Filmstill aus "I, Daniel Blake"

Viennale

„I, Daniel Blake“: Der Arbeitskampf eines Arbeitslosen

Ken Loach traut sich was: Gut zehn Minuten dauert die Einstiegsszene auf dem Arbeitsamt, in der Titelheld Daniel Blake aufsteht und Partei ergreift für eine unfair behandelte junge Mutter. Zehn quälende, tragikomische Minuten, die zeigen, wie Zivilcourage geht. Das in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnete Sozialdrama, „I, Daniel Blake“, fängt großartig an und geht kompromisslos weiter.

„Der Mensch ist zur Arbeit geboren wie der Vogel zum Fliegen“, hat Martin Luther einmal gesagt. Was aber, wenn ein Mensch nicht mehr arbeiten darf, weil sein Körper es nicht mehr zulässt? Oder nicht arbeiten kann, weil er alleinerziehend ist mit zwei kleinen Kindern – und niemand gibt ihm einen Job? „I, Daniel Blake“ erzählt von zwei solchen Menschen und deren Scheitern am System. Titelheld Daniel Blake, gespielt von Stand-Up-Comedian Dave Johns, ist Tischler, der seit einem Herzanfall von den Ärzten vor körperlicher Anstrengung gewarnt wird. Und Katie (Hayley Squires), die ihre beiden Kinder allein groß zieht, sucht verzweifelt Arbeit als Putzhilfe – und findet bloß eine als Prostituierte.

Subversiver, systemkritischer Humor

Ken Loachs Sozialdrama „I, Daniel Blake“ zeigt auf tief berührende Weise die Begegnung dieser beiden ungleichen Partner, der zu Tode erschöpften, jungen Mutter und dem vom modernen Alltag überforderten Witwer. Wenn die beiden sich zur Solidargemeinschaft zusammentun, darf man Hoffnung schöpfen: Daniel repariert Katies Heizung und bastelt mit dem introvertierten Sohn ein Mobile. Katie kocht Daniel die erste warme Mahlzeit seit Wochen. Doch obwohl letztlich Realist bleibt und sich nicht zum träumen hinreißen lässt, strahlt dieser Film positive Energie ab. Dafür sorgt schon der subversive, systemkritische, dabei jedoch stets mitfühlende Humor von Loachs langjährigem Drehbuchautor, Paul Laverty.

Filmstill aus "I Daniel Blake"

Viennale

Die Securities auf dem Arbeitsamt haben kein Ohr für Katie (Hayley Squires)

„I, Daniel Blake“ ist der dreißigste Kinofilm des mittlerweile achtzigjährigen britischen Regisseurs, der eine Institution im eigenen Lande ist. Loach, der seine stärksten Arbeiten als Kritik an der Politik Margaret Thatchers und deren bis heute andauernden, sozialen Folgewirkungen drehte („My Name is Joe“, 1998, „Bread and Roses“, 2000, oder „The Navigators“, 2001), hatte 2014 bereits seinen Rückzug aus dem Filmgeschäft angekündigt. Doch 2015 kamen mit David Cameron die Konservativen erneut an die Macht - und Loach begann wieder zu drehen.

Ein alter Tischler wird zum Sprayer

Dieser Film wirkt allerdings keineswegs wie das Alterswerk eines Erschöpften. Im Gegenteil: „I, Daniel Blake“ ist purer Sturm und Drang. Drehbuch und Darstellung sind kompromisslos - und rühren in der Pressevorführung den halben Saal zu Tränen. In einer der schönsten Szenen des Films nimmt der bereits kahlköpfige Daniel Blake eine Spraydose in die Hand und sprüht seine Agenda an die Wand des Arbeitsamtes: „Ich, Daniel Blake, verlange ...“.

Er verlangt die Behandlung, die ihm zusteht, nämlich die als Mensch. Er wehrt sich gegen die Demütigung durch einen Staat, der in ihm, dem Arbeitsunfähigen, nur einen Sozialschmarotzer sieht, den man durch sinnlose Kurse und Behördenhindernisse gängeln muss. Passanten applaudieren, solidarisieren sich, bis Blake von der Polizei abgeführt wird: die Schlüsselszene dieses Films.

Filmstill aus "I Daniel Blake"

Viennale

Katie, Daniel, Daisy und Dylan: Gegenseitig macht man sich Mut.

Ihr voraus geht die Darstellung des täglichen Überlebenskampfes in der harschen Wirklichkeit der ehemaligen Industrie- und Kohlestadt Newcastle im Nordosten Englands. Newcastle, das ist jene Gegend, in die man gerne Menschen abschiebt, die im Großraum London versagen, dort, wo die Mieten gigantisch sind. In Newcastle, jener Stadt, deren Lebenserwartung generell unter dem britischen Durchschnitt liegt und die berühmt ist für ihre vielen Teenager-Schwangerschaften, gibt es Wohnraum genug, dafür aber keine Arbeit.

Weinen über die Verhältnisse

Und auch diesmal porträtiert Loach mit seinen Protagonisten deren Lebensraum. Die Dialoge in „I, Daniel Blake“ sind im örtlichen Arbeiterklassendialekt, dem so genannten Geordie gehalten. „No more“ klingt darin wie „nie mire“. So ungewohnt klingt diese Aussprache, dass Loachs Film selbst im Entstehungsland, wo er gerade startete, untertitelt werden muss.

Filmhinweis

„I, Daniel Blake“ läuft auf der Viennale am 28.10. um 18.30 Uhr und am 1.11. um 12.30 Uhr im Gartenbaukino. Am 25.11. startet er im österreichischen Kino.

Doch jedes Detail ist wichtig, denn im Spezifischen spiegelt sich das System. Fast dokumentarisch wirkt eine Szene im Volkshilfe-Laden von Newcastle, in dem ehrenamtliche Mitarbeiterinnen Suppe ausschenken und abgelaufene Waren aus Supermärkten an Bedürftige verteilen. Hier geschieht das Unfassbare: Die völlig ausgehungerte Katie reißt eine Dose mit Ravioli auf und stürzt sie wie ein gieriges Tier hinunter. Starr vor Schock stehen daneben die Kinder. Diese plötzliche, totale Verzweiflung eines Menschen, den das Leben überfordert, gibt es nicht nur in Newcastle. Wer in diesem Film weint, weint nicht über den Einzelfall, er weint über die Verhältnisse. Genau darin liegt die Kunst von Ken Loach.

Maya McKechneay, für ORF.at

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