Macht, Sex und Eitelkeit
Die Frankfurter Buchmesse hat für die Übersetzung grandioser Romane aus Argentinien gesorgt. Gefeierte Autoren wie Haruki Murakami und Ian McEwan sind in Höchstform. Absurder, zynischer Humor wird mit Karikaturen und Graphic Novels bedient.
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Nicht zuletzt wird die Gesellschaft in Österreich, Deutschland und dem Rest der Welt aus allen möglichen und unmöglichen Blickwinkeln betrachtet. Am 25. Dezember kann man sich also getrost zum Kachelofen kuscheln und lesen. Ein Elektrostrahler tut es aber auch.

Diogenes Verlag
Einen Weltretter auslachen
Der britische Schriftsteller Ian McEwan (zuletzt hoch gelobt für „Saturday“), hat mit „Solar“ eine äußerst humorvolle Abrechnung mit der Hybris von Pseudoweltrettern und intellektuellen Machos vorgelegt. Michael Beard bekam den Nobelpreis für Physik für seine Erkenntnisse im Bereich der Photovoltaik verliehen. Seither lieferte er keinen wichtigen Beitrag mehr, ruhte sich auf seinen Lorbeeren aus und leitete ohne Ehrgeiz ein Institut. Seine Frauen, die er immer wieder wechselt, betrügt er reihenweise. Dann jedoch ist der fettleibige Beard selbst der Betrogene, und auch wissenschaftlich im Abseits. Sein Befreiungsschlag als Solarstromgott ist ein Pakt mit dem Teufel - Beard stiehlt Forschungsergebnisse. Das Schicksal schlägt zurück, gnadenlos. Eines der raren Bücher, bei denen man immer wieder hysterisch auflachen muss.
Ian McEwan: Solar. Diogenes, 416 Seiten, 22,60 Euro.
Ein österreichischer Generationenroman
Erich Hackl hat sich mit seinen Romanen („Abschied von Sidonie“, „Sara und Simon“), die zum Großteil auf historischen Fakten basieren, in Österreich als moralische Instanz etabliert. Diesem Status wird er nun auch mit der „Familie Salzmann“ gerecht. Hier wird die Geschichte einer Familie über mehrere Generationen hinweg verfolgt. Prägnant und präzise berichtet Hackl über das Leben eines Paares im Widerstand gegen den Nationalsozialismus, über Flucht, Haft und die Entfremdung des Sohnes, der bei seiner Tante aufwächst, vom Vater. Zuletzt wird der Bogen bis in die Gegenwart gespannt, Hackl legt seinen Finger in die Wunde unzureichend aufgearbeiteter Vergangenheit. Die Höhen und Tiefen der Familiengeschichte verfolgt man gebannt.
Erich Hackl: Familie Salzmann. Diogenes, 192 Seiten, 20,50 Euro.
Papi taugt nicht einmal zum Opfer
Peters Frau ist schon lange weg. Er kümmert sich um seine Tochter, fährt mit ihr in den Urlaub auf Sylt, doch das Sorgerecht hat er nicht. Ein Sturm auf der grotesk dekorierten Luxusinsel und der Leerlauf zwischen Weihnachten und Neujahr geben ihm den Rest. Thomas Hettche beschreibt in „Die Liebe der Väter“, wie sich die Mechanismen von Staat und Familie gegen einen Mann wenden, der eigentlich alles richtig machen wollte. Am Ende gesteht ihm die Gesellschaft nicht einmal mehr die Opferrolle zu. Er soll zahlen und ansonsten die Klappe halten. Hettche geht an die Wurzel der Wut. Schön ist das nicht. Aber es schärft den Blick.
Thomas Hettche: Die Liebe der Väter. Kiepenheuer & Witsch, 224 Seiten, 17,50 Euro.
Ein schwereloser Tanz
Der Erzähler hat ein Problem. Marie ist weg. Sie treibt sich in Japan herum, seine große Liebe, und das auch noch in Begleitung eines reichen französischen Pferdezüchters. Zurück in Paris ergibt sich für den Erzähler unter grausamen Umständen die Chance, Marie wieder für sich zu gewinnen. Doch er zögert, genauso wie die Frau, die er begehrt. Jean-Philippe Toussaint schreibt über die Liebe in einer Welt ohne Verbindlichkeiten. Marie und der Erzähler flottieren frei, von ungeheuren Kräften in der Schwebe gehalten, die Toussaint mit präzisen Formeln heraufzubeschwören versteht. Ein schwereloser Tanz um unsere Lieblingsthemen: Macht, Sex und Eitelkeit.
Jean-Philippe Toussaint: Die Wahrheit über Marie. Frankfurter Verlagsanstalt, 240 Seiten, 20,50 Euro.

Rowohlt Verlag
Müsliromantik und Punk-Getue
Seit seinem epochalen Roman „Die Korrekturen“ wurde der neue Jonathan Franzen erwartet wie die Offenbarung. Das soeben auf Deutsch erschienene „Freiheit“ daran zu messen ist nicht fair - schlicht, weil dem Vergleich nicht standzuhalten ist. Der Roman gibt auf schmerzhaft sensible Weise Einblick in das Leben einer Familie im Verlauf von 20 Jahren. Für ihn war es die große Liebe, für sie ein Kompromiss. Er war lieb, aber heißer war sein Freund, der Punk-Musiker. Es geht um gelebte und ungelebte Sehnsüchte, um Daseinsentwürfe zwischen bürgerlicher Müsliromantik und machoidem Punk-Getue, um Liebe, um Politik, um Lügen, um Erfolg, Familie und Kindererziehung, also schlicht: um die großen Fragen der Bobos unserer Zeit. Man hat keine Ahnung, warum - aber das Buch lässt einen nicht zu Atem kommen. Das ist eben Franzen.
Jonathan Franzen: Freiheit. Rowohlt, 736 Seiten, 25,70 Euro.
„Der tollste Murakami“
Einmal mehr hat der Japaner Haruki Murakami eine Welt (oder sind es diesmal gar zwei Welten?) erschaffen, voll von merkwürdigen Menschen und Ereignissen. Eine Auftragskillerin und ein erfolgloser Schriftsteller, die einander schon seit Schulzeiten kennen, finden hier zusammen. Konfrontiert werden sie mit den Umtrieben einer mysteriösen Sekte, mit sexuellem Missbrauch und - mit der Liebe. Voll von Anspielungen - etwa auf George Orwells „1984“ - ist dieses Werk, das gleich mehrere Genres umfasst - vom Krimi bis zum Entwicklungs- und Bildungsroman, wie es im Text zur ORF-Bestenliste heißt. „Japanische Literatur ist die rätselhafteste der Welt“, schreibt die „Süddeutsche Zeitung“, „auch Murakami weiß seine Geheimnisse zu wahren. Aber es sind, kraft seiner Humanität, Geheimnisse für die ganze Welt.“ Viele Leser sagen: „Der tollste Murakami“.
Haruki Murakami: 1Q84. Dumont, 1.021 Seiten, 32,90 Euro.
Absurder Humor, gelungene Pointen
David Shrigley ist einer der prominentesten und witzigsten Zeichner Großbritanniens. Lustvoll widmet er sich in vielen seiner Zeichnungen der Pointe - genauso lustvoll verweigert er sich ihr aber auch. Einzelne Treffer wechseln sich mit absurdem Humor ab. Die Kuh fragt die melkende Bäuerin ungläubig: „Äh - was machst Du da eigentlich?“ Shrigley bedient und dekuvriert moderne Mythen gleichermaßen. Sein Buch eignet sich hervorragend für Wartezimmer und Kaffeetische. So manche Seite wird man sich kopieren und aufhängen wollen. Shrigley ist übrigens einer der Proponenten des Kampfes gegen Einsparungen im Kulturbereich in Großbritannien. Sein diesbezügliches YouTube-Video ist himmelschreiend komisch.
David Shrigley: The Essential. Eichborn, 352 Seiten, 25,70 Euro.
Einsamer, zynischer Antiheld
Graphic Novels wurden im deutschsprachigen Raum viele Jahre sträflich vernachlässigt. Das ändert sich jetzt langsam. Ein Beispiel dafür ist Daniel Clowes „Wilson“, das im Eichborn-Verlag erschienen ist. Der Autor ist ein Klassiker des Genres. Die Generation, deren Leben er immer wieder in seinen Comics einfängt, ist mittlerweile in die Midlife-Krise gekommen. Wilson ist ein bärbeißiger, zynischer Antiheld, der zur gegenseitigen, ergebnisorientierten Kommunikation nicht taugt. Sein beißender Humor schreckt alle ab. Überraschend erfährt Wilson, dass er eine halbwüchsige Tochter hat - aber sein Versuch, der Einsamkeit zu entkommen, endet im Drama. Doch das ist nicht das Ende dieser bitterbösen Geschichte.
Daniel Clowes: Wilson. Eine Graphic Novel. Eichborn, 80 Seiten, 20,60 Euro.
Die Folter, das Verzeihen
Zum Argentinien-Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse sind einige hervorragende Texte auf Deutsch erschienen. Eduardo Belgrano Rawsons „Die Predigt von La Victoria“ beschäftigt sich wie viele dieser Bücher mit der autoritären Vergangenheit des Landes. Eine Schülerin wird vermisst, ihr junger Freund des Mordes bezichtigt. Unter Folter gesteht er. Jahre später taucht das Mädchen - es war einfach von zu Hause abgehauen - wieder auf, sie ist längst Mutter. Ihre Jugendliebe wird rehabilitiert. Aber welche Zukunft ist nach so einer Vergangenheit noch möglich? Große Themen werden abgehandelt: staatliche und zwischenmenschliche Gewalt, Liebe und die (Un-)Möglichkeit des Verzeihens.
Eduardo Belgrano Rawson: Die Predigt von La Victoria. C. H. Beck, 303 Seiten, 20,60 Euro.
Surrealistisch, historisch und mit Thrill
Guillermo Martinez ist unter Lesern im deutschsprachigen Raum kein Unbekannter mehr. Sein paranoider, literarischer Thriller „Der langsame Tod der Luciana B.“ sorgte für Aufmerksamkeit. Nun liegt von dem Argentinier der Erzählband „Gewaltige Hölle“ vor, in dem sich der Autor reichlich an den literarischen Traditionen Lateinamerikas bedient. Surrealer, historischer Roman und wieder literarischer Thriller, komprimiert in kurzen Geschichten. In einer Erzählung verdächtigt der faschistische Mob einen Frisör des Mordes. Aufgedeckt wird dann aber ein Verbrechen der Faschisten selbst, nur, um wieder unter den Teppich gekehrt zu werden. Die Geschichten sind einfacher gestrickt als Martinez’ Romane. Ein Buch für Tagespendler - pro Zugfahrt geht sich eine Story aus.
Guillermo Martinez: Gewaltige Hölle. Eichborn, 195 Seiten, 19,50 Euro.
In argentinischer Geschichte versinken
Im dem Roman „Das fehlende Jahr des Juan Salvatierra“ des 1970 in Buenos Aires geborenen Autors Pedro Mairal geht es um den (fiktiven) verstorbenen Maler Salvatierra, der Zeit seines Lebens eine lange, zusammengestückelte Leinwand bemalte, die bei seinem Tod vier Kilometer lang ist und wie ein unendliches, ästhetisches Tagebuch gelesen werden kann. Nach seinem Ableben bemerken seine Söhne das Fehlen eines der Bilder. Sie machen sich auf die Suche und kommen dabei einem dunklen Familiengeheimnis auf die Spur. Die Geschichte ist berührend und gleichzeitig packend und fängt 60 Jahre argentinisches Lebensgefühl ein. Und man darf in der Lektüre versinken, dafür garantiert die lateinamerikanische Erzähltradition.
Pedro Mairal: Das fehlende Jahr des Juan Salvatierra. Hanser, 144 Seiten, 15,40 Euro.
Bolano braucht keine 1.000 Seiten
Von Argentinien ist es nicht weit nach Chile. Von dort stammte der unlängst verstorbene Autor Roberto Bolano, der zuletzt mit seinem ausufernden, durchwegs euphorisch besprochenen 1.000-Seiten-Schinken „2666“ für eine literarische Sensation sorgte. Nun ist auf Deutsch aus dem Nachlass seine Novelle „Lumpenroman“ erschienen. Auch auf nur 112 Seiten schafft Bolano eine düstere, unwirkliche Stimmung, die Ihresgleichen sucht. Ein junges, verwaistes Geschwisterpärchen lässt sich von zwei Schnorrern zu einem Coup überredet. Das Mädchen schleicht sich deshalb bei einem blinden Gangsterboss als Prostituierte ein. Zusehends dreht sich die Handlung in eine unerwartete Richtung. Dringende Lektüreempfehlung.
Roberto Bolano: Lumpenroman. Hanser, 112 Seiten, 15,40 Euro.
Die Schattierungen der Selbstbestimmung
Marlene Streeruwitz lotet in ihrem Band „Das wird mir alles nicht passieren ... Wie bleibe ich Feministin“ einmal mehr das Frausein in Beziehung zur Gesellschaft im Allgemeinen und zu Männern im Speziellen aus. Ihre Geschichten handeln vom Kampf um Autonomie, ob still oder lautstark, ob erfolgreich oder nicht. Von Feminismus spricht Streeruwitz im Titel, aber diese Klammer hätte es gar nicht bedurft. Die Erzählungen handeln das Thema Selbstbestimmung in allen Schattierungen ab. Da kann sich die Ignoranz des Partners auch schon einmal in zügellosem Fressen äußern. Der Kontext macht den Unterschied: Das Buch ist eine Einladung zur Neubewertung der eigenen Beziehungen zur Umwelt.
Marlene Streeruwitz: Das wird mir alles nicht passieren ... Wie bleibe ich Feministin. Fischer, 151 Seiten, 9,99 Euro.

Suhrkamp Verlag
BRD-Freak Onkel J.
Onkel J. ist ein Freak, ein Platzhalter für den mitteleuropäischen Mann: ein Monster, unschuldig und hart wie die Natur, in der es lebt und die es liebt. Wehe, wenn der Onkel seinen Hobbykeller betritt. Wehe, wenn er zu viel Geld in die Hand bekommt, um sich damit im Bahnhofsviertel zu „vergnügen“. Wehe, wenn er unter die Jäger gerät. Mit dem „Zimmer“ hat Andreas Maier eine Art Anti-„Mad Men“ für die alte BRD geschrieben, er zeigt ein vergangenes Land, so glamourös und wohlriechend wie der rehlosungsbraune VW Variant des Onkel J. Aber Maiers Welt ist nicht nur finster. Die Szene, in der Onkel J. im Wald einem Rotkehlchen begegnet, reiht sich in die hellsten Naturbeschreibungen der deutschsprachigen Literatur ein.
Andreas Maier: Das Zimmer. Suhrkamp, 200 Seiten, 18,40 Euro.
Kaltes Science-Fiction-Russland
Zügellose Empörung paart sich selten mit großem literarischen Talent. Vladimir Sorokin ist so ein Fall, bei ihm wird die Analyse der postkommunistischen Zustände (semi-austoritärer Überwachungsstaat, Turbokapitalismus) als Munition eingesetzt, seine fantastischen Science-Fiction-Romane kommen einem enthemmten Maschinengewehr gleich. Nun liegt mit „Der Zuckerkreml“ ein Band von Erzählungen vor, deren Handlung in einem fiktiven Russland in naher Zukunft angesiedelt ist. Dunkel, finster und kalt ist Sorokins Russland, und dennoch erzählt er darüber mit Humor. Geheizt wird nur noch mit Holz, weil alle fossilen Brennstoffe exportiert werden. Zu Weihnachten gibt es für Kinder den Kreml - aus Zucker.
Vladimir Sorokin: Der Zuckerkreml. Kiepenheuer & Witsch, 239 Seiten, 18,99 Euro.
Easton Ellis: Es geht noch brutaler
Alte Bekannte aus einem Alptraum, den man eigentlich längst vergessen hat: So kommt einem das Personal in Bret Easton Ellis’ neuem Roman „Imperial Bedrooms“ vor. Die wohlstandsverwahrlosten Perversen kennt man schon aus dem ersten Buch des 46-jährigen US-Autors, „Unter Null“. Nun sind sie noch brutaler und rücksichtsloser geworden. Der packende Thriller rund um einige Hollywood-Semicelebritys ist wie immer gespickt mit Zitaten aus der Pop- und Konsumwelt.
Bret Easton Ellis: Imperial Bedrooms. Kiepenheuer & Witsch, 215 Seiten, 19,50 Euro.
Es täglich toller treiben mit dem ABC
Der Diogenes-Verlag hat mit seinem Büchlein „Buchstabentanz“ ein Kleinod erschaffen. Im Mittelpunkt der erfreulichen Betrachtung steht das Alphabet. Autoren und Zeichner wie Maurice Sendak, Wolhelm Busch, Honore Daumier, Paul Flora und Tomi Ungerer spielen mit Buchstaben. Sendak zum T: „Treiben es täglich toller.“ Aus Buschs Tier-ABC zum L: „Die Lerche in die Lüfte steigt, der Löwe brüllt, wenn er nicht schweigt.“ Typographie und nette Lyrik vom Feinsten. Lektüretipp: Einen stillen Winkel im Kaffeehaus suchen und eine entspannende halbe Stunde lang harmlos in sich hineinschmunzeln.
Buchstabentanz. Diogenes, 128 Seiten, vier Euro.
Boa, sind die oag!
Der Auftrag des Czernin-Verlags lautete: einen Punkt im Leben beschreiben, an dem man ganz unten war. Dieser Aufforderung sind Autoren und Journalisten wie Doris Knecht, Thomas Glavinic und Christian Schachinger gefolgt. In kurzen Texten erzählen sie von Suff, schlechtem Sex und Drogen. Einige von ihnen arbeiten dabei mit Selbstironie - und man merkt ihnen an, dass einem das wilde Leben wirklich, wirklich weh tun kann. Andere feiern sich selbst einfallslos als coole Hunde ab. Die österreichische Variante von Sex and Drugs and Rock ’n’ Roll.
Ela Angerer (Hrsg.): Abwärts. Czernin Verlag, 125 Seiten, 9,90 Euro.
Das Chaos des Kapitalismus
Dem Kapitalismus geht’s an den Kragen: Der US-Autor William Gaddis, einer der ganz Großen der amerikanischen Literatur, bringt in seinem über 1.000 Seiten starken Roman in Dia- und Multilogform den Kapitalismus auf den Punkt. Selbst ein kleiner Schulbub kann die einfachen Regeln der Verwirklichung des amerikanischen Traums anwenden und ein Finanzimperium erschaffen. Das Stimmengewirr in Gaddis’ Roman sieht der Autor als seine künstlerische Antwort und Verarbeitung des Chaos des Kapitalismus an. Gaddis sarkastisch-ironisch-zynische Abrechnung mit dem System von 1975 liegt zur Wiederentdeckung eines Meisters der Sprache nun als Neuübersetzung auf Deutsch vor.
William Gaddis: JR. DVA, 1.040 Seiten, 30,90 Euro.
Das Google Maps der Lyrik
Die Welt wird neu fassbar durch Google Maps. Von oben, von außen nähert man sich an. In ihrer inneren Struktur hingegen bleibt die Landschaft der Lyrik überlassen. Lutz Seilers bemerkenswerter Gedichtband „im felderlatein“ entwirft eine Semantik der Geografie: „ortsteile gab es, orte - die ich nicht kannte, nicht einmal vom namen kannte. es gab eine einzige straße & für jedes haus eine zahl, mit einer halben verbeugung – die laterne.“ In den deutschen Feuilletons zeigten sich die Kritiker begeistert.
Lutz Seiler: im felderlatein. Suhrkamp, 102 Seiten, 15,40 Euro.
Die Tagebücher eines selbstverliebten Briten
Samuel Pepys war im 17. Jahrhundert Sekretär der britischen Marine, der durch seine in Geheimschrift verfassten Tagebücher unsterblich wurde. Ungeschminkt gibt er darin über alle Bereiche seines Lebens Auskunft. Seeschlachten und Krönungen stehen neben Verdauungsproblemen, Affären und Ehekrach, die Pest und das große Feuer von London neben Theaterbesuchen und der Annahme von Schmiergeldern. Das Tagebuch gilt als einzigartige historische Quelle - und gerade weil Pepys jeder Sinn für Selbstironie fehlte, sind die Aufzeichnungen zum Schreien komisch. Nun sind die Tagebücher in einer vollständigen Übersetzung (in neun Bänden) erhältlich.
Samuel Pepys: Die Tagebücher 1660-1669. Haffmans & Tolkemitt (bei Zweitausendeins), 4.416 Seiten, 169,90 Euro.
Simon Hadler, Günther Hack, Sophia Felbermair und Peter Bauer, ORF.at
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