Überdehnter Spannungsbogen
Es gab Zeiten und Umfelder, da war die Wahl des richtigen Taschenbuchs mindestens so bedeutsam wie gegenwärtig der Ausweis einer möglichst großen Facebook-Freundesschar. Und auch wenn man damals vielleicht nicht viel mehr gelesen hat als heute, drückte man sein „I like“ doch um viele Nuancen subtiler aus als in der allvernetzten Gegenwart. Für diese gute alte Zeit gab es den Suhrkamp-Ausweis.
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Dieser Verlag stand für ein Versprechen. In ihm konnten sogar Theodor W. Adorno und Niklas Luhmann zu einer Art friedlichen Koexistenz im Bücherregal finden. Sie waren vereint im undefinierbaren dunkellila-anthrazit des stw-Taschenbuchs und dessen Covergestaltung durch das „Kampfkommando Willy Fleckhaus“ (Copyright: Tex Rubinowitz). Doch mit dem heraufkommenden digitalen Zeitalter wurde die buchlastige Distinktionskultur schwach, und auch bei Suhrkamp stand es, wie man hörte, nicht mehr zum Besten: Der Verleger wurde alt - und dauernd rumorte es rund um seine zweite, doch um vieles jüngere, zugleich höchst attraktive Frau, die ihren schnöden deutschen Allerweltsnamen durch den geheimnisvoll polnisch-jüdisch klingenden Namen ihrer Großmutter ersetzt hatte.
Abschied in Unfrieden
Mit dieser geheimnisvollen Frau rechnet nun ein von Suhrkamp in Unfrieden geschiedener Autor ab. Da es sich um Norbert Gstrein, also einen in Zeiten zunehmender Prosaflatulenz doch ernstzunehmenden Vertreter seines Metiers handelt, hörte man genauer hin, als er vor einigen Monaten im Literarischen Colloquium zu Berlin (auch so einer heiligen Institution) ankündigte, er werde, in Romanform, in diesem Sommer ordentlich mit der neuen mächtigen Frau im Hause Suhrkamp abrechnen. Denn seit dem Tod von Siegfried Unseld steht der Name Ulla Berkewicz bei Suhrkamp nicht nur für eine Reihe mittelinteressanter Bücher. Sie ist es, die in der Zentrale des Verlags das Sagen hat und nun bestimmt, wohin die Reise geht (etwa von der alten Verlagszentrale Frankfurt zum neuen Firmensitz Berlin). So manch alter Suhrkampianer verweigerte sich diesem Reiseprogramm und machte sich mit einem alternativen Verlagsprojekt selbstständig.
Dem Suhrkamp-Abtrünnigen Gstrein gelang im Vorfeld seiner Suhrkamp-Vergangenheitsbewältigung das Schüren ungeahnter Spannung: „Der Spiegel“ und andere Publikationen sahen nach den Ankündigungen im Literarischen Colloquium schon Rechtsstreitereien und damit Stoff für neue Storys aufziehen, wenn ein Autor da das Nähkästchen so weit aufreißen würde. Und siehe da, Anfang August war es so weit. Gstreins neuer Verlag, Hanser, versandte die Bücher last minute, damit kein Rezensent vorab Details des Romans herausposaunen konnte. Und endlich hielt man das lange erwartete Buch in den Händen, versprach doch auch der Titel nichts weniger als „Die ganze Wahrheit“.

APA/DPA/Gordon Schmidt
Norbert Gstrein lässt einen Lektor mit einer Verlagswitwe abrechnen.
Der Lektor und die Frau aus Kärnten
Nach den ersten Seiten wird sehr rasch klar: Diese Lektüre hat etwas Lusttötendes. Hier rechnet ein Verlagslektor ab, der nicht nur Herr über Punkt und Beistrich bleiben will, sondern der auch in den intimsten Momenten noch zum nüchternen Blick in der Gemütslage eines Urologen fähig ist. Gstreins Erzähler arbeitet in einem Wiener Verlag und bekommt Dagmar, die zweite Frau des Verlegers Heinrich Glück, auch zur privaten Betreuung quasi aufs Aug gedrückt. Mit ihr zieht er durchs nächtliche Wien, führt sie in schmuddelige Wirtshäuser am Gürtel und richtet sie nächtens schon auch einmal vom Randstein auf, wo ihm dann weniger ihr Parfüm, sondern der Geruch leichter Inkontinenz in die Nase steigt.
Seltsame Machismen
Dass mit Dagmar eine auf dauernde Ausweitung der Macht setzende Frau aus Kärnten in die Hietzinger Verlegervilla einzieht, dabei auf die Apanage der ersten Frau des Verlegers angewiesen ist, widert den Lektor an. Je länger man freilich seine Anwürfe gegen die neue Herrin im Haus liest, desto mehr gerät das Bild der Erzählerfigur selbst ins Wanken: Hier ist ein seltsamer Macho am Werk, der ohnedies zu Frauen ein gespaltenes Verhältnis zu haben scheint. Seine Kollegin Bella erinnert ihn an eine in den Verlag gescheiterte Stewardess. Und auch der Ruhm des Hauses ist seiner Meinung nach eigentlich nur dazu angetan, „Buchhändlerinnen“ der Innenstadt zu beeindrucken.
Das in dem Roman mühsam aufgestellte literarische Feld Wiens, in dem sich manche Figur von Thomas Bernhard herüberverirrt zu haben scheint, mag einen ja an viel erinnern. Kämpfe im deutschen Feuilleton, wie sie Suhrkamp immer wieder ausgelöst hat, will man damit nicht assoziieren. Der ganze Roman riecht ein wenig nach Vergangenheitsbewältigung im Diminutiv.
Siegfrieds Erbin
Fraglich scheint auch, ob man mit einer Abrechnung mit dem Hause Suhrkamp heute noch große Lesergruppen in den Bann ziehen kann. Für den Verkauf der Startauflage von 10.000 Stück mag die im Vorfeld geschürte Aufregung allemal reichen. Doch die weitaus unterhaltsamere Abrechnung mit dem Mythos Suhrkamp liefert das Internet frei Haus. Harald Martenstein kam schon im Jahr 2003 in seinem Text „Siegfrieds Erbin“ zu jenem Befund, an dem auch Gstreins Text laboriert: „der Witwenfeindlichkeit unserer Gesellschaft“. Martenstein benötigte auch wenige Zeilen für eine Geschichte des Suhrkamp-Verlages: „Siegfried Unseld konnte zum Mittagessen mit Autoren mühelos eine Flasche Wein und hinterher Cognac trinken, das steht in seiner Biografie. Dann wurde Unseld alt, heiratete eine junge Geliebte, verstieß den Sohn, konstruierte eine komplizierte Nachfolgeregelung, die zu beschreiben 100 Seiten kostet, starb, und die junge Witwe setzte sich in den postmortalen Diadochenkämpfen als neue Verlagsherrscherin durch. Im Grunde ist das die Story.“

Hanser Verlag
Das Buch
Norbert Gstrein: Die ganze Wahrheit. Hanser Verlag, 304 Seiten, 20,50 Euro
Fraglich ist auch, ob Gstrein auf sein neues Werk hin, wäre er noch Suhrkamp-Autor, ein Anruf Unselds aus dem Jenseits ereilen würde, den etwa Peter Handke laut Martenstein so erlebt hat: Wenn ein berühmter Autor Unseld ein Manuskript geschickt hatte, rief Unseld an: „Er sagte eine Minute lang nichts. Man hörte durchs Telefon nur den schweren Atem von Unseld. Eine Minute lang. Und dann die Worte: ‚Ein Meisterwerk!‘ Anschließend legte er auf.“
Gerald Heidegger, ORF.at
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