Ein nasses Grab für fulminante „Carmen“
Klar ist in Bregenz aber ohnehin eines: Der wirkliche Star ist die Bühne, für „Carmen“ besteht sie aus zwei aus dem See ragenden Händen und einem Kartenspiel. Es ist die Vergrößerung einer Schlüsselszene des Stücks, in der Carmen sich die Karten legt, und dabei immer wieder ihr tödliches Schicksal herauslesen muss. Verantwortlich für Idee und Entwurf ist die britische Künstlerin Es Devlin, die abseits des Opernbetriebs vor allem für ihre monumentalen Popbühnenentwürfe bekannt ist - scheinbar endlos ist die Liste jener Stars, die in ihren Settings um die Welt getourt sind, von U2 über Lady Gaga bis Miley Cyrus, um nur einige zu nennen.

Bregenzer Festspiele / Anja Köhler
Die im Tageslicht grauen Spielkarten werden zu Leinwänden für Projektionen
„Die Geste, alles in die Luft zu werfen, ist ein Akt der Anarchie, wir meinen damit den Zufall: Wenn Carmen die Blume nicht geworfen hätte, wenn Don Jose diese Blume nicht aufgesammelt hätte ...“, beschreibt Devlin nun die Wahl des Motivs für die 24 Meter hohe und 43 Meter breite Kulisse - mehr dazu in Das Bühnenbild und seine Kartentricks.
Rauchen für Freiheit und Rebellion
Dass Carmen hier als eine starke, unabhängige und vor allem anderen ihre Freiheit liebende Frau dargestellt wird, symbolisieren die tätowierten Unterarme, vor allem aber die glühende und rauchende Zigarette in der linken Hand. In Zeiten um sich greifender Rauchverbote ist das leicht als Symbol für die Rebellion gegen die Gesellschaft zu lesen, und gleichzeitig auch eine schöne Verknüpfung zum Spielort der ersten Szene (in einer Tabakfabrik) sowie zur Entstehungszeit der Oper, in der rauchende Frauen quasi per se als verrucht abgestempelt waren.

Bregenzer Festspiele / Anja Köhler
Geraucht wird immer, nicht nur in der Tabakfabrik
Als genau so eine Femme fatale ist Carmen bei der Premiere mit Gaelle Arquez geradezu perfekt besetzt. Nicht nur stimmlich, auch schauspielerisch lässt die französische Sopranistin wenig Wünsche offen, wenn sie den unbändigen Freiheitsdrang und die erotische Energie ihrer Figur auf die Spitze treibt. Mit unglaublicher Kraft und gleichzeitig behutsam moduliert Arquez die berühmte „Habanera“, was man dank Projektion auf den Spielkarten auch in Großaufnahme verfolgen darf.
Unklare Beziehungen, klar herausgearbeitet
Doch auch sonst sind die großen Distanzen, sowohl auf der Bühne selbst als auch zwischen Bühne und Publikum, für diese Inszenierung kein Problem. Holten gelingt es, die Beziehungen Carmens zu ihren Liebhabern schön herauszuarbeiten. Er setzt weniger auf großes Spektakel - wiewohl das natürlich in Form von wunderschönen Tanzszenen und kleinem Stierkampffeuerwerk auch nicht fehlen darf -, dafür auf psychologische Verdichtung und klare Figurenzeichnungen.
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Wasserfeste Sänger und Gäste
Der erste Höhepunkt der 72. Bregenzer Festspiele war die Premiere von Carmen auf der Seebühne. Künstler und Publikum erwiesen sich dabei als ausgesprochen wasserfest.
Fast schon irritierend wirken hier die Einsätze von Stuntmen und Bootsverkehr neben der Bühne, deren Sinn sich nicht wirklich erschließt. Warum die Karten etwa beklettert werden müssen (außer: weil man es kann) bleibt ebenso unklar, wie wessen Leiche von Statisten irgendwo im See versenkt wird - und vor allem warum. Sicher, man hat in Bregenz schon viel mehr große Bühnenaction gesehen, die „Carmen“ in diesem Setting hat das aber gar nicht nötig.
Wenn Sevilla nahe am Wasser gebaut ist
Umso schöner ist die dramaturgisch sinnvolle Einbeziehung des Wassers (das von unten, nicht das am Premierenabend von oben kommende), etwa wenn sich der Boden während der Tanzszene in Lillas Pastias Bar in den Bodensee senkt und das durch die Choreografie von Signe Fabricius wild spritzende Wasser eine kraftvolle Leidenschaft ausstrahlt, die bis in die letzte Reihe zu spüren sein muss. Dass Don Jose den Eifersuchtsmord an seiner geliebten Carmen letztlich nicht per Messer begeht, sondern dass er sie im See ertränkt, ist hier im wahrsten Sinne des Wortes auch hauptsächlich naheliegend.

Bregenzer Festspiele / Anja Köhler
Während auf der Bühne also eigentlich niemand trocken bleibt, dürfen die Wiener Symphoniker unter der fein austarierten und präzisen Leitung Paolo Carignanis im Festspielhaus agieren und werden genauso wie die Chöre nach draußen übertragen. Dort berührt als perfektes Gegenüber der starken Carmen Elena Tsallagova als Micaela. Stimmlich sind beide Damen den Herren am Premierenabend deutlich überlegen.
Kein Wunder, dass Carmen frei bleiben will
Daniel Johansson als Don Jose lässt ein bisschen Drama in der Stimme vermissen, vermittelt schauspielerisch aber schön die Zerrissenheit der Rolle, zwischen beängstigend cholerischen Anfällen und weinerlichem Betteln um seine Angebetete.
Hinweis
„Carmen“ ist heuer bei den Bregenzer Festspielen noch 27-mal bis 20. August zu sehen. Alle Vorstellungen sind ausverkauft, die Inszenierung wird im nächsten Jahr wieder aufgenommen. ORF2 überträgt „Carmen“ am Freitag, 21. Juli um 21.20 Uhr live-zeitversetzt. Die Aufzeichnung dieser Aufführung ist am 23. Juli um 20.15 Uhr in ORF III und am 26. August um 20.15 Uhr in 3sat zu sehen.
Dass sich diese dann eher dem überaus selbstverliebten Matador Escamillo (Scott Hendricks) zuwendet, verwundert aber trotzdem zumindest so halb. Einerseits hat er es doch mit seinen vom „Toreador“-Motiv begleiteten Auftritten klar einfacher, Eindruck zu schinden, andererseits ist der Bariton stimmlich deutlich unterlegen, sowohl was Geschmeidigkeit als auch Stimmumfang angeht. Immerhin, wann sieht man schon einen Opernsänger, der sich während des Singens eine Zigarette anzündet, und dass der Matador per Boot zum Stierkampf einreitet, hat auch seinen Reiz.
Seine „Toreador“-Melodie sollte sich in Bregenz bis weit in die Nacht gesummt und gepfiffen in der Luft halten - dass „Carmen“ mit Ohrwürmern wie diesem und der „Habanera“ als meistgespielte Oper aller Zeiten gilt, verwundert damit nicht. Bei den Festspielen am Bodensee war sie seit den frühen 1990er Jahren nicht mehr zu sehen - umso schöner ist es, dass diese Inszenierung als Gesamtpaket zu überzeugen weiß.
Sophia Felbermair, ORF.at, aus Bregenz
