organisation, die dreiste Lügen der Nahrungsmittelindustrie aufdeckt. Mahlzeit!
Thilo Bode: Die Essensfälscher. S. Fischer, 224 Seiten, 15,40 Euro.
„Lila schmeckt anders als Orange“
Passend zum vorweihnachtlichen Konsumrausch bieten Johannes Schneider, Dirk Bayas-Linke und Christian Scheier mögliche Antworten auf die Frage, warum sich Konsumenten für ganz bestimmte Produkte entscheiden und andere zum Ladenhüter verkommen. Die drei Marketingexperten wagen sich auf Basis von neuropsychologischen Erkenntnissen an eine Entschlüsselung der „geheimen Sprache der Produkte“. Anhand prominenter Fallbeispiele wird den Erfolgsrezepten bestimmter Produkte auf den Grund gegangen und zu erklären versucht, wieso bei Schokolade „Lila anders als Orange“ schmeckt und eine traditionell in Blau verpackte Creme besser nicht in einer roten Dose verkauft werden sollte. Einziges Kaufargument ist jedenfalls nicht der Preis. Vielmehr wandern jene 10.000 Produkte, die sich im Schnitt in jedem Haushalt befinden, aufgrund einer ganzen Reihe von „Codes“ über den Ladentisch.
Christian Scheier, Dirk Bayas-Linke, Johannes Schneider: Codes. Die geheime Sprache der Produkte. Haufe, 224 Seiten, 30,70 Euro.
Ein Witzbuch für das 21. Jahrhundert
Vor SMS, E-Mail, Twitter und Co. konnte man der Nachwelt höchstens peinliche Liebesbriefe hinterlassen. Dass gesendete Nachrichten, die man im Nachhinein bereut, auch (oder vor allem) für Außenstehende komisch sein können, zeigen Anna Koch und Axel Lilienblum. Sie betreiben die Onlineplattform SMSvongesternNacht.de, auf der User aufgerufen sind, ihre witzigsten SMS einzusenden. Sie veröffentlichten nun die ihrer Ansicht nach besten Kommentare in Buchform. „Du hast mich auf dem Balkon vergessen“ heißt die Witzsammlung, in dem die Kommentare, die vermutlich größtenteils im betrunkenen Zustand abgeschickt wurden, zu lesen sind.
Axel Lilienblum und Anna Koch: Du hast mich auf dem Balkon vergessen. Rowohlt Taschenbuch, 258 Seiten, 9,20 Euro.
Wer waren „Angie“ und Co.?
Ein ungemein nettes Buch ist Michael Heatleys „Das Mädchen aus dem Song“. Er ist der Geschichte jener Frauen auf den Grund gegangen, die in Klassikern der Pop- und Rock-Geschichte besungen werden. Wer waren „Dear Prudence“ (Beatles), „Angie“ (Rolling Stones) und die anderen? John Lennon wollte das Mädchen Prudence mit seinem Song aus einer Meditationshütte in Indien herauslocken. Bowies Ehefrau behauptet, „Angie“ zu sein. Mick Jagger habe sich mit dem Song bei ihr entschuldigt, weil sie ihn im Bett mit ihrem Mann David Bowie erwischt habe (die beiden Männer dementieren). Unbedingt mit YouTube in Klickweite lesen. Herrlich.
Michael Heatley: Das Mädchen aus dem Song. Schwarzkopf & Schwarzkopf, 247 Seiten, 15,40 Euro.
Dubiose Agrarsubventionen
In den Medien hat das Buch für einigen Wirbel gesorgt. Wer es genauer wissen will, sollte sich das „Schwarzbuch Landwirtschaft“ zulegen und lesen. Hans Weiss’ Faktensammlung ist ein Lehrstück in österreichischer Realverfassung. Der Autor schreibt über Fördermillionen an Großkonzerne und sonstige dubiose Subventionen. Er sammelte statistisches Material und sprach mit Insidern. Wütende Kritik an dem Buch war die Folge - nicht nur von Bauernvertretern.
Hans Weiss: Schwarzbuch Landwirtschaft. Deuticke, 176 Seiten, 16,40 Euro.

Kiepenheuer & Witsch Verlag
Schwieriges Thema, leichte Kost
Mitunter richten sich US-Sachbücher in allzu einfachen Worten an den Leser, um niemanden zu vergraulen. Und Jonathan Safran Foer, gefeiert für „Alles ist erleuchtet“, wollte aus ideologischen Gründen ein möglichst großes Publikum erreichen: „Tiere essen“ ist sein Plädoyer für eine vegetarische Lebensweise. Er berichtet darüber, wie schwer es ist, auf den Lieblingsburger zu verzichten, und erklärt, warum er es dennoch tut: Durch gedankenlosen Konsum beteiligt man sich an jener Folter, die Massentierhaltung bedeutet. Ein Weihnachtsgeschenk für alle, denen man wünscht, dass ihnen die Weihnachtsgans im Hals stecken bleibt.
Jonathan Safran Foer: Tiere essen. Kiepenheuer & Witsch, 352 Seiten, 20,60 Euro.
Der ästhetischen Philosophie auf der Spur
Heute genießt der legendäre Kunsthistoriker und Bibliotheksgründer Aby Warburg (1866 bis 1929) Kultstatus. Mit seiner Ikonologie schuf er eine eigenständige Methode der Bilderforschung und setzte neue Maßstäbe interdisziplinären Arbeitens. Warburg sah in Bildern historische Dynamiken gespeichert - ausgehend von jenen versuchte er diese zu erfassen. Das machte ihn zum Grenzgänger und kam in Wortschöpfungen wie „Denkraum“, „psychische Energiekonserven“, „Eindruckserbmasse“, „Willkürverknüpfung“ und der bekannten „Pathosformel“ zum Ausdruck. Warburgs wichtigste Schriften, die nichts an Aktualität und Anregungskraft verloren haben, liegen nun in einem Band vor und versprechen nicht nur dem Spezialisten einen hohen Lesegenuss.
Aby Warburg: Werke in einem Band. Herausgegeben und kommentiert von Martin Treml, Sigrid Weigel, Perdita Ladwig. Suhrkamp, 988 Seiten, 68 Euro.

Taschen Deutschland GmbH
New York, New York
Ein Buch als Hommage an eine Stadt: Der Taschen Verlag hat mit dem fast 600 Seiten starken, großformatigen Bildband „New York. Porträt einer Stadt“ der sagenumwobenen Metropole eine wunderschöne Liebeserklärung gemacht. Fotos aus der Geschichte von New York bis heute, Porträts ihrer Bewohner, vom frühen Jazzer bis zum Freak von heute, begleitet von erhellenden Texten (in Deutsch, Englisch und Französisch): Ein Weihnachtsgeschenk, das wirklich etwas hermacht für New-York-Liebhaber und alle, die man dazu machen will. Selbst Menschen mit Flugangst werden nach der Lektüre denken: „Da muss ich hin.“
Reuel Golden: New York, Porträt einer Stadt. Taschen Verlag, 559 Seiten, 51,40 Euro.
Für Bücherwürmer und Leseratten
„So karg und öde also sieht es in uns Konsum-, Drogen- und Wellnessjunkies aus, wenn man uns die lustigen Wohlfühlgehäuse wegrasiert?“ Sprachlich schöne, moralische Sätze von einem gebildeten Mann: Buchkritiker und Bachmann-Juror Hubert Winkels legt mit „Kann man Bücher lieben?“ seinen Zugang zum Lesen offen. Er war es, der einst die Debatte über Emphatiker (Literatur ist Pop) und Gnostiker (die studierten Analysierer) entfachte. Winkels lässt keinen Zweifel daran: Er ist Gnostiker - aber sein Buch ist, wenn auch immer von einem felsenfesten Standpunkt aus, mitunter im Plauderton gehalten. Es geht um Regalsysteme, Gegenwartsliteratur (von Daniel Kehlmann bis Haruki Murakami) und geschwollene Egos im Literaturbetrieb. Eine lohnende Lektüre für Bücherliebhaber.
Hubert Winkels: Kann man Bücher lieben? Vom Umgang mit neuer Literatur. Kiepenheuer & Witsch, 382 Seiten, 25,70 Euro.
Tarantino und Co. in die Karten schauen
Will jemand vom Kinogeher zum Cineasten werden? Falls ja, Michaela Krützens „Dramaturgien des Films - das etwas andere Hollywood“ ist eine durchwegs unterhaltsame Anleitung dafür, wie man Filme auch sehen kann: analytisch, kritisch, vergleichend. Der Ansatz der Medien- und Filmwissenschaftlerin: Es gibt nur eine Handvoll Storys, und die werden immer variiert. Das betrifft nicht nur klassische Hollywood-Filme, sondern auch Quentin Tarantino, David Lynch und Co. Aber dieses „andere Hollywood-Kino“ lädt die alten Geschichten kulturell völlig neu auf. Detailliert wird auf Filme wie „Pulp Fiction“ (beeindruckende Power-Point-Grafik zum Film), „Mulholland Drive“, „Short Cuts“, „Twelve Monkeys“ und ähnliche Kultfilme eingegangen. Das macht Lust auf Filmschauen.
Michaela Krützen: Dramaturgien des Films. Das etwas andere Hollywood. S. Fischer, 621 Seiten, 25,70 Euro.
Blöd werden durch das Internet
Ein herrlicher Duktus des Kulturpessimismus herrscht im Buch „Gadget - Warum die Zukunft uns noch braucht“ vor. Jaron Lanier warnt vor dem Verlust der Identität im Internet - weil man Homogenisierungstendenzen im Zeitalter permanenter kollektiver Präsentationsflächen (Facebook) ohne Unterlass ausgesetzt ist. Er macht den Vorschlag eines „rationalen Computationalismus“, der vereinfacht so beschrieben werden kann: Netz und Rechner benutzen, sich aber nirgends und niemals kritiklos in die Datenströme einklinken. Es schadet bei der Lektüre nicht, wenn man grundlegende Begriffe der Medientheorie und -philosophie schon einmal gehört hat. Ein Buch zum Sammeln von Argumenten, wenn man die Computerzeit von Kindern beschränken will - oder wenn man intelligente Zitate für Biertischdiskussionen über Facebook brauchen kann.
Jaron Lanier: Gadget - Warum die Zukunft uns noch braucht. Suhrkamp, 249 Seiten, 20,40 Euro.
Das Ehedrama der Tolstois in Briefen
Dem Tod Leo Tolstois vor 100 Jahren ging ein Ehedrama voraus, das Seinesgleichen sucht. Wie es zu den nervenzerreißenden Ereignissen der letzten Tage kommen konnte, das kann man nun selbst nachvollziehen: Erstmals ist der 48 Jahre umspannende Ehebriefwechsel der Tolstois auf Deutsch veröffentlicht worden. Da wird gejammert, da werden Vorwürfe gemacht - und große Leidenschaft und Liebe abgefeiert, alles auf höchstem Niveau. Der Grundkonflikt: Graf Tolstoi wollte sein gesamtes Vermögen an Arme verschenken. Seine Frau war dagegen. Der Briefwechsel wirft auch ein neues Licht auf Tolstois Werk. Je drängender für ihn der unerfüllte Wunsch wurde, nach seinen urchristlichen Prinzipien zu leben, desto radikaler wurde sein Werk. Die Lektüre lohnt sich für alle - Tolstoi-Experten genauso wie für jene, die sich gerne ein bisschen am Eheunglück der anderen erfreuen. Den nötigen Kontext liefert die knappe und spannende rororo-Monografie „Lew Tolstoj“.
Lew Tolstoj und Sofja Tolstaja: Eine Ehe in Briefen. Insel, 494 Seiten, 23,50 Euro.
Ursula Keller und Natalja Sharandak: Lew Tolstoi. Rororo monographie, 158 Seiten, 9,20 Euro.
Laurel und Hardy: Von wegen doof
Eine überfällige Revision nimmt Sven Hanuschek in seinem Buch „Laurel und Hardy“ vor. Im deutschsprachigen Raum wurden ihre Filme verstümmelt und meist fragwürdig synchronisiert und nur in einzelnen Szenenfolgen („Auch Spaß muss sein“) unter dem Titel „Dick und Doof“ gezeigt. Aber die Langfilme der beiden sind beißende Gesellschaftssatiren, in denen gängige „Typen“ durchgespielt wurden: vom Firmenbesitzer über den Alkoholiker, den unterdrückten Soldaten bis zum Schwerenöter. Nun liegen die Langfilme auf DVD vor - sie sind alles andere als „doof“ und stehen, wie der Autor mehrmals betont, jenen von Buster Keaton und Charly Chaplin um nichts nach. Das Buch macht große Lust auf „Stan und Olli“, die Filme sind wirklich grandios - eine unbedingte Empfehlung.
Sven Hanuschek: Laurel und Hardy. Eine Revision. Zsolnay, 224 Seiten, 20,50 Euro.
Simon Hadler, Sophia Felbermair, Peter Prantner und Armin Sattler, ORF.at
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