Filmstill aus "L'ouest du Jordain"

Viennale

Amos Gitai mitten im Nahost-Konflikt

Amos Gitais „A L’Ouest du Jordain“ ist ein erschütternder, ein trauriger Film über den Nahost-Konflikt. Die Doku des israelischen Starregisseurs und Pazifisten lässt viele Fragen offen - manche, die nur die Zeit beantworten kann, aber auch manche, deren Antworten den Regisseur nicht zu interessieren scheinen.

Gitai, der die eine Hälfte des Jahres in Frankreich, die andere in Israel lebt, ist eine gewichtige Stimme, wenn es um den Nahost-Konflikt geht. Seit den 70er Jahren dreht er Dokus und Spielfilme, in denen es stehts um das Zusammenleben von Palästinensern und Israelis geht. Mit seinen Filmen ist Gitai regelmäßig bei den großen Filmfestspielen zu Gast, allen voran in Cannes und Locarno. Gitai hat eine Mission.

Das muss man wissen, bevor man einen seiner Filme sieht, wie nun eben „A L’Ouest du Jordain“ („Westlich des Jordan“). Hier versucht jemand nicht, eine formal oder ästhetisch ausgeklügelte Doku zu zeigen. Selbst die Abfolge der Szenen wirkt beliebig. Ihm geht es ausschließlich um die Inhalte. Gitai möchte zeigen, wie absurd die Feindschaft zwischen Israelis und Palästinensern ist und hat zu diesem Behufe Politiker, Journalisten und Zivilisten interviewt.

Die Entmenschlichung des anderen

Seit die Mauer gebaut worden ist, haben Israelis und Palästinenser keinen Kontakt mehr miteinander - außer militärisch. Gitai gibt ihnen ein Gesicht. Ein Journalist sagt, er trifft Kinder in Hebron, die haben noch nie einen unbewaffneten Israeli gesehen. Israelis wiederum halten jeden Palästinenser für einen Terroristen. Eine gegenseitige Entmenschlichung schreitet voran, die nichts Gutes verheißt für die Zukunft.

Filmstill aus "L'ouest du Jordain"

Viennale

Links im Auto: Amos Gitai; draußen Männer, die nicht mehr an Frieden glauben

Eine unerschöpfliche Quelle für den Hass der Araber weit über Israel hinaus und auch für den Hass auf die Araber ist dieser Konflikt. Auf der internationalen Agenda firmiert er dennoch nur mehr unter ferner liefen. Zu komplex ist das Thema - und es gibt hier nichts zu gewinnen, das ist die Lehre, die offenbar die internationale Gemeinschaft aus dem Engagement des US-Präsidenten Bill Clinton gezogen hat. Am Ende war Jitzchak Rabin tot und mit ihm der Friedensprozess. Clinton, der Befrieder? Clinton, der beim Sex mit Praktikantinnen Zigarren verwendet. Mehr blieb nicht.

Den Sohn als Opfer im Internet erkennen

Beide Seiten stürmen sie zu ihren Smartphones und Rechnern, wenn sie im Radio hören, dass wieder jemand erschossen wurde oder wieder ein Anschlag stattgefunden hat, um sich zu vergewissern, dass ihre Liebsten nicht betroffen sind. Und dann erkennt ein Vater an den Hosen und Schuhen, dass das Opfer sein Sohn gewesen sein muss. In diesem Fall ein Palästinenser. Es hätte auch ein Israeli sein können.

Ein zehnjähriger Bub antwortet auf die Frage, was sein Traum sei: als Märtyrer zu sterben. Der Bub will nicht sterben, weil er das Leben nicht erträgt. Er will sterben, weil ihm eingeredet wird, dass das Leben nach dem Tod als Märtyrer noch viel besser ist als jenes davor. Er sagt das tief überzeugt und lachend, so wie ein anderes Kind in seinem Alter sagen würde, dass es gerne Astronaut werden würde, weil es Spaß macht, mit dem Raumschiff herumzufliegen.

Filmstill aus "L'ouest du Jordain"

Viennale

Eine palästinensische Schule inmitten israelischer Siedlungen

Der „Point of no return“

Eine Indoktrination diesen Ausmaßes, noch dazu gleich mehrerer Generationen, ist nicht von einem Tag auf den anderen rückgängig zu machen, auch wenn sich das die kriegsmüden Menschen wünschen, wie etwa jener alte Mann, der sagt: „Wenn die Politiker es wollten, hätten wir in 24 Stunden Frieden, nicht in 24 Jahren.“ Die Indoktrination auf Seiten der Palästinenser, die Siedlermentalität auf Seiten der Israelis - beides kann auch der größte Charismatiker unter den Mediatoren nicht vom Tisch wischen.

Davon ist auch Tzipi Livni, Knesset-Abgeordnete und ehemalige Außenministerin Israels, überzeugt. Sie spricht wie bereits andere vor ihr in der Doku vom „Point of no return“, der in wenigen Jahren erreicht zu sein scheint - wenn in den Siedlungen eine Dreiviertel Millionen Menschen lebt und für Palästinenser kein Platz mehr ist. Dann gibt es kein Zurück mehr. Eine friedliche Lösung, meinen viele, kann dann unter keinen Umständen mehr erreicht werden. Dann herrscht Krieg.

Filmhinweis

„A L’Ouest du Jordain“ ist bei der Viennale bereits gelaufen. Ein regulärer Filmstart in Österreich ist nicht geplant.

Sich einfühlen in die Scharfmacher

In der Doku Gitais wird aber eine weitere Front gewahr, neben der offensichtlichen zwischen Israelis und Palästinensern. Jene zwischen Scharfmachern und Pazifisten, die ebenfalls unversöhnlich scheinen. Gitai hat den „Point of no return“ hier schon überschritten, allerdings nur auf der Seite der Israelis. Ein paar ungelenke Sätze dürfen jene sagen, die der Meinung sind, dass Israel ein Recht hat auf das gesamte, ungeteilte Land.

Wäre Gitai ihnen mit ähnlich empathischem Interesse entgegengetreten wie etwa den Müttern, deren Söhne dem Konflikt zum Opfer gefallen sind, es hätte ihn genau jene Überwindung gekostet, die er von den Hardlinern einfordert, ihre starre Haltung aufzugeben. Ein schwieriges Unterfangen. Welcher aufgeklärte Mensch will sich ernsthaft einfühlen in Scharfmacher, die einen Krieg in Kauf nehmen? Aber als Regisseur hätte er den Zusehern dadurch eine Doku geschenkt, die wirklich alle Seiten zeigt.

Menschlich sein gegenüber den Entmenschlichern

So ist der Film ein gefühliges „Preaching to the converted“ fürs Festivalpublikum. Gitai hantelt sich von Szene zu Szene weiter, bis alle seine Kernaussagen durchdekliniert sind: Der Krieg ist grausam und nützt niemandem. Hardliner auf beiden Seiten sind skrupellos und nehmen den Tod von Unschuldigen in Kauf. Das ist so bekannt wie tragisch - aber einer Lösung des Konfliktes oder auch nur seinem Verständnis kommt man ausschließlich dann näher, wenn man auch die Hardliner zu verstehen versucht, anstatt sie zu Entmenschlichen.

Simon Hadler, ORF.at

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