Kaum noch Einheimische in der Altstadt
Die Prager Bevölkerung ist unzufrieden mit ihrer Stadt. Neben den Touristenmassen stören die großen Bauprojekte und Investitionen mit den dazugehörigen Skandalen sowie die sich verschlechternde Lebensqualität die Bewohner der „Goldenen Stadt“ immer mehr - eine Unzufriedenheit, die zu einem Erdrutsch bei den Kommunalwahlen am Freitag und Samstag führen könnte.
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Viele Einwohner haben bereits das Gefühl eines Molochs, wie die „Süddeutsche Zeitung“ schrieb. Laut der Zeitung erklärten in einer Umfrage bereits mehr als ein Drittel der Befragten, dass sie der Stadt den Rücken kehren wollen - viele bereits in den nächsten Jahren.
Die Gründe seien vielfältig, vom Vermissen von frischer Luft bis zum Kauf eines Hauses - in Prag aufgrund der massiv gestiegenen Immobilienpreise nur mehr für Reiche erschwinglich. Die Bewohner haben seit geraumer Zeit das Gefühl, von den Touristenmassen und den daran geknüpften Veränderungen an den Rand gedrängt zu werden.
„Touristen, die Touristen anstarren“
Rund vier Millionen Touristen im Jahr besuchen Prag laut „SZ“ und bewegen sich vor allem im historischen Zentrum der Stadt. „Die Einheimischen haben die Altstadt geräumt“, so die Schriftstellerin und Publizistin Alena Wagnerova in der „Neuen Zürcher Zeitung“ („NZZ“). Von den früher rund 100.000 Einwohnern der Altstadt sei nun gerade einmal ein Fünftel geblieben, hieß es weiter in dem Artikel.

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Das Treiben in der Innenstadt von oben betrachtet.
In der Altstadt gebe es kein Alltagsleben mehr - alles sei dem Fremdenverkehr untergeordnet worden. Das Alltagsleben „nahmen die Einheimischen mit und mit ihm die Atmosphäre, die nur ein gelebter Alltag schaffen kann.“ Übrig geblieben sei nur eine Kulisse. Die Stadt erzähle nichts mehr, sie bleibe stumm, die Touristen seien unter sich, so die vernichtende Kritik. Doch auch den Touristen werden die Touristenmassen offenbar teils zu viel. „Letztlich wollen auch sie nicht ständig ihresgleichen anstarren“, so der Artikel weiter.
Der „Fluch“ der Billigflieger
Die zunehmende Unzufriedenheit der Touristen sieht man auch in den seit Jahren stetig abnehmenden Nächtigungszahlen. Die zeigen auch, dass sich offenbar das Wesen des Tourismus in Prag teils geändert hat. Die Verweildauer wird kürzer. Mit Billigfliegern ins Goldene Prag gebracht, werden etwa für Briten Junggesellenpartys organisiert. Und diese geben nicht nur auch aufgrund der kürzeren Aufenthaltsdauer weniger Geld aus. Laut Experten führten die „Billigtouristen“ bei Kulturtouristen zu einem Imageverlust von Prag.
Bauboom: Das Rennen ums schnelle Geld
Des Weiteren wächst die Unzufriedenheit über den Bauboom und die dazugehörigen kapitalstarken Investoren. Innen fehle es an Bezug zu dem Ort, so die „SZ“ weiter. Und so sieht das Ergebnis auch oft aus. Was zählt, ist die schnelle Rendite, nicht die positive Auswirkung auf die Stadt. Die Bewohner Prags werden auch in diese Projekte nicht einbezogen. Um überhaupt angehört zu werden, formieren sie sich nun in Bürgerinitiativen.
Die historische Umgebung mache die Lage attraktiv und lukrativ, so der „SZ“-Artikel. Das Repertoire, das geboten werde, sei allerdings einfach: Hotels, Supermärkte und Bürohäuser. Außerdem Wohnungen im Luxussegment, die für die Bevölkerung im Durchschnitt nicht leistbar seien. Historisch bleibe bei den Umbauten oft nur mehr die Fassade. Es sei eine „rücksichtslose Sanierungsorgie“, so Wagnerova. Auch größere und kleinere Bauskandale gingen damit einher.
Auch die größer werdende Luftverschmutzung wird vermehrt zum Problem. Schuld daran sind einerseits der zunehmende Verkehr und andererseits Industrieabgase, unter denen die tschechische Hauptstadt leidet.
Kein Vertrauen mehr in herrschende Klasse
Die Bevölkerung hat offenbar das Vertrauen in das Rathaus und seine Magistrate verloren. Das Prager Rathaus wird seit Jahren von der konservativen Demokratischen Bürgerpartei (ODS) des Premiers Petr Necas beherrscht und ist mit mehreren Korruptionsaffären konfrontiert. Von den Kommunalwahlen in Prag am 15. und 16. Oktober wird laut Umfragen erwartet, dass die ODS ihre bisher dominante Position verliert, die sie in der Hauptstadt seit Anfang der 1990er Jahre innehat.
Als Favorit für das Amt des Prager Oberbürgermeisters gilt der ehemalige Chef der Tschechischen Nationalbank, Zdenek Tuma. Er ist Kandidat der liberal-konservativen Partei TOP09 des tschechischen Außenministers Karel Schwarzenberg.
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