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Der Trump-Faktor

Kaum eine Woche vergeht ohne Protestbewegungen von Angestellten im Silicon Valley. Grund ist die Unzufriedenheit im Umgang mit Produkten, die die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mitentwickelt haben. Die Entwicklungen würden laut Angestellten für politische Zwecke wie etwa die Familientrennung unter der Trump-Administration und Überwachungssysteme der US-Polizei genützt werden.

Für die jüngste Angestelltenrevolte im Silicon Valley sorgte die Google-Belegschaft, die einen Protestbrief an die Chefetage verfasste. Darin kritisierten die Angestellten die mögliche Rückkehr des Suchmaschinengiganten auf den chinesischen Markt. Die Pläne werfen „dringende moralische und ethische Fragen auf“, zitierte das US-Portal The Intercept gestern den Brief. Laut Google-Chef Sundar Pichai ist jedoch unklar, ob der US-Konzern überhaupt in China tätig werden könne.

Schriftzug auf dem Google-Hauptquartier

picturedesk.com/dpa/Christoph Dembach

Hunderte Angestellte des Suchmaschinengiganten äußerten Bedenken zu China-Plänen des Konzerns

Politisierung des Silicon Valley

Bis vor Kurzem waren öffentliche Proteste wie jener noch ungewöhnlich. „Historisch gesehen gingen Tech-Angestellte in die Arbeit, erledigten ihre Aufgaben und sprachen nicht viel über Politik“, schrieb das Magazin „The Atlantic“. Für lange Zeit war die Industrie alles andere als eine „Brutstätte des Aktivismus“. Doch als Donald Trump die US-Präsidentschaftswahl gewonnen hatte, kam es laut „Atlantic“ zu einer Politisierung der internationalen Belegschaft.

Denn dem Tech-Sektor, der sich zu 60 Prozent aus Fachkräften aus dem Ausland zusammensetzt, sind die ausländerfeindlichen Agenden Trumps ein Dorn im Auge. In den Unternehmen begann man sich nach der Wahl laut der Website Slate zu fragen, ob die entwickelten Produkte die Welt zu einem besseren Ort machen könnten.

Auch das Technologiemagazin „Wired“ zeigte sich überrascht von den jüngsten Protesten: „Das Silicon Valley hat eine lange und geheime Geschichte des Bauens von Hardware und Software zu militärischen und exekutiven Zwecken. Im Gegensatz dazu war die jüngste Welle von Protesten der Mitarbeiter gegen einige der Regierungsverträge kurz, schnell und überraschend öffentlich.“

Rückzug aus US-Militärprojekt

Erstmals wurde Unmut über die Grenzen des Silicon Valley hinaus laut, als Google-Angestellte den Konzern in einer seit Februar intern verbreiteten Petition aufriefen, sich vom „Geschäft mit dem Krieg“ fernzuhalten. Das Unternehmen war zuvor in ein Projekt mit dem US-Militär involviert. Darin sollte künstliche Intelligenz dazu genutzt werden, die Präzision von Drohnenangriffen zu verbessern. Nachdem laut Berichten etwa 4.000 Angestellte die Petition unterzeichneten, zog sich Google aus dem Projekt zurück.

Doch Google ist nicht der einzige Tech-Gigant, dessen größte Kritikerinnen und Kritiker aus den eigenen Reihen stammen. Inmitten der heftigen Zuwanderungsdebatte in den USA im Juni schrieben 100 Microsoft-Angestellte einen offenen Brief an den Softwarehersteller. Auch darin wird das Ende der Zusammenarbeit mit der US-Grenzwache gefordert.

„Wollen keine Mittäter werden“

Im Brief, der intern gepostet und mittlerweile von der „New York Times“ veröffentlicht wurde, hieß es, die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen würden sich „verweigern, sich zu Mittätern zu machen“. Die mächtige Technologie solle nur für Gutes genutzt werden und nicht, um zu schaden, so der Tenor weiter. Microsoft betonte, seine Technologie werde „nicht für Projekte verwendet, die zur Trennung von Kindern von ihren Familien an der Grenze“ eingesetzt wird.

Ähnliche Petitionen wurden kurz darauf von Amazon- und Salesforce-Angestellten initiiert. 400 Amazon-Arbeiterinnen und -Arbeiter forderten ebenso im Juni, den Verkauf von Gesichtserkennungsdiensten an die Exekutive einzustellen.

„Arbeite mit uns, um die Welt zu verändern“

Dass sich Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen den finanziellen Interessen der Firma zum Trotz auflehnen, sei ungewöhnlich, aber es komme vor, sagte Forrest Briscoe, Professor an der Penn State Business School, gegenüber „Wired“. Er erinnerte auch an die Mühen von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen der Autohersteller Dupont und General Motors. Diese hatten die Firmenposition zum Thema Klimawandel maßgeblich beeinflusst.

Zudem lockt man im Silicon Valley bekanntermaßen mit dem Weltverbesserungsgedanken Fachkräfte an. Umstrittene Regierungsdeals und Menschenrechtsverletzungen passen da nicht ins Bild. „Menschen, die Technologiehelden werden wollten, wollen nicht in Zusammenhang mit Menschenrechtsverletzungen gebracht werden“, wurde ein hochrangiger Google-Mitarbeiter in „Wired“ zitiert.

Fachleute haben wenig zu verlieren

Anders als in anderen Industrien können sich Fachleute der Technologieindustrie solche Revolten schlichtweg finanziell leisten. Denn gut ausgebildete Programmiererinnen und Programmierer sowie Softwareentwicklerinnen und -entwickler sind schwerer zu ersetzen.

„Tech-Firmen betonen ihre Diversität und Toleranz, weil sich das ihre Angestellten wünschen“, sagte Brayden King, Professor an der Northwestern University, im „Atlantic“. Wenn Tech-Angestellte nicht das Gefühl hätten, dass die Firma ihren Idealen gerecht wird, dann könnten sie problemlos zu einer anderen Firma wechseln, mit deren Werten sie im Einklang stehen, so King.

Die Protestwellen haben auch deshalb Aufmerksamkeit auf sich gezogen, da Angestellte im Technologiebereich aufgrund von hoher Fluktuation nur zu 1,7 Prozent Gewerkschaftsmitglieder sind. In den USA sind nach Zahlen des Arbeitsministeriums rund elf Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gewerkschaftlich organisiert. Mittlerweile hat man mit der Gründung von Organisationen wie Silicon Valley Rising und der Tech Workers Coalition auf das Interesse an Organisation in der Branche reagiert.

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