Szene aus "Homeland"

Viennale

„Homeland“: Verlorenes Leben, verbranntes Land

Mit „Homeland (Iraq Year Zero)“ filmte Regisseur Abbas Fahdel fast 120 Stunden Material vor und nach dem Irakkrieg in seiner Heimatstadt Bagdad. Eine Dokumentation in zwei Teilen, die den Narrativen des westlich dominierten Kinos epischen Naturalismus und einen freien Blick entgegensetzt. ORF.at sprach mit Abbas Fahdel.

Der Irakkrieg - die Militärinvasion der USA, Großbritannien und der „Koalition der Willigen“ - begann am 20. März 2003 mit der strategischen Bombardierung der Hauptstadt Bagdad. 13 Monate später, am 1. Mai 2003 war Bagdad erobert und Saddam Hussein gestürzt. US-Präsident George W. Bush erklärte den Krieg für siegreich beendet. Die überlebenden Iraker standen vor den Trümmern ihres bisherigen Lebens und fanden sich in einem von Diktatur und Gewalt entstellten Staat wieder.

Das Schlachtfeld ist überall

Ein „Vorher“ und ein „Nachher“ geben demnach auch die Struktur in Fahdels Film „Homeland (Iraq Year Zero)“ vor. Eine Dokumentation über die Tragik des Krieges, die keinen einzigen militärischen Kampf zeigt. Das Schlachtfeld ist überall. Ein Film, der den westlichen Narrativen über Kriege im Nahen Osten eine ganz anders informierte, ganz anders kulturell geprägte Sicht entgegensetzt.

Szene aus "Homeland"

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„Homeland“ stellt die Folgen des Krieges aus der Perspektive der Zivilbevölkerung dar

Ein Krieg, nicht gefilmt aus der Perspektive der Soldaten, sondern so, wie ihn die Zivilisten täglich erleben. Dafür ging der in Paris lebende gebürtige Iraker Fahdel 2001 in seine Heimat zurück, um mit Freunden, Bekannten und seiner Familie der damals schon latenten Bedrohung einer bevorstehenden Invasion nachzuspüren. Aus rund 120 Stunden Drehmaterial ist schließlich ein 334 Minuten langer Dokumentarfilm entstanden, den Fahdel erst zehn Jahre nach Beendigung der Dreharbeiten schneiden und fertigstellen konnte.

Vor dem Fall und nach dem Sturz

Der erste Teil, „Before the Fall“, beginnt im Februar 2001 in Bagdad : Man wird Zeuge von Diskussionen zwischen Erwachsenen und Kindern, oft vor dem Fernseher, wo sich die Familie versammelt um Nachrichten zu schauen, die doch nur Propaganda sind. Man bekommt Ahnung von der bevorstehenden Invasion, von dem diffusen Gefühl, das diese Bedrohung in den Menschen auslöst. „Saddam hat uns verraten“, sagt etwa Haidar, Fahdels 12-jähriger Neffe und zentraler Protagonist des Films, „gut, dass wir einen eigenen Brunnen haben“.

Fahdels Kamera ist unaufdringlich, aber direkt. Er spricht mit jedem, der ihm unterkommt: Moderatoren einer Radiostation, Nachbarn, Freunde beim Kegelstoßen, sein Bruder, seine Nichten und immer wieder der einnehmend charmante, witzige, altkluge, liebenswerte Haidar. Fahdel sucht dramaturgisch nach keinem Standpunkt, auch nicht im zweiten Teil des Films, den er „After the Battle“ nennt. Sondern er sammelt emphatische Vignetten, die er zu einem vielstimmigen Mosaik arrangiert.

Bedrohung am Bildrand

Viele Protagonisten kommen in beiden Teilen des Films vor, amerikanische Soldaten erscheinen am Bildrand als potenzielle Bedrohung, ein Waffenhändler gesteht Haidar an seinem Marktstand, dass er sich Hussein zurückwünsche, damit „hier wieder Recht und Ordnung herrscht“. Alles scheint in einem Zustand des Desasters zu stagnieren. „Wir filmten diese Szene in einer Region, die heute vom IS besetzt ist“, erklärt Fahdel gegenüber ORF.at. „Das war damals schon zu spüren. Der Waffenhändler gehört heute wahrscheinlich zum IS oder wurde schon umgebracht.“

Szene aus "Homeland"

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Der 12-jährige Haidar weiß, was vor sich geht

Besonders berührend sind auch jene Szenen, die Fahdel beim Besuch eines völlig zerstörten Filmarchivs dreht. Der irakische Starschauspieler Sami Kaftan begleitet ihn dorthin. Fassungslos steht er einmal inmitten des verkohlten Filmbestands: „Man kann sich an einem Regime rächen. Aber an einer Kultur?“

Alles auf Null

Den Titel für seinen Film bezog Fahdel übrigens nicht von der US-Fernsehserie „Homeland“, auch wenn gerade diese Referenz seinen filmischen Gegenentwurf zu bekannten westlichen Kriegsfilmen noch einmal unterstreichen würde. „Ich lehne mich mit dem Titel an die Trilogie ‚Heimat‘ des deutschen Filmemachers Edgar Reitz an“, sagt Fahdel. „Und der Zusatztitel ist eine Anspielung auf einen meiner Lieblingsfilme von Roberto Rossellini: Deutschland im Jahre Null.“

Filmhinweis

„Homeland: Iraq Year Zero“ läuft bei der Viennale am 28.10. um 12.00 Uhr im Gartenbaukino.

Tatsächlich bietet Fahdels Film einen figurativen filmischen Resetknopf: Selbst ambitionierte und aufrichtige Versuche, den Irakkrieg filmisch zu beschreiben, wie zum Beispiel „My Country, My Country“ von Laura Poitras oder „The Valley of Elah“ von Paul Haggis, müssen angesichts des epischen Naturalismus von Fahdels Dokumentation überschrieben werden. Die westliche Perspektive auf den Nahen Osten konnte sich bisher auch im Kino nicht von politischen, kulturellen und soziopolitischen Strukturmustern freidenken. Fahdels Film ist auch deshalb bedeutend.

Alexandra Zawia, für ORF.at

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