Szenenbild aus dem Sturm mit Peter Simonischek

Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus

Seenot in der Staatswerkstatt

Es herrscht Seenot in der Werkstatt des Staates. So lässt sich jedenfalls Deborah Warners Umsetzung von Shakespeares „Der Sturm“ in ihrem reduzierten Theaterlabor auf der Halleiner Pernerinsel lesen. Bei der Premiere am Dienstagabend zeigte ein Starensemble um Prospero Peter Simonischek Schauspiel als große Verführungskraft - und stellte damit die Themen des Werkes noch deutlicher in den Raum: Vertreibung, Aufbau eines Staates und Verzeihen. Ohne große Absicht wurde diese Inszenierung auch zum Traktat über unsere Gegenwart.

„Shakespeares ‚Sturm‘ kann man nicht als Harry-Potter-Film zeigen.“ So wie jüngst im Ö1-Interview stemmt sich die Britin Warner gegen Tendenzen, Theater in Kino im Bühnenraum und Multimedia-Festspiel zu verwandeln. Ihr geht es um das Spiel im Sinn jenes großen Autors, der vor 400 Jahren von der Theater- und Lebensbühne abgetreten war. Nicht von ungefähr druckt man im Programmheft statt Synopsen einen Text des Historikers Stephen Greenblatt ab, der sich für eine Neuausrichtung des vor lauter Klassikinterpretation verstellten Blicks auf Shakespeare einsetzte.

Radiohinweis

Von Lob und Beifall berichtet Gernot Zimmermann in seiner Ö1-Kritikzur Premiere auf der Perner-Insel - mehr dazu in oe1.ORF.at.

Auf der Pernerinsel ist also eine Theater-Factory eingerichtet. Die Bühne von Christof Hetzer und das subtil eingesetzte Licht von Jean Kalman zeigen eine Welt, in der die Trümmer und Teile noch zusammengesetzt werden müssen. Zu Beginn, als das Publikum einzieht, scheint man auf der Bühne unter einer schwebenden Wattewolke noch mit Aufbauarbeiten beschäftigt. Doch da tritt auch schon Prospero Simonischek vor offiziellem Stückbeginn in diese Werkstattsituation ein.

Die Ruhe vor dem "Sturm" #salzburgerfestspiele16 #pernerinsel #shakespeare #sturm

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Unerwarteter Perspektivenwechsel

Als alle sitzen, folgt der große Stilwechsel. Für zwei Minuten fährt die Inszenierung über das Publikum, als hätte man sich im Sog eines Nine-Inch-Nails-Konzerts verloren. Plötzlich ist in der Regie des dänischen Multimediaduos fettFilm und im Sounddesign von Mel Mercier die Bühne dramatisches Kino - und katapultiert alle auf hohe, aufgewühlte See. Perspektivenwechsel ist angesagt: Als befände man sich in einem Schlauchboot auf dem Weg nach Lampedusa, weht es alle durch den Raum. Und Perspektivenwechsel, das ist wohl das große Thema des Abends.

Simonischek auf der leeren Bühne

Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus

Wie viel Multimedia verträgt Schauspiel? Visuals dienen hier der Theatermagie.

Im Vorstellungsraum

Denn es ist eben nicht Kino im Theater, sondern großes Schauspiel, das poetisch durch die Hereinnahme von Bewegtbildelementen seinen eigentlichen Auftrag verwirklichen kann: Vorstellungen zu erzeugen. Das ist gerade wichtig bei der Geschichte der Vertreibung des Prospero, die er seiner Tocher Miranda (Sara Tamburini) - und damit dem Publikum - erzählt. Das verlorene Herzogtum, die Intrige des Bruders - die Möglichkeit von einer Insel und einem neuen Leben fernab des Regelbetriebs europäischer Politik. Das ist die Arbeit des Prospero. Aber es ist auch die Arbeit der Magie, die ihm nun in der Ferne zu Diensten steht.

Simonischek und Dickie Beau

Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus

Kongeniales Duo des Abends: Simonischek und Dickie Beau als Lipsync-Ariel

Der Lipsync-Artist Dickie Beau ist der Ariel dieses Abends - sein Auftritt im „Invisible“-Shirt ist eine der großen poetischen Leistungen der Inszenierung: Durch ihn sprechen alle Texte - manchmal darf er sie durch die eigene Stimme überhöhen und sich auch gegen seinen Auftrag aufbäumen. Stets agiert er als effektiver Diener Prosperos, der sich am Werk seines Meisters subtil erfreut und zunehmend die Schönheit des Dienens entdeckt. Warner interpretiert Ariel als personifizierten Funken, der zwischen ihrer Arbeit und dem Publikum, ganz im Sinne der historischen Vorlage, überspringen soll.

Ariels „Spiegel“ ist Jens Harzer: ein fragil-verzweifelter Caliban, der mit seinem Auftrag ringt - und auch später beim Aufstand mit den Matrosen Trinculo (Matthias Bundschuh) und Stefano (Matthias Redlhammer) eine klapprig-schaurige Figur abgibt. Harzer, der schon einmal als Alter Ego in Peter Handkes „Immer noch Sturm“ in Hallein brillierte, scheint mit den Brettern der Pernerinsel verwachsen, so viel kreaturhafte Verzweiflung ringt er der Interpretation seiner Rolle ab.

Szenenbild aus der Produktion

Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus

Peter Simonischek (Prospero) mit Jens Harzer als Caliban und Sara Tamburini als Miranda

In der Gesellschaft der Schiffbrüchigen

Sehr viel Zeit gibt Warner dem Entstehen der Welt des Prospero im ersten Teil des Abends. Auch die gestrandete Hofgesellschaft samt Prosperos Bruder wird mit viel Ruhe in den Blick genommen. In Schwimmwesten sehen sich König Alonso von Neapel (Branko Samarovski), sein Berater Gonzalo (Ex-„Tatort“-Kultstar Charles Brauer), Alonsos Bruder Sebastian (Max Ulacher) und auch Daniel Friedrich als Bruder des Prospero und unrechtmäßiger Herzog von Mailand in neue Rollen katapultiert: Beginnen sich die einen mit ihrem Migrantenschicksal abzufinden, führen die anderen die machiavellistische Theorie des Staates auch auf der fernen Inseln fort. Friedrich ist dabei derart hinterlistig, dass man in ihm gar nicht den einst netten Familienvater aus der Serie „Aus heiterem Himmel“ wiederzuerkennen vermag.

Hinweis

„Der Sturm“ in der Inszenierung von Deborah Warner ist bei den Salzburger Festspielen von 2. bis 21. August zwölfmal auf der Pernerinsel zu sehen.

Doch bekanntlich machen Prospero und Ariel allen einen Strich durch die Rechnung, sind sie doch die eigentlichen Regisseure der weiteren Entwicklung der Dinge. Die Verehelichung von Miranda mit dem im Meer verloren geglaubten Königssohn Ferdinand (Maximilian Pulst) und die Versöhnung mit den politischen Widersachern setzt Warner ein bisschen sehr im Eiltempo um. Ein cleverer Schachzug, wie sich im Finale herausstellt. Alle magischen Momente, die dabei im Spiel sind, akzentuiert sie kurz - um am Ende Zeit für den Schlussauftritt des Prospero zu haben.

Szenenbild aus der Produktion

Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus

Die Gesellschaft der Schiffbrüchigen: „Der Feind steht am Strand“ heißt es dazu im ersten Teil des Abends. Und das Unheil wird zuerst über Video an die Wand geworfen.

Der magische Bund mit dem Publikum

Die Wiedergutmachung, die sich Prospero wünscht, sie kann sich nur über den magischen Bund mit dem Publikum erfüllen. Nachdenklich, schlitzohrig - und mit viel Charme, so interpretiert Simonischek den Prospero. Der gerade 70 gewordene Burg-Star ist in der Form seines Lebens - und gerade so aufgelegt, wie es die Inszenierung braucht.

Mit vielen Pausen im Vortrag, mitunter das staunende Kind im Manne hervorbringend, zelebriert er seinen Schlussmonolog. Als er den Spiegel zerbricht und Ariel aus dem gemeinsamen Bund des Zauberspiels entlässt, brandet schon Applaus auf. Doch noch einmal über zwanzig Verse hinweg wird er seine Gemeinschaft mit dem Publikum beschwören - und die Erlösung durch die Zustimmung erbitten. Sie fällt groß und stark und leidenschaftlich aus an diesem Abend, der ein großes Lehrstück über den Wechsel der Haltung und des Blicks ist. Und eines über die Kraft der Empathie, ohne die kein Staat auf keiner Insel zu haben ist.

Gerald Heidegger, ORF.at

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