„Furusato“: Normalität, wo keine ist
Mit welch zerstörerischer Kraft der Osten Japans verwüstet wurde und damit tausende Menschen ihr Leben verloren, zeigt Thorsten Trimpop zu Beginn in einer Animation, die den schaurigen Grundton von „Furusato“ angibt. Eine Japan-Karte mit Kreisen - erst kleine, dann schlagartig viele große - begleitet von einem lauten Knacken, das ständig ohrenbetäubender wird: Es zeigt die seismographische Aktivität rund um den 11. März 2011 - die Kraft der Erdbeben, die den verheerenden Tsunami auslösten.

Viennale
Thorsten Trimpop zeigt die Region von Fukushima als für immer verändert. Untersuchungen werden als Teil eines neuen Alltags dargestellt.
Knapp ein Jahr später begann Trimpop mit den Arbeiten zu „Furusato“: Die Stadt Minamisoma dient ihm als Ausgangspunkt seiner Begegnung mit der japanischen Kultur, die aus der Distanz einen beinahe befremdlichen, von Pflichtbewusstsein getragenen Umgang mit dem Thema Heimat pflegt. Minamisoma liegt rund 25 Kilometer vom Kraftwerk Fukushima Daiichi entfernt - ein Teil der Stadt befindet sich in dem Bereich, der nach der Katastrophe zur Evakuierungszone ernannt wurde.
Kein Umzug trotz Katastrophe
Für den Rest von Minamisoma galt lediglich die Empfehlung, die Stadt zu verlassen - unter der Berücksichtung, dass die von der Regierung als „sicher“ eingestufte zulässige Dosisleistung im Zuge des Unglücks vervielfacht wurde. Viele Bewohner entschlossen sich dennoch, in Minamisoma zu bleiben, vor allem ältere Bewohner waren nicht bereit, trotz wahrscheinlicher gesundheitlicher Risiken, ihr Zuhause hinter sich zu lassen.
„Furusato“ kommt ohne Erzähler aus, doch eine zentrale Frage wird unweigerlich in den Raum gestellt: Was bewegt diese Leute dazu, hier zu bleiben? Trimpop nähert sich einer Antwort an, indem er diese Personen zeigt, sie begleitet und sie zu Wort kommen lässt - gleichzeitig stellt er den Menschen die Natur - und die Naturgewalt - als Kontrast gegenüber.
Schleppende Rückkehr zur Normalität
Diese Beziehung zur Umwelt, die sich durch die gesamte japanische Kultur zieht, bestimmt über weite Strecken Trimpops Bildsprache. Tief in Nebel getauchte Landschaftsaufnahmen, die - vermeintlich - unberührte Natur zeigen, stehen Szenen gegenüber, in denen verstrahltes Erdreich in Plasticksäcke umgefüllt wird. Es sind Bilder, die aus der Fukushima-Berichterstattung in Erinnerung bleiben: Tausende solcher Säcke voller Schutt und Erde, die sich entlang der Küste neben dem havarierten Reaktor stapeln.

Viennale
Ein jährlich abgehaltenes Samurai-Festival war schon vor der Katastrophe eines der großen Events in Minamisoma - es findet auch weiterhin statt
Die Auswirkungen und der Umgang mit der Katastrophe werden auch durch die Bevölkerung zum Ausdruck gebracht: Wenn etwa ein Aktivist einzelne Staubkörner von der Straße entfernt, auf der ein Charity-Lauf mit Kindern - zur Betonung der Normalität - abgehalten werden soll, dann steht das offizelle Japan im Kontrast zu den Betroffenen. Auch Ärger wird sichtbar, etwa im Interview mit einer älteren Bewohnerin, die vor laufender Kamera weint - eine starke Emotion in einer Kultur, in der Höflichkeit und Zurückhaltung einen extrem hohen Stellenwert innehaben.
Tonspur als schauriger Begleiter
Während „Furusato“ in seinen Bildern nur selten auf strenge Komposition setzt, ist die Tonspur umso spürbarer durchkonstruiert - Trimpop erzeugt die Stimmung großteils über die akustische Ebene. Vor allem das ständige Klacken, wie es vom Geigerzähler bekannt ist, begleitet die Bewohner bei ihrem Weg durch die Stadt. Im Kontrast dazu steht eine Szene zu Beginn in einem Spital, in dem Kinder untersucht werden - die Untermalung mit Spieluhrmusik setzt bewusst auf viel Pathos.
Auch im Zusammenhang mit Tieren wird auf Emotion gesetzt: Haustiere, die gestorben sind, weil sie zurückbleiben mussten, Pferde, die an Missbildungen leiden und zu schwach sind, um zu überleben - Trimpop schreckt nicht davor zurück, Tierleid auf der Leinwand zu zeigen, vielleicht gedacht als universell verständlicher Anknüpfungspunkt. Manchmal schießt der Regisseur damit über das Ziel hinaus - bebilderte Tierautopsien wären als Schockmoment nicht notwendig gewesen.
Filmhinweis
„Furusato“ läuft bei der Viennale am 1. November um 18.30 Uhr im Stadtkino im Künstlerhaus, sowie am 2. November um 16.30 Uhr im Metro-Kino.
Nichts wird, wie es war
„Furusato“ - übersetzt bedeutet das „Heimat“. Doch der Begriff geht darüber hinaus, ein gleichnamiges populäres Kinderlied beschreibt es als den Ort der Sehnsucht aus Kindheitserinnerungen, einen Ort, an den später - so die geäußerte Hoffnung - wieder zurückgekehrt werden soll.
Thorsten Trimpops Film illustriert, wie die Katastrophe von Fukushima dieses Konzept der Wiederkehr vielleicht für immer verändert hat. Die junge Generation sieht sich gezwungen, die Region zu verlassen - sollte eine Rückkehr je möglich sein, dann ist die einst unberührte Landschaft, das unschuldige Sehnsuchtsbild, für immer verloren.
Florian Bock, ORF.at
