Szene aus "La Fille Inconnue"

Viennale

Die Brüder Dardenne und das unbekannte Mädchen

In „La Fille Inconnue“, der neuen Arbeit der Brüder Dardenne, wird eine junge Immigrantin tot aufgefunden. Die ortsansässige Ärztin macht sich deshalb Selbstvorwürfe unterlassener Hilfeleistung und beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln. ORF.at sprach mit Jean-Pierre und Luc Dardenne über Schuld, Verantwortung und soziales Gewissen.

Eines Abends klingelt es spät nach Feierabend noch an der Tür der Ordination der jungen Ärztin Jenny Davin (Adele Haenel) in der belgischen Provinz Liege. Doch Jenny öffnet nicht mehr, obwohl sie mit ihrem Assistenten Julien (Olivier Bonnaud) gerade noch die Fälle des Tages bespricht. Am nächsten Tag erfährt sie, dass eine junge, unbekannte Frau an der Tür gewesen war, die Schutz gesucht hätte. Man hat sie unweit der Ordination tot aufgefunden, ohne Hinweise auf ihre Identität.

Unumwundener Realismus

Die Frage, ob sie ihr hätte helfen können, und die Tatsache, dass sie ihr keine Hilfe geleistet hat, lassen Jenny von nun an nicht mehr los. Weil sie schnell bemerkt, dass die Polizei es nicht besonders eilig hat, den Fall aufzuklären, was vielleicht auch daran liegen könnte, dass es sich bei der Toten um eine nicht registrierte Einwanderin handelt, beginnt Jenny, selbst zu ermitteln. Das führt sie in abgelegene Teile des Ortes, aber auch zu ihren Patienten nach Hause, in Wohnungen mit grauen und feuchten Wänden und schmutzigen Möbeln.

Szene aus "La Fille Inconnue"

Viennale

Ärztin Jenny (Adele Haenel) beginnt selbst zu ermitteln

In ihrer langen Karriere haben sich die belgischen Regisseure Jean-Pierre und Luc Dardenne mit Filmen wie „Das Versprechen“, „Rosetta“, „Le silence de Lorna“ oder „Zwei Tage, eine Nacht“, einen Namen für sozialbewusste Filme gemacht. Ihre Fiktionen kombinieren semi-dokumentarische Elemente zu einem „postsozialen“ Realismus und konzentrieren sich in ihren unumwunden direkten Geschichten üblicherweise auf Menschen in einfachen Verhältnissen. Ihre besten Arbeiten bedienen sich eines vorhersehbaren Verhandlungsverlaufs, der dann doch eine ganz überraschende Wendung nimmt.

Routine auf höchstem Niveau

In „La fille inconnue“ findet dieser Wendepunkt nicht statt, und doch ist der Film ein Beispiel für die perfektionierte Arbeitsweise der Brüder und ihren raffiniert unspektakulären Inszenierungsstil. Perfekt austarierte Bildfolgen und beinahe unauffällige, aber immens wirkungsvolle Fokussierungen lenken die Aufmerksamkeit gekonnt auf die Figuren und auf deren Umgebungen, aber niemals auf die Inszenierung selbst. Mit Jennys Entschluss, den Namen der Toten herauszufinden, bewegt sich der Film im Rahmen eines Thrillers, einer Spionagegeschichte. Doch auch hier verhandeln die Dardennes Fragen nach Schuld und Verantwortung in verschiedenen Konstellationen.

Luc Dardenne und Karin Schiefer

Maya McKechneay

Luc Dardenne beim Viennale-Publikumsgespräch

Strikte Abwechslung

In Interviews antworten Jean-Pierre und Luc Dardenne übrigens immer strikt abwechselnd: Weil sie an jedem ihrer Filme vom Drehbuch über die Regie bis oft auch zum Schnitt ebenfalls zu gleichen Teilen arbeiten, habe sich das als sinnvollste Gesprächsvariante herauskristallisiert, sagen sie im Gespräch mit ORF.at. Auch die Idee zum Drehbuch für diesen Film hatten sie gemeinsam, so Jean-Pierre Dardenne: „Wir hatten schon seit Jahren die Idee einer Ärztin im Kopf, die wir immer Jenny nannten, wenn wir über sie sprachen. Eine Ärztin, die sich für den Tod einer Patientin verantwortlich fühlen würde. In den Jahren, in denen wir immer wieder über sie sprachen, wurde immer klarer, dass diese Patientin eine junge Einwanderin sein sollte, deren Namen sie nicht kannte. Doch damit sie nicht anonym begraben werden müsste, wollte die Ärztin ihren Namen herausfinden. Damit es nicht so wäre, als hätte dieser Mensch nie existiert. Sie fühlt sich als einzige verantwortlich und sie will nicht wegschauen, sie will handeln.“

Szene aus "La Fille Inconnue"

Viennale

„Jenny hat die Fähigkeit, wirklich hinzuhören“

Mit großer Sorgfalt und feinfühliger Präzision filmen die Dardennes die kleinsten Regungen der Ärztin Jenny, wenn sie ihren Patienten begegnet. „Jenny hat die Fähigkeit, wirklich hinzuhören. Auf diese Weise befördert sie auch immer eine Wahrheit. Aber - und das ist das Essenzielle an ihrem Charakter - sie kann ihr faktisches Wissen von ihren Emotionen unbeeinflusst halten.“

Innehalten und sich einander zuwenden

In gewisser Weise ist auch diese Ärztin selbst ein „unbekanntes Mädchen“. Der Film enthüllt nichts über Jennys Vergangenheit oder ihr Privatleben. „Wir werden Zeugen, wie Jenny eine Lebensentscheidung trifft. Sie lehnt die Möglichkeit ab, eine profitable Karriere in einem renommierten Krankenhaus zu machen, um weiterhin als praktische Ärztin in einem Pariser Vorort zu arbeiten. Das ist alles, was man über Jenny wissen muss. Sie entwickelt eine moralische Obsession für die verstorbene Patientin.“

Seit ihrem Film „Das Versprechen“ (1996) haben die Dardennes alle ihre Filme in der Provinz Liege gedreht, wo auch „La Fille Inconnue“ spielt. „Der Ort stand für uns sogar noch vor der Figur Jenny fest. Wir wollten vor allem eine Geschichte entlang der Autobahn und des Flusses Meuse erzählen. Es ist ein schönes Bild dafür, was auch Jenny wahrnimmt: Alles rauscht beständig und rasant vorbei, ohne dass jemand einmal innehält oder sich jemand anderem zuwendet. Dagegen will zumindest sie etwas tun.“

Alexandra Zawia, für ORF.at

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