„Zu Hause, aber nicht daheim“
Wenn ein österreichischer Wissenschaftler in Israel beinahe krampfhaft seine jüdischen Wurzeln sucht so wie Rudi Klausinger in „Andernsorts“, dann wird manches erklärungsbedürftig. Gegenüber ORF.at erläutert Doron Rabinovici, warum man gerade Humor braucht, um Wunden freizulegen, weshalb ein Roman oft mehr kann als die Arbeit des Historikers, der er auch ist, und warum Genetik und Kultur wenn nur in der Vorstellungswelt des fiktiven Rabbi Berkowitsch Platz haben sollen.
Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.
Ihr neuer Roman macht den Leser beinahe atemlos, in den absurden Wendungen, die die Geschichte nimmt. Muss, wer sich der eigenen Geschichte stellt, damit leben, mehr Pakete vor die Tür gelegt zu bekommen, als er oder sie tragen kann?
Rabinovici: Prinzipiell würd ich das schon sagen, wobei die Wendungen in dem Roman mehr im Kopf entstehen als in der Realität, denn im Grunde sind ja die Verwandtschaftsfragen in dem Roman Themen, die mit Überidentifikation zu tun haben. Wer sehr intensiv sucht, wird auf die eine oder andere Weise fündig. Und wenn einer nach seinen Wurzeln sucht, dann stößt der zunächst nur auf Narben und Schnittwunden, und trotzdem hat er Phantomschmerzen.

APA/Georg Hochmuth
Doron Rabinovici, 1961 in Tel Aviv geboren: „Zu Hause, aber nicht daheim, das ist etwas, das immer mehr Leute bewusst erleben, und dafür steht Ethan Rosen.“
Wie sehr sind Ethan Rosen und Rudi Klausinger aus ihrem Roman eine Schicksalsgemeinschaft? Der eine, der seiner Identität nicht entkommt, der andere, der um jeden Preis eine Identität haben will und dem es noch dazu gefallen würde, eine jüdische Identität zu bekommen.
Rabinovici: Sie gehören schon zusammen. Aber mehr der Rudi zum Ethan als der Ethan zum Rudi. Aber die Geschichte kann man natürlich schwer aufdröseln, denn das, was der Familie vom Ethan passiert ist, hat ja zu tun mit dem Land vom Rudi, insofern ist es nicht wirklich zu trennen.
Gibt es für den jüdischen Soziologen Ethan Rosen, der zwischen Österreich und Israel hin- und herpendelt, eine Heimat, oder ist eine gewisse Form von Heimatlosigkeit eine Existenzbedingung, mit der er sich abfinden muss?
Rabinovici: Ich glaube, dass die Heimat von Ethan wirklich nur in Fremdheit oder Schamgefühl liegt. Dort, wo er sich am meisten distanzieren muss, könnte er zu Hause sein. Prinzipiell hat er aber keine wirkliche Heimat. Und dennoch würde er nicht daran zweifeln, zur jüdischen Geschichte zu gehören. Er würde aber auch immer wieder revoltieren dagegen. Ethan ist eine Figur, die mir nicht fremd ist, die ich immer um mich sehe, Wissenschaftler, die ihre Professur in Tel Aviv, Jerusalem oder Haifa haben, die gleichzeitig in Wien, London, Essen, New York leben und die eine Verbundenheit zu dem jüdischen Staat haben bei aller Kritik oder aller Apologie, die aber gleichzeitig aufgrund ihrer Biografie und ihres Berufs wo anders zu Hause sind und dort ebenfalls distanziert zu Hause sind. Dieses „Zu Hause, aber nicht daheim“ ist etwas, das immer mehr Leute bewusst erleben, und dafür steht Ethan Rosen. Wohingegen Rudi Klausinger für jemanden steht, der unbedingt wo dabei sein will und einen Platz finden möchte, weil es ihm auf die Nerven geht, dass er immer nur als nationaler Adabei geführt wird.
Was bedeutet Familie für jemanden wie Ethan Rosen? Es geht ja gerade auch in der jüdischen Geschichte bis zur tragischsten Konsequenz immer wieder um genetische Zugehörigkeit. Im Roman ist der orthodoxe Rabbi Berkowitch besessen von der techno-genetischen Herstellbarkeit des Messias aus einer bestimmten Linie des jüdischen Volkes. Gleichzeitig stärkt der Roman vor allem die Idee einer symbolischen Zugehörigkeit, von symbolischer Vaterschaft.
Rabinovici: Das Gerede über das Judentum hat nur allzu viel mit Genetik zu tun, und manche oder viele jüdische Menschen sind von diesem Gerede affiziert. Es kann gar nicht ein Gespräch jenseits der Nürnberger Rassengesetze stattfinden, das ist gar nicht mehr möglich. Aber: Im Judentum selber geht es nicht um Genetik. Das Judentum ist eine Konstruktion, die nicht linear funktioniert. Es ist eine Religion, die daran glaubt, dass sie die Religion eines Volkes ist. Und es ist ein Volk, das glaubt, eine eigene Religion zu haben, und es ist eine Kultur, die sich von der Abstammung der Mutter, aber auch dem Übertritt zu dieser Kultur definiert. Der Glaube an Gott ist zudem im Judentum nicht so wichtig wie im Christentum. Es gibt kein Credo, aber es gibt sehr wohl den Glauben, dass es die Juden als Volk gibt. Und zu unterschiedlichen Jahrhunderten meint der Begriff Volk unterschiedliche Dinge. Ich bin, obwohl ich überhaupt nicht an Gott glaube und die religiösen jüdischen Gesetze nicht einhalte, für einen orthodoxen Juden immer noch ein Jude. Aber auch für die Antisemiten bin ich ein Jude. Also ist es für Leute wie Ethan Rosen, der historisches Bewusstsein hat, unmöglich, davon abzusehen. Mit Genetik hat das nichts zu tun. Aber die verschiedenen Leute haben dann doch diese Fantasie einer gemeinsamen Abstammung ...
... wie der Rabbi Berkowitsch im Roman.
Rabinovici: Genau. Im Internet gibt es tatsächlich Angebote, auf die man anklicken kann, und da wird ein Gentest angeboten, um herauszufinden, ob man jüdisch ist. Das ist natürlich Unsinn und eine Banalisierung all dessen, was Judentum eigentlich sein kann. Die Vorstellung, man könne von König David abstammen, obwohl es überhaupt keinen Beweis dafür gibt, ob es den als historische Person tatsächlich gegeben hat, ist vollkommen idiotisch. Im Anfang des Romans stellt ja ein Orthodoxer die Frage, was passieren würde, wenn ‚unser aller Vater Abraham‘ aus der Businessclass auftauchen würde und fragt: „Hast du heute schon Teffilin (Gebetsriemen, Anm.) gelegt?“ Die Antwort, die man eigentlich hätte geben müssen, lautet: „Aber Abraham, sofern er je gelebt hat, hat nie Teffilin gelegt, denn die gab es damals noch nicht.“ Nicht nur gibt es keine Genetik in einer Kultur, jede Kultur ist von Anfang an nicht ursprünglich. Jede Kultur ist Assimilation, und jede heilige Schrift beginnt als Ketzerschrift.
Ihre Figuren sind immer damit befasst, textliche Botschaften zu bewältigen. Und kaum ist das getan, steht schon ein neuer Text da. Ist das auch eine Idee des Romans, dass Fragen der Identität eng an Texte gekoppelt sind?
Rabinovici: Der Rabbi Berkowitsch im Roman hat trotz seiner Fundamentalismen etwas sehr Sympathisches. An einem Punkt sagt er, dass die Struktur der DNA einer Tora-Rolle ähnle. Und diese Idee hat was, denn die DNA, das ist ja ein Code, also auch eine Schrift. Jenseits dessen, dass man Texte permanent auslegt und Kontexte erschließt, kann man über Identität gar nicht reden. Das Reden über Identität ist natürlich ein gefährliches Thema, denn es ist immer auch ein Reden über das Gewesene und das Verweste darin. Aber eigentlich ist Identität ja, solange wir leben, etwas Offenes, denn die voll ausformulierte Identität meiner selbst wird mein Grabstein sein.
Wie sehr sind Texte Orte der Erinnerung? Und gibt es nach der Schoa gerade so etwas wie eine Notwendigkeit zu erzählen?
Rabinovici: Die Erinnerung wird durch die Schoa zu einer Verpflichtung, wie sie es vorher nicht war. Es ist in unserer Gesellschaft nach den Massenkriegen und Massenmorden nicht mehr möglich zu sagen, Schwamm drüber, darüber reden wir jetzt nicht mehr. Früher war Amnestie eine Bedingung für Frieden, aber im Zeitalter pluraler Öffentlichkeit und nach der Vernichtung geht das nicht mehr. Hinzu kommt, dass sich die Juden nicht über einen Ort, sondern über die Zeit definiert haben und dass das Überleben einer verfolgten Gruppe stark davon abhängt, in Erinnerung zu behalten, wer ihnen ans Leben wollte. Dadurch, dass wir heute alle ortsloser leben, wird die Erinnerung universal wichtig. Die Erinnerung ist eine Art Lebensgarantie geworden.
Wie ist das Verhältnis zwischen Historiker und Romancier im Umgang mit der Geschichte, gerade vor dem Hintergrund, dass es ja nicht so etwas wie eine „objektive Rede“ im Roman gibt?
Rabinovici: Der Historiker kann ja nur beschreiben, wie es gewesen sein könnte, obwohl man ja von ihm erwartet, dass er beschreibt, wie es war. Der Schriftsteller kann beschreiben, wie es gewesen sein wird. Er kann aus der subjektiven Sicht der Opfer schreiben, er muss nicht den systematischen Blick des Täters einnehmen, um das Verbrechen zu erklären. Gleichzeitig kann er Verbindungen schaffen, die dem Historiker nicht möglich sind. Der Historiker kann Antworten geben. Der Schriftsteller kann die Fragen, die vielleicht unbeantwortbar sind, umso deutlicher stellen.
Ihr Roman ist ein auf vielen Ebenen funktionierender, unterhaltsamer Text. Würden Sie sich dennoch als ein vor allem politischer Schriftsteller definieren?
Rabinovici: Das ist schwer für mich zu sagen, das müssen andere beurteilen. Ich glaube, dass die engagierte Literatur teilweise zu Recht unter Generalverdacht steht. Es ist nicht so, dass ich mit dem, was ich schreibe, primär eine politische Aufgabe erfüllen will. Aber es ist ein Bewusstsein in mir, das kann ich nicht leugnen. „Ohnehin“ ist ja deutlich politischer gewesen als „Andernorts“. In „Andernorts“ wird nicht wie in einer Unterhaltungssendung einfach der Frage nachgegangen, ob zwei Leute Brüder sind. „Andernorts“ steuert nicht trivial auf etwas Sinnvolles oder Sinnstiftendes hin. Hier geht es darum, dass die Erwartung immerfort gebrochen wird. Und da liegt das komische Moment. Für mich ist Humor immer nur interessant, wenn er einen klüger macht. Mich interessiert der Moment, wo etwas Gebrochenes auftaucht, wo etwas zum Vorschein kommt, was unerhört ist. Deshalb muss man lachen.
Ihr Humor scheint ja recht ähnlich angelegt zu sein wie der der Coen-Brüder, und blickt man auf Ethan Rosen, dann fallen viele Parallelen zu Larry Gopnik aus „A Serious Man“ auf. Nicht nur, weil beide vor den Rabbis stehen und immer auf sich selbst zurückverwiesen werden.
Rabinovici: Ein fantastischer Film, der sehr stark ein Lebensgefühl wiedergibt, das ich kenne. Ich habe den Film gesehen, nachdem der Roman fertig war. Aber da wird genau auch dieses Lebensgefühl verhandelt: der Umgang mit einer Tradition, nachdem man dieser Tradition schon entwachsen ist, das Rätsel der Herkunft, die Frage, ob Schrödingers Katze in der Schwarzen Box sitzt oder nicht, ob es den Dibbuk gibt oder nicht. Damit kann ich gut leben, wenn man beim Lesen meines Romans an diesen Film denkt. Aber es ist ein Unterschied, ob Sie in Amerika über solche Themen als Jude schreiben oder in Österreich. In den USA gibt es so eine lebendige, große, vielfältige jüdische Existenz, die ist so groß, dass Sprechen über die jüdische Existenz ein Sprechen über das Dasein von allen ist. In Österreich wirkt hingegen immer auch jene jüdische Existenz weiter, die vernichtet wurde.
Das Interview führte Gerald Heidegger, ORF.at
Links: