McCastorf: „Hunger“ in der Frittenbude
Wenige Regisseure haben so viel Wissen und Freude an der Theorie wie Castorf, und wäre das Theaterfach eines, in dem die philosophische Brillanz in Programmheften und Vorabinterviews zählte, Castorf würde wohl immer auf dem Podium stehen. Sein Theater hat, auch nach dem unsanft unschönen Abschied von der Berliner Volksbühne, etwas von Wiederholungszwang. Das sei nun mal seine Poetik, werden die Befürworter sagen - und die Gegner wussten ohnedies, was sie vom Revue-Marxisten Castorf zu halten haben.
Castorf schert solche Einsortiererei wenig. Er möchte dort, wo er mit seinen Getreuen inszeniert, möglichst viel von seiner jüngeren Leidenschaft durchbringen: Bekannte und vor allem schwierige Romane der Moderne durch seine Theater- und Revueverwertungsmaschine durchjagen, die Erzählperspektive auf möglichst viele Charaktere aufspannen und für die Kolportage eine theatrale Antwort entwickeln. Diesem Vorhaben ist das Moment der Ermüdung zu eigen, weil die Castorf-Maschine mindestens vier Stunden Durchlauf braucht, um eine brillante Stunde auszuhusten. So war das auch am Samstagabend zu Hallein in der Hitzeglut der Perner-Insel.
Ideales Material für Castorf
Hamsuns großer Erstling und Durchbruchsroman „Hunger“ aus dem Jahr 1890 ist ja in sich schon fast ein Castorf-Stück: fiebrig geschrieben, getrieben von einem Ich-Erzähler, der monomanisch seine Sicht der Welt verbreitet und Begegnungen und Dialoge in seine Außenseiterperspektive presst. Im konkreten Fall ist der Blick auf die Welt von Hunger, Existenzkampf und einem ständigen Pendeln zwischen Hoffnung und Larmoyanz geprägt: in der Früh die Erwartung auf ein Fortsetzungsstück für eine Zeitung und damit ein paar Kronen an Einkünften, am Abend kein Dach mehr über dem Kopf.

Matthias Horn
Halluzination und Überlebenskampf: Marc Hosemann in einem fast David-Lynch-artigen Dekor
Es ist ein junger Intellektueller, der hier hungert, giert, halluziniert und um seinen Platz in der Gesellschaft ringt, in deren Mitte er aber ohnedies nicht ankommen kann und will. Sein Hunger macht ihn zum Außenseiter; so erkennt er zwar vieles schärfer, kommentiert härter, befindet sich nun aber auch in einem Überlebenskampf, der schlicht davon handelt, sich auf den Beinen zu halten. Die Mitmenschen gerinnen da mitunter zur Staffage, zu nicht greifbaren Sehnsuchtsfiguren oder sind einfach Konkurrenten im Kampf um das tägliche Brot.
Jenseits von Gut und Böse
Im Buch kämpft der Naturalismus mit dem Nietzscheanismus - und so ist die Welt bei Hamsun und Castorf eine jenseits von Gut und Böse. Und dennoch lässt sich Castorf wie in kaum einem anderen Stück der letzten Jahre sehr auf die Stimmung des Texts ein, den er noch mehr verdichtet als die Romanvorlage selbst. Doch man muss Geduld haben.
Die Rolle des Erzählers aus dem Roman springt förmlich auf mehrere Figuren auf; am Anfang ist Josef Ostendorf in der Rolle des hungernden und Gott anklagenden Schreibers. Verfremdung muss hier das Motto sein, denn die Hungergestalt ist mit Ostendorf nicht zu haben, auch nicht das schnelle, atemlose Schauspiel.

Matthias Horn
Josef Ostendorf (r.), vorne Kathrin Angerer: ratlos in der Burger-Bude, in der man sich immer wieder versammeln wird. Die Details verweisen auf Hamsuns spätere Nazi-Verstrickungen.
Ein pathetisch geblähtes Ich, ganz anders als im Roman, tritt uns zuerst entgegen, doch das Setting auf der Drehbühne kann sich rasch zwischen Bretterhaus, Hinterhof, Reklamewand und McDonald’s-Grill ändern. Und weil doch Castorf seit dem Einsatz der Livevideotechnologie so gern videoübertragenes Theater in Innenräumen in Gang setzt und via LED-Screens „projiziert“, ist auch die überhitzte Perner-Insel ein multimediales Revuekarussell.
Von oben lugt später der ausgezehrte hungernde Schreiber aus dem Dachfenster runter. Marc Hosemann ist jetzt in die Rolle des Erzählers geschlüpft, während sich unten im McDonald’s-Dekor Kathrin Angerer und Sophie Rois um die Essbarkeit einer Wurst auf Betriebstemperatur reden.

Matthias Horn
Hosemann in der Rolle des halluzinierenden Erzählers, rechts in der Behausung des Außenseiters: Lilith Stangenberg
Hosemann schafft es, in einer Stunde der atemlosen, halluzinatorischen Weltsicht aus dem Roman eine einprägsame Gestalt zu verleihen. Da ist die Begegnung mit dem Blinden, kongenial hilflos verkörpert von Lars Rudolph, den der Erzähler für einen Konkurrenten hält und dem er das in die Zeitung eingepackte Essen neidet - aber nicht wegen des Essens, sondern wegen des Texts des Journals.
Und da sind schließlich die nicht ergründbaren Handlungen und Sehnsüchte des Ichs, die Konstruktion der unerreichbaren Frau Yalali, deren Name er wie eine Fuge durch die Nacht trägt. Und schließlich, der Funke Hoffnung, die Erlösung, als die Zeitung einen Text druckt und die Aussicht auf zehn Kronen die Welt in einen Glücksrausch zu drehen scheinen.
Hinweis:
„Hunger“ ist auf der Perner-Insel in Hallein noch am 6., 10., 11., 13., 15., 17. und 20. August zu sehen.
Zu viel an Wollen
Doch wie immer denkt Castorf bei allem, was er tut, auch zeitlich weiter (und leider zu viel). Er baut Hamsuns nächsten Roman „Mysterien“ als Szenenfolge mit ein, in guter und für ihn stimmiger Absicht, weil dort dieselbe zynische Perspektive auf die Welt verhandelt würde wie in „Hunger“, nur aus der Perspektive eines gesättigten Erzählens. Und durch alles hindurch fügt Castorf alle späteren zeitlichen Perspektiven ein, denkt an Hamsun, den Nazi, denkt an Adolf Hitler, denkt an Martin Heidegger.
Eigentlich, so möchte man konstatieren, hätte es gereicht, bei Hamsuns 1890er Perspektive zu bleiben. Eine Verklärung des problematischen Autors würde man Castorf ohnedies nicht unterschieben können. Die Leistung des Romans hat ja der Schriftsteller Daniel Kehlmann anlässlich der Neuübersetzung von „Hunger“ treffend auf den Punkt gebracht: „Motive sind verzichtbar. Es ist nicht nötig, zu verstehen, warum Personen sich so verhalten, wie sie es tun; ihre Undurchsichtigkeit macht sie auf seltsame Weise nicht weniger realistisch, sondern glaubhafter.“ Eine Stunde gelingt an diesem Abend die Umsetzung dieses Befunds im Bühnensetting von Aleksandar Denic. Gespenstisch und an David Lynch erinnernd wirkt der Existenzkampf.
Danach steht vieles in einem grelleren Licht und führt zur Übersättigung an Nichtentwirrbarem. Aber so muss es wohl sein bei Castorf. Von Heiner Müller wäre zu lernen gewesen: Die Verschachtelung der Geschichtsebenen funktioniert im Modus der Lakonik, nicht in dem der Übertreibung.
Gerald Heidegger, ORF.at
Links:
- Salzburger Festspiele
- Frank Castorf über das Theater und Frauen („Süddeutsche Zeitung“)
