Immer wieder Österreich!

Immer wieder, immer wieder, immer wieder Österreich! Und zwar ganz oft immer wieder – im innovativen Kurzfilm „Österreich!“ von Hubert Sielecki aus dem Jahr 2001. Ein Film, der die Gehirnwindungen durchputzt und ein Wurmloch gräbt zur Jahrtausendwende.

Vier Minuten dauert der Film; vier Minuten, die sich wie zwei Stunden anfühlen. Sielecki hat eine Zeit lang das ORF-Programm aufgenommen und jede Szene herausgeschnitten, in der das Wort „Österreich“ vorkommt – aber meist nur für die Dauer, die das Wort zu hören ist. Manchmal darf es auch „Republik Österreich“ sein, „Österreichs Grenzen“ oder „dieses Land“. Kaum eine Szene ist länger als eine Sekunde.

Szene aus "Österreich!"

VIS/ORF

Johannes Fischer: Auch er sagt „Österreich“

Wer keinen starken Magen hat, muss nach spätestens zwei Minuten wegschauen. Das liegt weniger an den Protagonisten als an der rasanten Schnittfolge, die jenes klaustrophobische Gefühl verstärkt, das sich ohnehin einstellt, wenn man in vier Minuten um die 200 Mal das Wort Österreich hört. Abgesehen von dieser Herausforderung, die gleichzeitig Ärger provoziert und zum Lachen einlädt, ist der Film ein überraschend vollständiges Panoptikum der österreichischen Verfasstheit des Jahres 2001.

Hubert Sielecki

1946 in Kärnten geboren; Bildender Künstler, Musiker und Filmemacher. Zusammenarbeit mit Künstlern wie Gerhard Rühm und Maria Lassnig. 2017 wurde ihm der Preis der Stadt Wien für bildende Kunst verliehen.

Die österreichische Jahrtausendwende

Man kann sie schon vermissen, die österreichische Jahrtausendwende: Hermann Maier, der auf den Pisten dieser Welt alles abräumte, was es abzuräumen gab. Thomas Klestil sagte mit salbungsvoller Stimme „Österreicherinnen und Österreicher“. Der unvergessene Robert Hochner lebte noch, Ingrid Thurnher grillte Politiker in der ZIB2, Armin Wolf tat selbiges in der ZIB3.

Vor allem aber war 2001 die erste schwarz-blaue Regierung unter Kanzler Wolfgang Schüssel (ÖVP) seit einem Jahr im Amt. Man wird in diesem Film an so vieles und an so viele erinnert: Frauen- und Männerminister Herbert Haupt etwa, und an den damaligen Finanzminister Karl-Heinz Grasser.

Szene aus "Österreich!"

VIS/ORF

Karl-Heinz Grasser, Finanzminister im Kabinett von Wolfgang Schüssel

Auch Benita Ferrero-Waldner tritt auf, sie war damals noch Außenministerin von Österreich. Man hört sie in Sielecki mit den ungewöhnlich zahlreichen Worten: „Ich mach’ meine Politik für Österreicherinnen und Österreicher – also eigentlich für ganz Österreich.“

Filmhinweis

„Österreich“ läuft im Rahmen des Programms „Von Inseln und Sündenböcken“ (84 Minuten).

  • Donnerstag, 31.05.2018, 19.30 Uhr im Metro Kinokulturhaus

Assoziationsketten ohne Ende

Wie meistens bei innovativen Filmen (vormals: Experimentalfirmen) werden Assoziationsketten in Gang gesetzt, die schier nicht enden wollen. Mit welchem Glanz in den Augen wird über Österreich gesprochen? Man vergleiche die Mimik von Madeleine Petrovic, die damals Stellvertreterin von Alexander Van der Bellen als grüne Klubobfrau war, mit jener der Mitglieder von Schüssels Regierungsmannschaft; oder die Stimmlage von Sportreportern mit jener von Ariel Muzicant.

Muzicant war 2001 noch Präsident der Israelischen Kultusgemeinde Wien und Hauptzielscheibe von antisemitischen Ausritten. FPÖ-Chef Jörg Haider sagte damals: „ ... der Herr Ariel Muzicant: Ich verstehe überhaupt nicht, wie wenn einer Ariel heißt, so viel Dreck am Stecken haben kann; das verstehe ich überhaupt nicht ...“, worauf Muzicant klagte. Anton Pelinka und Ruth Wodak wiesen den antisemitischen Gehalt dieses Satzes nach. Haider nahm in fünf Ehrenerklärungen diese Äußerung zurück, der Gerichtsfall wurde außergerichtlich bereinigt.

Kontinuitäten gibt es genug: Die ZIB fühlt sich immer noch wie die ZIB an, salbungsvoll klingt auch Bundespräsident Alexander van der Bellen, und Christa Kummer moderiert nach wie vor das Wetter. Nostalgie trifft auf Kontinuität, Aufregung auf Beruhigung. Heiter bis wolkig, könnte man mit Christa Kummer sagen.

Simon Hadler, ORF.at

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