Bernhard und Handke: Eine Abrechnung
Wenn heuer Bernhards „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ bei den Salzburger Festspielen ein Comeback auf der Bühne des Landestheaters feiert, dann kann ein Gedanke nicht ausbleiben: die Erinnerung an den sogenannten „Notlichtskandal“ im Jahr 1972. Diesen Umstand macht sich das Salzburger Literaturarchiv zunutze, um nach den Stationen der beiden wichtigsten österreichischen Schriftsteller nach 1945 bei den Festspielen zu fragen. Und zu sehen, wie sehr die Festspiele für beide nicht nur Schauplatz für die Durchsetzung ästhetischer Positionen waren.

ORF.at
Unheimliche Plakatcollage an der Rundsäule: Handke und Bernhard als gemeinsame Person. Eine Unmöglichkeit, wie die Schau im Literaturarchiv Salzburg zeigt.
Festspiele als Gradmesser
Die Festspiele wurden zum Gradmesser für die Öffentlichkeitsarbeit des Theaterduos Bernhard und Claus Peymann - und im Fall Handkes so etwas wie der Seismograf für die Frage, ob man der zeithistorisch aufgeladenen Innenweltpoetik des Autors aus Kärnten folgen könne. Während bei Bernhard, wie die von den Bernhard-Forschern Manfred Mittermayer und Martin Huber kuratierte und von Peter Karlhuber gestaltete Schau zeigt, das Spektakel der Erregung von Aufmerksamkeit von Anfang an aufging, fehlten bei Handke in Salzburg zunächst die großen Emotionen. Eher nährte sein Einstand auf dem Festspiel-Boden das später wiederkehrende Bild eines von der breiten Öffentlichkeit Unverstandenen.
Dichter in Salzburg
Salzburg und seine Dichter - schon immer war diese Beziehung eng und hat so manchen Klassiker hervorgebracht. Viele Schriftssteller haben in Salzburg ihre Zeit verbracht - wie Thomas Bernhard und Peter Handke.
Bernhards theatraler Jungfernflug bei den Salzburger Festspielen hatte alles, was sein Werk am Ende ausmachte: Es schrie förmlich nach einer intensiven Miteinbeziehung des Publikums und enthielt Forderungen, Entgegnungen, Drohungen und die Inszenierung von Kommunikationsabbrüchen.
„Unbestechlichkeit nervenanspannender Kunst“
Kulturverantwortliche standen im Umgang mit Bernhard vor der Option, sich entweder auf „die Seite des höchsten Anspruchs des Ernstes und der Kunst“ zu stellen oder auf jene „der lokalen Dummheit, Gemeinheit und Niederträchtigkeit“. Unnütz zu sagen, dass es eigentlich keine Option gab, hatte Bernhard die Rolle der Schuldigen, die gegen sein Werk und die „Unbestechlichkeit einer nervenanspannenden Kunst“ auftreten, von vornherein klar zugewiesen.

ORF.at
Thomas Bernhard. Eine Erregung. Oder: Die Auseinandersetzung mit der Politik als besondere Werkform.
Im Fall der Uraufführung 1972 war es der Kulturlandesrat Josef Kaut, Bernhards ehemaliger Chef bei der Salzburger „Demokratischen Volkszeitung“, der nicht durchsetzen konnte, dass am Ende seines Stücks zwei Minuten absolute Finsternis herrschte, also auch das Notlicht abgeschaltet wurde. Die Uraufführung mit Bruno Ganz, Angela Schmid und Ulrich Wildgruber sollte durch die behördlich unlösbare Notlichtfrage dann auch die einzige Bernhard-Vorstellung dieses Salzburger Sommers bleiben. Und vonseiten Bernhards eine Reihe von Endlostelegrammen nach sich ziehen, in denen er sogar die Verstümmelung seines Titels auf Plakaten zur Kurzform „Der Ignorant“ beklagte. Kaut führte damals gegen Bernhard ins Treffen, dass auch nur Mozarts „Entführung“ angekündigt wurde - „und Mozart hat bisher nie protestiert“.

ORF.at
Den „Notlichtskandal“ und die nachfolgenden Scharmützel im Telegrammstil kann man in der Ausstellung genüsslich nacherleben
Insgesamt fünf Uraufführungen sollte Bernhard bei den Salzburger Festspielen erleben. Bis auf eine Ausnahme („Die Macht der Gewohnheit“ unter Dieter Dorn 1974) wurden sie alle von Peymann inszeniert - und immer waren es die Bühnenbilder von Karl-Ernst Hermann, die nachhaltig Bernhards Erscheinungsbild im Theater prägten. Das belegen die zahlreichen Schaukästen der Ausstellung und auch ein multimediales Guckkastentheater unter einem großen Hirschgeweih.
Handke und die Salzburger Jahre
Handkes Auseinandersetzung mit den Festspielen war ebenfalls nicht frei von enttäuschten Erwartungen, wie der Blick auf seine erste Salzburger Uraufführung, die Inszenierung des dramatischen Gedichts „Über die Dörfer“ in der Felsenreitschule 1982 in der Regie von Wim Wenders, zeigt. Zentraler Motor für die Annäherung Handkes an Salzburg war der damalige Pressechef der Festspiele, Hans Widrich, wie Handke aus Griffen stammend - und wie Handke mit starken Bezügen zur slowenischen Kultur sozialisiert.
Handkes insgesamt langer Salzburg-Aufenthalt in den Jahren 1979 bis 1987 ging ebenfalls auf die Initiative Widrichs zurück. Es war die Zeit, in der Handkes vielleicht wichtigste Texte wie „Langsame Heimkehr“, „Die Lehre der Sainte-Victoire“, „Kindheitsgeschichte“ und „Die Wiederholung“ entstanden.

ORF.at
Handkes ausufernde Schreib- und Zusammentragarbeit für seine Texte. Hier am Beispiel von „Über die Dörfer“ aus der Sammlung Adolf Haslinger, die sich mittlerweile im Bestand des Salzburger Literaturarchivs befindet.
„Über die Dörfer“ erschien 1981 als Abschluss der Georg-Tetralogie zunächst in Buchform bei Suhrkamp und wurde erst ein Jahr nach langen Vorrecherchen in Kärnten von Wenders auf die Bühne der Felsenreitschule gebracht. Die Inszenierung unter einer großen weißen Wolke mit Handkes ehemaliger Ehefrau Libgart Schwarz, Martin Schwab, Wenders-Schauspieler Rüdiger Vogler und Elisabeth Schwarz in den Rollen fand ein geteiltes Echo: Handkes Versuch, ältere Literaturstile und einen sehr langen Monolog ins Spiel zu bringen, trafen auf eine eher unvorbereitete Öffentlichkeit. Die Vielzahl negativer Reaktionen ging auch an Handke nicht spurlos vorüber.
Hinweis:
Die Schau „Dichter bei den Festspielen: Thomas Bernhard und Peter Handke“ ist noch bis 31. August im Salzburger Literaturarchiv zu sehen.
2010 freilich, als Handkes abermals zunächst in Buchform erschienener Text „Immer noch Sturm“ auf der Perner-Insel seine Uraufführung erlebte, war die Aufnahme beim Publikum eine beinahe euphorische. Jens Harzer als eine Art Alter Ego des Autors überzeugte in der Regie von Dimiter Gottscheff bei der poetischen Überblendung von Familien- und Zeitgeschichte. Von einem „Anti-Heldenplatz“ war damals gar in der Presse zu lesen.
Handkes taktile Schreib- und Aneignungsarbeit seines Stoffes ist bei dieser Schau durch den Nachlass seiner Manuskripte an seinen Freund Adolf Haslinger besonders deutlich nachzuvollziehen. Vier Arbeiten Handkes und eine Aischylos-Bearbeiten fanden bisher ihren Weg auf die Bühne der Festspiele.
Ein fast ausgeglichener Wettstreit
Beinahe ausgeglichen steht also das Verhältnis der beiden Autoren in Sachen Salzburg mit je fünf großen Arbeiten da (klammert man einmal Bernhards für Salzburg geplante, aber dort nie realisierte Werke „Ein Fest für Boris“, den Anti-„Jedermann“, und „Die Berühmten“ aus).
Deutlich macht die Ausstellung gerade über die mit einbezogenen Videos mit Autoreninterviews die komplett unterschiedliche Ausrichtungen der beiden Schriftsteller. Bernhard und Handke in einem Atemzug zu nennen fällt umso schwerer, je mehr Materialien zum Werk beider zugänglich sind.
Im Fall Bernhards bleibt am Ende die Frage, ob die Bernhard-Forschung nicht auch an der Entzauberung dieses Autors mitwirkt. Die gezeigten Interviews mögen einen medial gut vermittelbaren Selbstdarsteller vorführen. Bernhards oft bemühte Anleihen in der Geistesgeschichte entpuppen sich am Ende doch mehr als Teil eines Personality-Ornats denn als Ergebnis tiefer Kennerschaft. Aber vielleicht ist Bernhard gerade damit auch der austriazensischen Gegenwart ein Stück näher als der autodidaktische Polyhistor aus Kärnten.
Gerald Heidegger, ORF.at
