Bild von der Tosca-Premiere in St. Margarethen

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Tosca sucht den Blitzableiter

Engel können Heilsbringer sein. Oder den Fingerzeig Richtung Schicksal bringen, stellt man sie auf die Opernbühne. In St. Margarethen steigt man mit einem 25 Meter hohen Engel wie der Phönix aus der Asche der Konkursdebatten und hat gleich den Fingerzeig Richtung Bregenz parat. Monumentalität und Modernität sollen auch im Osten gelingen. Bei der Premiere der „Tosca“ musste man freilich gegen die Gewalten, die der Wettergott an diesem Abend reichlich schickte, antreten. Wer aus- und durchhielt, wurde bei der dritten Regiearbeit von Robert Dornhelm im Römersteinbruch mit einem optisch wie musikalisch großen Opernabend belohnt.

„Die ‚Tosca‘ ist eine Oper, die man dem Publikum nicht schmackhaft machen muss, die für sich selbst spricht.“ Das sagt der deutsche Dirigent Michael Güttler, staatsopernerfahren und zurzeit Chefdirigent der Finnischen Nationaloper, zur heurigen „Tosca“ im Steinbruch St. Margarethen.

Zuversicht bis zur letzten Minute

Live-Einstieg von der „Tosca“-Premiere in „Burgenland heute“ im strömenden Regen - mehr dazu in tvthek.ORF.at.

Was der musikalische Leiter des Abends nicht wissen konnte: Für diese „Tosca“ braucht man gute Nerven, denn als die Premiere losgehen sollte, stand die Bühne unter Wasser und das Schicksal mehr auf Abbruch denn Abwarten.

So hatte die neue Intendantin der Opernfestspiele im Steinbruch, Maren Hofmeister, offenkundig auch den monumentalsten aller Schutzengel auf die Bühne gestellt. Statt langer Festreden setzte man auf den Kaltstart in einen Opernklassiker, für den man Mittwochnacht aus vielerlei Gründen Gänsehautfeeling mitgeliefert bekam.

Regen auf der Bühne in St. Margarethen

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Einblick in den Bühnenraum um 21.00 Uhr: Nur wenige Optimisten dachten zu dieser Zeit an die Durchführung eines Opernabends

Neue Fokussierung

Mit einem prominenten Sängerensemble und der dritten Regiearbeit Dornhelms gelingt St. Margarethen an diesem Abend auch die Emanzipation von sich selbst. Feuerwerk muss zwar immer noch sein, aber mit diesem Jahr hat man bei der Opernproduktion den Hauch von Western-City-Ästhetik früherer Jahre endgültig ad acta gelegt.

Feuerwerk im Römersteinbruch

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Das Feuerwerk bleibt St. Margarethen auch bei der „Tosca“ als Tradition erhalten

Das Bühnenbild von Amra Bergman, einst Assistentin bei Erich Wonder, präsentiert einen 25 Meter hohen Engel, der hüftabwärts ein ausladendes Ferderkleid trägt. Die Engelsburg aus der Vorlage ist hier zum luftigen Unterkleid geworden und zugleich zum Kuppeldach einer Bühne, die in den Raum großer Illusionen führen wird.

Engelstatue aus der Tosca

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Der von Amra Bergman konzipierte Riesenengel für die „Tosca“: Diesmal bleibt der Steinbruch mit einer kleinen Ausnahme fast nur Kulisse

Von der Sprache des monumentalen Neoklassizismus dieser Bühnenkonstruktion kann man sich so angezogen fühlen - zugleich darf man mit einigem Schauer daran denken, welche Regime im 20. Jahrhundert gerne kraftstrotzende Heldenfiguren idealisierten. Die „Tosca“, uraufgeführt im Jahr 1900, stellt ja nicht zuletzt auch das Funktionieren eines Polizeistaates, der sich bis in die privatesten Beziehungen einmischt, aus.

Illusion, Materialität, Illusion

Regisseur Dornhelm hat jedenfalls unter dieser Monumentalplastik einen Kuppelraum zur Verfügung, mit dem er Puccini und seinen Librettisten vor allem visuell auf den Zahn fühlen will. Die gewünschte römische Kirche Sant’Andrea della Valle, in der sich der entflohene Cesare Angelotti (Clemens Unterreiner) und der Maler Mario Cavaradossi (Andre Care) begegnen werden und in der alles nachfolgende Unheil zwischen Leidenschaft und Sadismus ihren Lauf nehmen soll, ist bei Dornhelm ein visuelles Capriccio der besonderen Art. Zwei verschiedene dreidimensionale Räume spannt der Regisseur an den mächtigen LED-Schirmen im Hintergrund auf.

Andrea Caré (Caravadossi) und Clemens Unterreiner (Angelotti)

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Begegnung unter den virtuellen Kuppeln von Sant’Andrea della Valle: Andrea Care (Cavaradossi) und Clemens Unterreiner (Angelotti)

Die Seitenschiffe offenbaren den Blick in die Tiefe, in der Mitte dominiert der Blick in die Kuppel, die in die Sphären des Himmels verweist. Dort, wo im Manierismus die Illusion ansetzt, schlägt in St. Margarethen der reale Monumentalengel in den Himmelsraum. Diese visuelle Anordnung sollte durchaus ernst genommen werden, denn wenn sich hier in drei Stunden das Drama einer Beziehungs- und Politgeschichte entspinnt, dann setzt man nicht auf Zwischentöne, sondern im Gegenteil auf die absolute Übercodierung: Zu jeder Regung gibt es ein Übermaß an Bildangeboten, dass sogar selbst einer römischen Kirche samt ihrer Überladenheit angst und bang werden könnte.

Und doch ist das alles irgendwie im Sinne Puccinis, der ja gerade für die „Tosca“ die Librettisten mit dem Auftrag, ein breites Personenarsenal auf vier Haupthelden einzudampfen, halb in den Wahnsinn getrieben hatte. Der Komponist wollte mit seiner Partitur glänzen und alles an Psychologisierung, Dynamisierung und Pathos aus den vergangenen hundert Jahren Oper auftischen. „Tosca“ ist eine in gewisser Weise atemlose Oper, und die Inszenierung führt das in zunehmender Verdichtung gerade im ersten Akt vor.

Unheil wird kommen

Nicht die Eifersucht Toscas zum Bildnis in der Kirche wird hier ausgestellt, alles läuft auf den Machtkonflikt zu. Mit dem Auftritt von Davide Damiani als Baron Scarpia und seinen Handlangern sind wir in der Hölle - und für diese richtet der Klerus das Fegefeuer auf gleich drei Etagen an, nachdem man davor mit den Ministranten Ringelreih getanzt hatte: Pikant reimt sich in der ersten Massenszene durchaus auf provokant.

Martina Serafin in der Rolle der "Tosca" und Davide Damiani als "Scarpia"

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Martina Serafin als Tosca und Davide Damiani in der Rolle des Baron Scarpia: Der größte Schurke der italienischen Oper bis 1900 muss fallen

Martina Serafin ist eine Tosca, die würdig und zugleich zerrissen ihre Präsenz auf der Bühne einnimmt. Unheil wird kommen, diese Regungen auf ihrem Gesicht werden überlebensgroß in die Kuppelräume projiziert. In den intimeren Momenten der Oper wird das Böse zunehmend dominant. Damiani als solider Scarpia wird mächtig auf den LED-Wänden gedoppelt. Trotzdem entsteht hier nie ein Psychogramm, an dem man teilhat. Eher wirkt jedes Bild wie ein Vorgriff auf das kommende Ende für alle.

Verzicht auf jedes Pathos

Es ist das Paradoxon des Abends, dass St. Margarethen in musikalischer Hinsicht so fit wie nie dasteht und sich doch sehr dem Regisseur und der optischen Dominanz zu Füßen legt. Güttler und das Orchester der Staatsoper Prag verzichten auf jedes Pathos, was der Musik ein mitunter leicht distantes Flair bei diesem großen Format bringt. Mehr Dominanz und Feinjustierung beim Sound könnte dieser „Tosca“ jedenfalls noch mehr Glanz verleihen. Bedenkt man freilich die Wetterkapriolen des Abends, darf es ohnedies als Wunder gelten, diese „Tosca“ samt aller technischen Finessen derart solide in die Nacht gewuchtet zu haben.

Hinweis

Die „Tosca“ ist in St. Margarethen noch bis 15. August im Römersteinbruch zu sehen. Für 2016 hat man Gaetano Donizettis „Liebestrank“ geplant.

Dieser Abend setzt auf das Prinzip der absoluten visuellen Dominanz, die anders als die „Aida“ des Vorjahres weniger auf einen Art Cinemascope-Ben-Hur-Effekt baut, sondern mit einer Überblendung der Perspektiven Sogwirkung erzeugt. Oben leuchtet der Klassizismus, doch unter den Flügeln des Engels werden in einer manieristischen Hölle alle Helden verbrannt. Der Steinbruch von St. Margarethen - er ist Bühne für den gedoppelten Abtritt der Tosca. Und sonst Projektionsfläche für den ganz großen Schauder.

Gerald Heidegger, ORF.at

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