Szene aus "Aquarius"

Viennale

„Aquarius“: Eine Frau sieht Blau

In „Aquarius“ weigert sich eine ehemalige Musikkritikerin, ihre Wohnung mit Meerblick zu räumen, als das Gebäude abgerissen werden soll. Der brasilianische Regisseur Kleber Mendonca Filho entwirft damit nicht nur das packende Porträt einer faszinierenden Frau, sondern thematisiert auch gesellschaftspolitische Probleme seines Landes, wie er im Interview mit ORF.at erklärte.

Mit „Neighboring Sounds“ hatte sich der damals 44-jährige Mendonca Filho 2012 als neue markante Stimme im brasilianischen Kino hervorgetan. Jemand, der die Gesamtheit der brasilianischen Gesellschaft im Mikrokosmos einer Wohnstraße im Küstenort Recife einzufangen imstande war. „Neighboring Sounds“ war die bemerkenswert choreographierte Analyse einer von Angst und Nepotismus getriebenen Nation. Nun ist „Aquarius“, der zweite Film des ehemaligen Filmkritikers Mendonca Filho, ebenso brisant und klarsichtig geraten.

Unbeugsame Hausbesetzerin

„Aquarius“ ist die Geschichte von Clara (Sonia Braga) und dem Apartment, in dem sie in Recife im Bundesstaat Pernambuco wohnt. Es ist in einem Gebäudekomplex untergebracht, der „Aquarius“ heißt, weil er direkt am Strand liegt. Eine Immobilienfirma will an der Stelle ein neues Hochhaus aufziehen, denn die Stadtplanung sieht vor, den Küstenstreifen „aufzuwerten“, sprich: teurer zu gestalten, um dort höhere Mieten verlangen zu können. Anders als ihre Nachbarn weigert Clara sich als einzige, ihre Wohnung zu verkaufen und das Gebäude zu räumen. Die Immobilienmagnaten versuchen deshalb, sie mit legalen und illegalen Mitteln zu vertreiben.

Szene aus "Aquarius"

Viennale

Clara (Sonia Braga) will ihre Wohnung um keinen Preis hergeben

Nun ist Clara aber keine alte, verrückte Dame mit ein paar Schrauben locker, sondern eine ehemalige, angesehene Musikkritikerin, eine gebildete Frau Mitte 60, die drei erwachsene Kinder hat und Brustkrebs überlebte. Sie folgt ihrem ausgeprägten Sinn für soziale Gerechtigkeit und verfügt über ein gutes Netz an Freunden. Und sie ist eine Frau, die Brasilien gut genug kennt, um die politischen Mechanismen zu durchschauen. Ihr Widerstand gegen die Räumung ist also vor allem auch ein Einstehen für den Wert der Erinnerung.

Verdrängung ist nationales Trauma

„In Brasilien wird die Vergangenheit andauernd verdrängt“, sagt Mendonca Filho. Das Haus Aquarius gibt es übrigens wirklich. „Es ist 60 Jahre alt und hätte tatsächlich schon abgerissen werden sollen. Ich wollte einen Film auch darüber machen, dass ein Menschenleben ganz konkret mit den physischen Orten zusammenhängt, an denen man lebt und dass sowohl Menschen als auch Gebäude dadurch reicher werden, dass einfach Zeit vergeht.“

Szene aus "Aquarius"

Viennale

Eine Frau, die ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen will

Doch nicht nur ihre Vergangenheit und ihre Gegenwart formen Clara als Figur, die in eine selbstbestimmte Zukunft gehen will, sondern auch die Musik. „Die physische Komponente der Musik sollte die Figur unterstützen“, so Mendonca Filho. Dafür nutzt er unter anderem großartig gefilmte Rückblenden in Claras Jugend in den 1980ern, die er mit charakteristischer Musik unterlegt. „In der Eröffnungsszene spielt Clara im Auto Queen, denn was eignet sich besser, um die neue Soundanlage eines Autos zu testen? Außerdem hatte Clara diese Platte gerade zur Rezension erhalten. Und die John-Lennon-LP, die sie in einer anderen Szene aus dem Regal nimmt, habe ich selbst einmal auf der Straße gefunden. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich höre MP3s. Aber was man angreifen kann, spürt man anders.“

Kleber Mendonca Filho

ORF.at/Sonia Neufeld

Kleber Mendonca Filho beim Viennale-Publikumsgespräch

Mit der Politik ins Bett

Die in Brasilien weithin gefeierte Sonia Braga spielt Clara eindrucksvoll intensiv. Als Darstellerin mit immens intuitiver Kraft ist Braga der dynamische Motor dieses Films. Doch so sehr „Aquarius“ das Porträt einer faszinierenden Hauptfigur ist, so ist der Film auch ein informierter Kommentar zu den soziopolitischen Probleme des Landes, das nach wie vor von Korruption und Nepotismus gelenkt ist sowie von Rassenspannungen, Klassendifferenzen und der damit einhergehenden Gentrifizierung.

„Ich thematisiere Dinge gerne ohne sie direkt anzusprechen“, sagt Mendonca Filho. „Ich denke dabei immer an zwei Leute, die sich in einer Bar unterhalten und miteinander ins Bett wollen. Sie reden zu keinem Zeitpunkt darüber, aber es ist klar, dass sie es tun werden. Das spiegelt mein Konstrukt eines politischen Films.“

Filmhinweis

„Aquarius“ läuft auf der Viennale noch am 02. 11. um 15.30 Uhr im Gartenbaukino.

Gerade der Bundesstaat Pernambuco habe „eine ganz spezielle politische und kulturelle Struktur“, so Mendonca Filho. „Es gibt dort eine seltsame aristokratische Linke. Das ist für Brasilien sehr ungewöhnlich, denn die Oberschicht in Brasilien ist weit rechts. Aber dort ist es gegenteilig, oft waren das früher sogar Kommunisten. Clara ist so eine Figur. Heute ist diese Linke oft Bourgeoisie. Wie fast überall auf der Welt gibt es auch in Brasilien in Wahrheit keine wirkliche Linke mehr. Und trotzdem teilt sich das Land heutzutage klar in Links oder Rechts, es ist geradezu lächerlich, aber dramatisch. Das geht so weit, dass man nur sagen muss, man mag kein iPhone sondern lieber Android, und schon ist man Kommunist.“

Alexandra Zawia, für ORF.at

Links: