Ein Klassiker als Herkulesaufgabe
Das neue Buch von Thomas Pynchon kann als Dankeschön an seine Fans verstanden werden. Denn „Natürliche Mängel“ ist die Entspannung, die sie nach seinem letzten Buch, dem irrlichternden Monumentalwerk „Gegen den Tag“, brauchen.
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Nach fast zehn Jahren Pause hatte Thomas Pynchon den 1.600-Seiten-Wälzer veröffentlicht. „Gegen den Tag“ kann ohne jede Übertreibung als historisches Epos bezeichnet werden. Mit seinen bis zu diesem Zeitpunkt erschienenen sieben Büchern, darunter das hoch gelobte „Mason & Dixon“ von 1997, machte sich der New Yorker einen Namen als der literarische Vertreter der Postmoderne schlechthin. Diesem Ruf wurde er mit „Gegen den Tag“ gerecht - vielleicht mehr denn je.
Irrwitzige Volten und Pointen
Von Kritikern in den USA wurde der Roman als sein verständlichster und witzigster beschrieben, allerdings mit Abstrichen. Denn es gibt zwar irrlichternde Volten, Pointen und nachvollziehbare Handlungsstränge - die verlieren sich aber auf den 1.596 Seiten der deutschen Ausgabe wegen ihrer Unübersichtlichkeit in einer Collage. Nur wenige Leser dürften der Komplexität des Textes gewachsen sein.
Dribbling durch Zeit und Raum
Pynchon dribbelt sich durch die Handlung rund um historische Ereignisse von der Weltausstellung 1893 bis kurz nach dem Ersten Weltkrieg und bewegt seine Figuren über den Globus, von den USA über Europa, Zentralasien und Indien bis zu den Polkappen und sogar tief ins Innere der Erde.
Stilistisch passt sich Pynchon den Schauplätzen der Ereignisse an, etwa beim vielleicht zentralen Handlungsstrang, den Reisen eines Luftschiffes. Dessen eingeschworene Crew setzt sich aus Wissenschaftlern und Abenteurern zusammen, die im Namen von ominösen Hintermännern seltsame Aufträge ausführen. Innerhalb des Buches stellt sich die Erzählung der Zeppelinmannschaft als Fortsetzungsgroschenroman dar. Querverweise auf frühere „Hefte“ - die der Leser ja nicht kennen kann - deuten darauf hin, etwa: „Siehe hierzu auch: ‚Die Freunde der Fährnis in Mexiko‘.“
Auf den Spuren Jules Vernes
Sprachlich und thematisch könnte sich Pynchon dabei an Jules Verne orientiert haben - dem er in nichts nachsteht, etwa wenn das Luftschiff ins Innere der Erde reist, wo seltsame, menschenähnliche Wesen leben. Aber anders als Verne versteht er es trefflich, sich in tatsächliche historische Begebenheiten zu vertiefen, in Gesellschaftspolitik und Wirtschaft - beispielsweise die Ränke rund um die Erschließung Zentralasiens durch europäische Eisenbahngesellschaften.
Das perverse Treiben in den Boomtowns
Ein weiterer Handlungsstrang führt das Romanpersonal in die Zeit der großen Gewerkschaftsaufstände und anarchistischen Umtriebe in den USA. Einsam reiten Bombenattentäter durch die Prärie, um Gleise in die Luft zu sprengen, verfolgt von Kopfgeldjägern. Die Luft flimmert in der Hitze über dem staubigen Boden, wie in jedem guten Westernroman. Die tristen Lebensumstände der Bergarbeiter werden dabei ebenso miterzählt wie das perverse Lotterleben in den halbseidenen Boomtowns der Goldgräber.
Auch an den anderen Schauplätzen boxt sich Pynchon mit teilweise grotesk überzeichneten Milieubeschreibungen Pointe für Pointe in die Magengrube der Leser, etwa wenn er sich unter schrägen Wissenschaftlern bewegt, die sich dem Phänomen der Elektrizität mit einem Hang zur Exzentrik, wenn nicht Esoterik widmen. Ein Monsterprojekt ist das Buch auch vom Rechercheumfang des Autors her. So gewagt kann sich von den Tatsachen nur jemand entfernen, der sie bis ins letzte Detail kennt.
Gebrauchsanweisung
Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten, den 1.600-Seiten-Schinken zu lesen. Entweder man lässt sich berieseln von der Situationskomik, den aberwitzigen Dialogen, dem Wechsel der Stile, der Kuriosität, mit der Pynchon seine Geschichten angeht, und pfeift darauf, einer stringenten Handlung durchgängig folgen zu wollen. Oder man druckt sich von der englischsprachigen Wikipedia die Namensliste der Protagonisten aus, macht sich zu ihnen kurze Notizen samt Querverweisen und versucht so, den Überblick zu bewahren. Am besten liest man das Buch dann gleich zweimal: zuerst durchkämpfen, dann genießen.
Nur der Leser scheitert
Ein Problem, dranzubleiben, hat man in beiden Fällen. Denn wer liest - im ersten Fall - eine da und dort lose zusammenhängende Sammlung von Kurzgeschichten in solch monumentalem Umfang bis zur letzten Seite? Und die zweite Methode strengt an und raubt Zeit. Was nicht heißt, dass es sich nicht auszahlen würde. Jede Zeile glänzt hier, ob elegant oder räudig, auch in der deutschen Übersetzung von Nikolaus Stingl und Dirk van Gunsteren. Pynchon ist in Höchstform, aber der Leser zum Scheitern verurteilt.
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