Orban will neue Siedlung bauen
Der giftige Schlamm einer ungarischen Aluminiumfabrik könnte Teile des Unglücksgebietes auf Dauer unbewohnbar machen. Deswegen sei im besonders stark betroffenen Dorf Kolontar teilweise sinnlos, überhaupt die Verschmutzungen zu entfernen, sagte Ministerpräsident Viktor Orban am Donnerstag bei einem Besuch im Unglücksgebiet.
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Orban sprach von einer noch nie dagewesenen ökologischen Katastrophe in Ungarn. „Es ist schwierig, die richtigen Worte zu finden. Wäre das bei Nacht passiert, wären nun alle tot“, sagte er in Kolontar, dem der Fabrik nächstgelegenen Dorf. „Hier kann man nicht mehr leben“, sagte er.
„Wahrscheinlich wird man hier im Dorf eine neue Siedlung bauen müssen“, so Orban. "Das hier wird man voraussichtlich als Memento für die Ewigkeit einzäunen müssen - Video dazu in iptv.ORF.at.
„Alle wollen nur noch weg“
Laut Andreas Beckmann vom Donau-Karpaten-Büro des WWF habe es in Kolontar eine Bürgerversammlung gegeben, bei der mehr als 90 Prozent der Bevölkerung für eine Absiedlung plädierte. In der Zwischenzeit soll ein weiteres Becken der Aluminiumfabrik MAL AG mit giftigem Inhalt instabil geworden sein.
„Reservoir 9, das neben dem geborstenen Reservoir 10 liegt und ähnlich giftige Stoffe enthält, ist ebenfalls geschwächt. Die Behörden versuchen nun, auch den Inhalt dieses Beckens zu neutralisieren und kontrolliert zu entleeren“, so Beckmann. In den Dörfern rund um das Aluminiumwerk herrsche jedenfalls Endzeitstimmung. Beckmann: „Von Normalisierung kann keine Rede sein. Die Einwohner von Kolontar wollen nur noch weg.“
Unglücksursache menschliches Versagen?
Orban bekräftigte seine Einschätzung, hinter dem Unglück stehe menschliches Versagen. Der WWF gab dem Betreiber des Werks die Schuld an der Katastrophe. Auch die Europäische Union stehe in der Pflicht, da die Sicherheitsstandards für die Abfallentsorgung in der Bergbau-Industrie viel zu niedrig seien.

APA/EPA/MTI/Balazs Mohai
Orban macht sich ein Bild von der Lage.
Nach Ansicht des WWF wäre der Unfall möglicherweise vermeidbar gewesen, wenn sich die ungarischen Behörden, der Betreiber der Chemieanlage und die EU an die Empfehlungen eines zehn Jahre alten Berichts über einen Unfall in Rumänien gehalten hätten. „Die damals beanstandeten Management- und Konstruktionsfehler hätten zu einem Umdenken führen müssen. Als Konsequenz hätten alle Absetzbecken in ähnlichen Industrieanlagen überprüft und verbessert werden müssen“, teilte der WWF Deutschland mit.
Im Jänner 2000 war cyanidhaltige Lauge nach einem Dammbruch in einer Goldrecycling-Anlage im rumänischen BaiaMare freigesetzt worden. Die Folge war ein Fischsterben in den Flüssen Szamos und Theiß, bevor die Giftwelle Ungarn erreichte.
Ungarn bittet um EU-Hilfe
Ungarn bat Donnerstagabend die EU-Partner um Hilfe. Wie ein Kommissionssprecher in Brüssel mitteilte, seien an Ort und Stelle sofort bis zu fünf Experten mit Erfahrung bei solchen Unfällen nötig. Budapest habe dazu den EU-Zivilschutz-Mechanismus ausgelöst. Die Kommission bat die Teilnehmerländer, Ungarn zu unterstützen. Umweltkatastrophen dieser Art machten nicht an Grenzen halt. An dem Zivilschutz-Mechanismus sind neben den 27 EU-Staaten auch Kroatien, Island, Liechtenstein und Norwegen beteiligt.
Die ungarische Regierung hatte den Schritt zuvor angekündigt: „Für derartige Fälle hat die EU Fonds, und wir haben einen Anspruch darauf“, erklärte der ungarische Ministerpräsident.
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