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Gegner blockieren Gleise

Seit Freitagnachmittag ist der Castor-Zug mit elf Atommüllbehältern mit insgesamt 154 Tonnen auf dem Weg von der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague in das überirdische Zwischenlager im deutschen Gorleben unterwegs. Schon in Frankreich gab es erste Blockaden gegen den Transport. Gegner hatten sich an die Gleise gekettet. In Deutschland demonstrieren Zehntausende Atomkraftgegner.

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Die Fahrt ist von einem enormen Polizeiaufgebot begleitet, denn immer wieder versuchen Atomkraftgegner, die Gleise zu besetzen. Behinderungen an der deutsch-französischen Grenze zwangen den Transport zu einer Streckenänderung. Die großen Proteste fanden in Dannenberg bei Gorleben statt. Während Frankreich an Atommüll gewöhnt ist, ist das Thema Atomkraft in Deutschland heiß umkämpft - nicht zuletzt aufgrund der umstrittenen Entscheidung der deutschen Regierung, die Laufzeiten von 17 AKWs um durchschnittlich zwölf Jahre zu verlängern.

Demonstranten werden von Gleisen weg getragen

Reuters/Kai Pfaffenbach

AKW-Gegner blockieren Gleise an der deutsch-französischen Grenze.

Traktoren gegen Castor

Laut Veranstalter waren etwa bei der Großkundgebung im niedersächsischen Wendland rund 50.000 Teilnehmer, begleitet von Politikern der Linken und der Grünen. Die Polizei sprach von 20.000 Teilnehmern. Das wäre damit aber immer noch die größte Demonstration gegen einen Castor-Transport. Der bisherige Rekord lag bei 14.500 Demonstranten im Jahr 2008. In über 400 Bussen reisten die Demonstranten aus ganz Deutschland an. Bauern zeigten mit rund 600 Traktoren ihren Widerwillen gegen den Atommüll. Der Andrang war jedenfalls enorm. Der Verkehr brach zusammen, viele Atomkraftgegner steckten auch im Stau.

In der Region werden noch das ganze Wochenende hindurch Proteste erwartet, denn der Zug soll erst am Sonntag in Dannenberg ankommen. Nach einer Umladung auf Tieflader sollen die Atommüllbehälter erst am Montag das Lager in Gorleben erreichen. Während des Transports sind insgesamt 16.000 Polizisten im Einsatz.

Atomkraftgegner protestieren

Reuters/Fabrizio Bensch

Zehntausende demonstrieren in Dannenberg gegen die Atommülltransporte.

Schlagstockeinsatz gegen Demonstranten

Am Rande der Demonstration in Dannenberg versuchten rund 150 Demonstranten, die mögliche Transportstrecke zu unterhöhlen. Die Polizei setzte Schlagstöcke und Pfefferspray ein, um die Aktion zu unterbinden. Zudem warfen die Demonstranten, darunter auch Autonome, laut Polizei Steine auf die Beamten.

Bei einem früheren Transport hatten Castor-Gegner eine der beiden Straßen, die ins Zwischenlager Gorleben führen, mit einem Tunnel untergraben und damit für die Schwertransporter unpassierbar gemacht. Seitdem schreitet die Polizei gegen solche Aktionen konsequent ein.

Polizist beging Selbstmord

In Dannenberg nahm sich unterdessen ein deutscher Bundespolizist mit seiner Dienstwaffe das Leben. Polizeisprecher Christian Poppendieck sagte, es gebe keinen Bezug zu dem aktuellen Castor-Einsatz. Der Selbstmord habe in einer Polizeiunterkunft stattgefunden, und der Beamte habe einen Abschiedsbrief hinterlassen, der den Angehörigen übergeben werde.

Die deutsche Bundespolizei sei „traurig und betroffen“. Spekulationen über einen privaten Hintergrund wollte der Sprecher nicht bestätigen. Der deutsche Innenminister Thomas de Maiziere bedauerte den Selbstmord des Beamten: „Ich bin bestürzt über den Freitod eines Bundespolizisten. Den Angehörigen spreche ich mein tiefes Mitgefühl aus.“

„Keine friedliche Demonstration“

Streit löste der Castor-Transport und die ungeklärte Frage der Atomendlagerung auch auf politischer Ebene aus. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel (CDU) kritisierte Auswüchse bei den Atomprotesten - insbesondere die Aktion der Gruppe „Castor Schottern“. Diese hatte angekündigt, massenhaft Steine aus dem Gleisbett zu entfernen, um den Castor-Zug aufzuhalten. „Was so harmlos daherkommt, Entschottern, das ist keine friedliche Demonstration, sondern ein Straftatbestand“, warnte Merkel und rief zur Besonnenheit auf.

SPD-Chef Sigmar Gabriel forderte Merkel auf, nach Gorleben zu kommen und sich den Demonstranten zu stellen. Auch der deutsche Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) verteidigte die Castor-Transporte als alternativlos. Wenn man Kernenergie nutze, müsse der Müll entsorgt werden. Es gebe keine vernünftige Alternative zu Zwischenlagern. Die EU-Staaten müssen sich allerdings über die Lagerung von Atommüll Gedanken machen. Bis 2015 will die EU Pläne ihrer Mitglieder über die Entsorgung von Atommüll.

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