Maria Arlamovsky

Alexander Musik, ORF.at

Der Mythos vom Kind auf Knopfdruck

Es ist eine seelenlose Welt, in die Maria Arlamovsky (Bild oben) in ihrem Film „Future Baby“ führt: die Welt der künstlichen Befruchtung. Um herauszufinden, inwieweit Bio-Technologie heute den Wunsch nach einem – möglichst perfekten - Kind erfüllen kann, reiste sie zu Eizellen-Spenderinnen, Medizinern, Leihmüttern und Depots mit tiefgefrorenen Eizellen. Mit ORF.at sprach die Regisseurin über den Warencharakter des Kindes, falsche Versprechungen der Reproduktionsmedizin und das große Tabu ungewollte Kinderlosigkeit.

Tel Aviv, Barcelona, Los Angeles, New York, Mexiko – überall arbeiten Wissenschaftler und Geschäftemacher daran, den Wunsch kinderloser Paare oder Einzelner nach einem Baby zu erfüllen. Aber nicht irgendeinem Baby. Möglichst perfekt soll es sein. Die Kataloge entsprechender Agenturen sind voll mit gut aussehenden Eizellenspenderinnen und Samenspendern. Genetisch geprüft, für alle Fälle. Kliniken haben sich auf In-Vitro-Fertilisation spezialisiert, Leihmütter bieten ihre Dienste an. In riesigen Depots warten tiefgefrorene Eizellen auf Befruchtung.

"Ich bin bei der Recherche „bioliberaler" geworden“

Maria Arlamovsky zeichnet in ihrer Dokumentation „Future Baby“ (u.a. gefördert aus Mitteln des ORF Film/Fernsehabkommens) ein umfassendes, oft düsteres Bild dieser Welt aus sterilen Laboratorien, auskunftsfreudigen Medizinern und verzweifelten Menschen, die für ein Kind so ziemlich alles geben würden. Im Interview mit ORF.at spricht Maria Arlamovsky über das Riesengeschäft der künstlichen Befruchtung, das schlimme Gefühl zu erleben, wie das Kind zur Ware wird und warum ihre Haltung im Laufe der Recherche „bioliberaler“ geworden ist.

ORF.at: Salopp gesagt: Wird das übliche Verfahren, Babies zu machen, bald nur noch eins von vielen sein?

Maria Arlamovsky: Carl Djerassi sagt ja im Film dazu, wir sind jetzt eigentlich am Anfang dieser ganzen Geschichte. Denn bis jetzt haben wir nur unfruchtbare Paare im Fokus gehabt, aber jetzt wird man jungen Mädchen sagen: Friert eure Eier ein, da könnt ihr euch sogar sterilisieren lassen, damit ihr nicht verhüten müsst.Wenn ihr nicht mehr verhüten müsst, könnt ihr Geld sparen für In-Vitro-Fertilisation. Das ist so ein kleiner Schritt für mich, an dem man gut erkennen kann, dass das ganze Szenario noch nicht wirklich eröffnet ist. Aber wir rutschen immer mehr da hinein.

ORF.at: War das das letzte Interview, das Djerassi gegeben hat?

Wir haben im November noch mit ihm gedreht, weil er da an der Uni Wien gesprochen hat, und im Jänner ist er gestorben.

ORF.at: Ein Mediziner in Tel Aviv bringt es auf den Punkt: Sollen wir weiter an der Bio-Technologie forschen und währenddessen ethische Fragen klären, oder klären wir sie erst und forschen dann weiter … Wie läuft es denn derzeit?

Das ist doch der Weg der Medizin und der Wissenschaft immer, dass sie natürlich voller Forscherdrang sind und die Probleme, die ihnen vorgelegt werden, lösen wollen. Was ich mit „Future Baby“ versuchen wollte, ist, die ganzen Bilder, die einzeln parallel vor sich hin passieren, wieder zusammenzufassen, die größere Geschichte in den Blick zu rücken.

Weil der einzelne Fall die einzelne Frau, die unbedingt ein Kind will oder der einzelne Mann, der einzelne Mediziner, der ihm helfem will, der Wissenschaftler, der ein Problem lösen will und der erste sein will, der irgendwas kann. Die arbeiten alle strikt vor sich hin und betrachten nicht mehr den ganzen Umfang der Geschichte.

Future Baby

NGF

Fotos für Facebook als erste Reaktion der „Eltern“ nach der Geburt des Kindes

ORF.at: Dafür sind Sie um die halbe Welt geflogen. War es schwer, in die Eizellen- und Samenbanken, in die Labore hineinzukommen?

Unterschiedlich. Was wir interessanterweise nicht geschafft haben, wir durften keinen aktiven Samenspender drehen. Ich wollte nicht nur zeigen, dass Eizellen von jungen Frauen gebraucht werden für die Industrie, sondern dass auch Samen permanent angeschafft werden muss. Die Männer werden da offensichtlich sehr beschützt. Sonst sind wir überall reingekommen, weil ein Teil der Industrie jede Plattform als Werbeplattform für sich verwendet.

ORF.at: Das sagen sie ja sogar teilweise: Wir haben den Doktorhut auf und den Business-Hut ...

Genau. Eine Gesprächspartnerin sagt das sehr deutlich: Das ist natürlich ein Riesengeschäft, das sind teilweise börsennotierte Unternehmen, das ist der boomende Zukunftsmarkt. Weil, die teuren Autos hat man schon, die Häuser haben wir schon, und jetzt wollen wir das perfekte Kind, da wird man natürlich immer mehr investieren, weil einem klar wird, wenn man viel investiert, kriegt man auch das bessere „Produkt“. Ist das also nur für Reiche? Man will ja immer seinem Kind einen Startvorteil verschaffen, das ist nichts Neues. Früher hat man sie zu Chinesisch geschickt oder zum Klavierunterricht, aber wenn ich jetzt ein Upgrade in der Petrischale machen kann, why not sozusagen.

ORF.at: War es denn schwierig, an die Paare mit unerfülltem Kinderwunsch ranzukommen?

Das war wesentlich schwieriger, weil ungewollte Kinderlosigkeit ein Riesentabuthema ist. Ich hab ja schon zum Thema Inzest gearbeitet und da wars leichter Leute zu finden, die offen darüber reden.

Diese Leute mit Kinderwunsch haben ja schon viel mitgemacht, rutschen dann da hinein, werden von der Industrie eingesaugt. Erst sagen sie, komm zu mir, wir werden das schon machen, dann brauchst du eine fremde, junge Eizelle einer Spenderin, dann: jetzt musst dus noch mal probieren, u.s.w. Wenn das nicht klappt, schauen wir genetisch. Also, es gibt immer einen guten Grund weiterzumachen. Das ist wahnsinnig lukrativ, weil sehr viel Geld für etwas ausgegeben wird, was man unbedingt will!

ORF.at: A propos. Was die mögliche Erfüllung des Kinderwunschs kostet, erfährt man nicht. Absicht?

Da kann man bei Pontius und Pilatus beginnen und kommt ins Unendliche. Das ist in jedem Land verschieden. In Östereich zahlt die Versicherung noch bis zum 40. Lebensjahr dazu und dann nicht mehr. Manche Prozesse sind da und dort erlaubt, manches kostet da und dort so und so viel. Es ist eh klar, dass es nicht billig ist. Die eine Frau im Film sagt ja, wir haben jetzt die Küche abbezahlt, jetzt können wir den neuen Kredit für das Kind aufnehmen, das war ein Beispiel, wo man erkennt, dass das an die Substanz der Leute geht.

ORF.at: … an die finanzielle Substanz jedenfalls. Ein desillusionierendes Bild war für mich der Blick in den OP-Raum: Die Leihmutter ist gerade niedergekommen und liegt unbeachtet im Raum, während die neuen Eltern das Neugeborene als erstes heftig fotografieren und abfilmen.

Eine Ersatzhandlung sozusagen, weil sie zu dem Kind noch gar keine Beziehung haben.

Ich finds vor allem tragisch aus Kindersicht: weil das ein Beziehungsabbruch ist. Das Kind war neun Monate in diesem Bauch, hat die Stimme, die Gerüche miterlebt, dann der totale Beziehungsabbruch, der nicht beachtet wird. Man reisst dieses Kind aus dem Bauch raus, steckt’s jemand anderem in die Hand, die Leihmutter ist Gefäß und sonst gar nichts. Es wird meistens auch darauf geachtet, dass nur per Kaiserschnitt geboren wird, weil, würde das Kind durch den Geburtskanal gehen, wäre die Bindung - auch hormonell - der Leihmutter an das Kind noch stärker.

Future Baby

NGF

Neugeboren - wenn auch von einer Leihmutter

ORF.at: Die Leihmütter kommen doch in der Regel aus armen Ländern.

In Kalifornien zum Beispiel mit seinen liberalen Gesetzen gibt es Leihmütter „auf Augenhöhe“, und dort kostet es zwei- bis dreimal so viel, als wenn man in Länder wie Indien, Mexiko oder Bulgarien geht. Und natürlich kommt ich dort leichter an Frauen in prekären Situationen ran, die das machen.

ORF.at: Eine Farbe herrscht im Film vor: klinisches Weiß. Alle beteiligten Mediziner beteuern, alles unter Kontrollle zu haben.

Irgendetwas unter Kontrolle zu haben ist sowieso eine Illusion. Man verkauft die Illusion eines perfekten Produktes, eines planbaren Wunschkindes. Das schlimmst an der Geschichte ist, dass Frauen, die diesen Kinderwunsch haben, das denen zu wenig verklickert wird, dass 70 Prozent der Fälle sowieso am Ende nicht mit einem Kind nach Hause gehen werden. Weil die so genannte „baby-take-home-rate“ sehr gering ist. In Östereich 26 oder 27 Prozent im Jahre 2013.

De facto funktioniert es weniger, als dass es funktioniert. Und das ist das große Problem bei der Kryo-Konservierung, dem „social freezing“. Dass da das FDA in Amerika gesagt hat: Die Wahrscheinlichkeit, dass aus den tiefgekühlten Eizellen, die man ja in jungen Jahren einfrieren soll, damit wir jetzt als Frauen Karriere machen können, funktionieren können, liegt bei 13 Prozent! Das ist doch ein sehr hohles Versprechen.

Filmhinweis:

„Future Baby“ läuft auf der Diagonale am 13.3. um 13 Uhr 30 im UCI Annenhof.

Diagonale

Der offizielle Kinostart in Österreich ist der 15.4.

ORF.at: Welcher Eindruck war für Sie bei dieser Recherche zu den Kliniken in aller Welt am intensivsten?

Das Gefühl, dass das Kind zur Ware wird - das zu fühlen, war das Ärgste. Übrigens will ich das nicht verteufeln. Schwule Männer können nur mit Leihmutter Kinder bekommen. Ich bin eigentlich von meiner Einstellung „bioliberaler“ geworden, weil man sich einfach die Argumente durchdenkt. Aber das Bild als Ganzes zeigt Kälte und Banalität dem Leben gegenüber. Ich glaub, die Idee ist verrückt, weil, es gibt keine Garantie für ein perfektes Kind.

ORF.at: Ob es aber ein Recht auf Kinder gibt, ist doch gar nicht gesagt. Das wird ja auch im Film deutlich.

Genau. An dieser Stelle oute ich mich dann immer auch als Adoptiv- und Pflegemutter. Das heißt, ich bin biologische und soziale Mutter. Für mich war während des Drehs immer die große Frage: Können wir wirklich nur unser eigenes Blut lieben? Sollten wir nicht schon mehr gelernt haben?! Das Aussuchen des perfekten Spenders im Katalog bedeutet doch nichts Anderes als dass wir trotzdem ein fremdes Kind annehmen. Weil wir mit dem Partner nichts zu tun haben, weil es kein Partner ist, sondern eine Keimzelle.

Deswegen ist es doch fatal, wenn es bei Pflege- und Adoptivkindern eine Instanz geben muss, die schaut, ob die Leute überhaupt mit den Kindern umgehen können? Und bei dieser Industrie gibt es niemanden, der Anwalt für die Kinder ist, die geboren werden.

Der Arzt kann selber entscheiden, mach ich diesem Menschen ein Kind oder nicht. Vor zwei Jahren hat in Thailand ein japanischer Millionär 15 Kinder mit elf Leihmüttern gemacht. Einfach weil er Lust drauf hatte.

Das Interview führte Alexander Musik, ORF.at

Link: