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Panische Suche nach möglicher Ordnung

Thomas Pynchon kann man jederzeit beim Einkaufen treffen: Er studiert vielleicht gerade in einem New Yorker Restaurant die Speisekarte oder probiert neue Schuhe in Soho an. Erkennen wird man ihn dabei nicht. So gut wie niemand weiß, wie einer der bedeutendsten Schriftsteller der Gegenwart aussieht: Er hat sich seit 1953 nicht fotografieren lassen und lehnt alle Kontakte mit Journalisten ab.

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„Ich glaube, dass ‚Einsiedler‘ nur ein Codewort ist, das von Journalisten erfunden wurde. Es bedeutet lediglich, dass einer nicht mit den Reportern sprechen will“, sagte Pynchon 1997 in einem Fernsehbericht von CNN. Der Nachrichtensender hatte den Autor zufällig auf offener Straße in New York gefilmt. Pynchon handelte aus, dass CNN die Bilder nicht zeigte, und beantwortete im Gegenzug einige Interviewfragen.

Absurde Gerüchte

Pynchons Abschottung von der Öffentlichkeit führte zu zahlreichen Gerüchten über seine Person: Die einen hielten ihn und J. D. Salinger für dieselbe Person, andere identifizierten ihn in den 90ern als „Unabomber“ Ted Kaczynski, manche sprechen von einem Autorenkollektiv, das die Literaturwelt an der Nase herumführen wolle. Pynchon reagiert mit Ironie auf diese an den Haaren herbeigezogenen Spekulationen. Zum Beispiel trat er als Zeichentrickfigur - mit Papiersackerl als Verhüllung über dem Kopf - in zwei Folgen der „Simpsons“ auf.

Technischer Autor bei Boeing

Geboren wurde Pynchon 1937 in Glen Cove im US-Bundesstaat New York. Er studierte Physik und englische Literatur an der renommierten Cornell-Universität. Anfang der 60er Jahre arbeitete er als technischer Autor beim Flugzeugbauer Boeing. Mysteriöserweise sind über diese beiden Phasen seines Lebens und von seiner Militärzeit (1955 bis 1957) alle Unterlagen aus den Archiven verschwunden.

Von den Kritikern gefeiert wurde bereits sein Debütroman „V.“ von 1963. Darin erzählt er die Geschichte einer geheimnisvollen Frau V., die jeweils in historisch entscheidenden Momenten auftaucht. Schon hier zeigen sich die Grundthemen, die sich auch durch seine späteren Werke ziehen: die Angst vor der undurchschaubaren, modernen Wirklichkeit und die panische Suche nach einer möglichen Ordnung für den Einzelnen im Wirrwarr der Geschichte. Für „V.“ wurde Pynchon mit dem William-Faulkner-Preis ausgezeichnet. Zur Preisverleihung erschien der exzentrische Autor jedoch schon nicht mehr.

Realität nicht fassbar

Nach „Die Versteigerung von No. 49“ (1966) sorgte 1973 der Roman „Die Enden der Parabel“ für Aufsehen - ein Monumentalwerk mit 1.000 Seiten. Komplizierte Handlungsstränge, 400 Personen und Protagonisten, die es für den Leser mühsam machen, sie zu verfolgen, wirbeln in einem großen Thema zusammen: Rein rational ist diese Realität nicht mehr zu erfassen.

17 Jahre ließ sich Pynchon Zeit für sein nächstes Werk „Vineland“ (1990), eine Abrechnung mit den 60ern, Raketentechnik, Psychoanalyse und zügellosem Sex. In „Mason & Dixon“ (1997) schrieb er über die beiden berühmten britischen Landvermesser im 18. Jahrhundert.

Bis ins Innere der Erde

2006 erschien „Gegen den Tag“. In der deutschen Übersetzung umfasst der Roman fast 1.600 Seiten. Pynchon deckt mit seiner Handlung historische Ereignisse ab, von der Weltausstellung 1893 bis kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Seine Protagonisten bewegen sich über den gesamten Globus, von den USA über Europa, Zentralasien und Indien bis zu den Polkappen und sogar tief ins Innere der Erde.

2009 erschien in den USA „Ineherent Vice“, der nun als „Natürliche Mängel“ auch auf Deutsch erschienen ist. Hier lässt sich Pynchon vom Humor leiten. Ein bekiffter Privatdetektiv muss einen Fall lösen, der nicht nur extrem schräg ist, sondern ihm auch eine Kragenweite zu groß. Es wäre nicht Pynchon, könnte man den Krimi nicht auf zwei Arten lesen: Einmal als seichte Komödie - und einmal als Abrechnung mit allen, was den USA heilig ist.

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