Themenüberblick

Letzter Vermisster geborgen

Der Einsturz der Morandi-Brücke in Genua hat sowohl bei Angehörigen, Bewohnerinnen und Bewohnern als auch der Stadt selbst tiefe Spuren hinterlassen. Der Betreiber der Autobahnbrücke, die Autostrade per l’Italia, geriet nach dem verheerenden Unglück schwer unter Beschuss. Am Samstag sagte Autostrade 500 Millionen Euro für den Wiederaufbau der Autobahnbrücke sowie für Hilfszahlungen an die Stadt Genua zu.

Bei dem Brückeneinsturz waren am Dienstag Dutzende Menschen ums Leben gekommen, hunderte Anwohner mussten ihre Häuser verlassen. Am Samstag stieg die Zahl der Todesopfer auf 43. Ein schwer verletzter Mann erlag im Krankenhaus seinen schweren Verletzungen, berichtete die Nachrichtenagentur ANSA am Samstag.

Gelder ab Montag bereit

Drei kürzlich gefundene Leichen müssen noch durch forensische Untersuchungen identifiziert werden. ANSA hatte berichtet, es handle sich um ein neunjähriges Mädchen und seine Eltern. Die drei seien am Dienstag mit dem Auto auf der Morandi-Brücke unterwegs gewesen, als die Straße unter ihnen nachgab. Am Samstag bargen die Rettungskräfte zudem Medienberichten zufolge die Leiche des letzten Vermissten.

Trauerfeier in Genua

Reuters/Stefano Rellandini

Trauerfeier in Genua: Nicht alle Familien kamen

Italiens Regierung machte die Betreiberfirma für den Brückeneinsturz verantwortlich und leitete den Entzug der Konzession ein. Am Samstag sagte Autostrade 500 Millionen Euro für den Wiederaufbau der Autobahnbrücke sowie für Hilfszahlungen an die Stadt Genua zu. Beim Überschlagen der Folgekosten des Unglücks „kommt man schnell auf eine halbe Milliarde Euro“, sagte Unternehmenschef Giovanni Castellucci bei einer Pressekonferenz. Diese Gelder stünden ab Montag bereit. Seine Gesellschaft könne eine neue Brücke in acht Monaten bauen, sobald die nötigen Genehmigungen vorlägen, sagte Castellucci weiter. Mit der Morandi-Brücke verlor Genua auch eine wichtige Verbindung zwischen dem Ost- und dem Westteil der Stadt. Außerdem gehörte sie zur A10 und damit zu einer der wichtigsten Nord-Süd-Verbindungen Italiens.

Bereits 43 Tote nach Brückeneinsturz

In Genua haben sich am Samstag Tausende bei einem Trauergottesdienst von den Opfern des Einsturzes der Morandi-Brücke verabschiedet.

Die Verantwortung wies Autostrade zurück. „Wir denken nicht, dass die Voraussetzungen vorliegen, Verantwortung für ein Ereignis zu übernehmen, dessen Ursache zunächst noch ermittelt werden muss“, sagte Castellucci. Er entschuldigte sich aber zugleich, nicht genügend Mitgefühl für die Opfer gezeigt zu haben. Er versprach den Opferfamilien und den Menschen zu helfen, die infolge des Unglücks ihre Häuser verlassen mussten.

Ärger über „Parade der Politiker“

Für die Angehörigen dürfte das nur ein schwacher Trost sein. Ihrem Ärger über die Nachlässigkeit der Regierung verliehen einige Familien der Todesopfer am Samstag Ausdruck, indem sie die offizielle Trauerfeier in Genua boykottierten. Während zahlreiche ranghohe Vertreter und Vertreterinnen des Staates an der Trauerfeier teilnahmen, kamen etliche Angehörige nicht. „Mein Sohn wird keine Nummer auf der Liste der Toten, die durch die italienischen Versäumnisse provoziert werden“, erklärte der Vater eines Opfers.

„Der Staat ist schuld. Die sollen bloß wegbleiben“, sagte eine Mutter eines Opfers gegenüber der Zeitung „La Stampa“. Die „Parade der Politiker“ am Unglücksort sei „beschämend“.

Applaus für Politiker und Fußballer

Bei der Trauerfeier der anderen Familien wurden die anwesenden Regierungspolitiker und Fußballer mit großem Applaus begrüßt. Die Spieler der beiden örtlichen Serie-A-Teams, CFC Genua und Sampdoria, konnten an den Feierlichkeiten am Samstagvormittag teilnehmen, weil die italienische Fußballliga ihre für das Wochenende geplanten Spiele nach dem Unglück verschoben hatte.

Besonders herzlich wurden auch Innenminister Matteo Salvini von der rechten Lega, der Chef der Fünf-Sterne-Bewegung und Minister für Wirtschaftliche Entwicklung, Luigi Di Maio, sowie Präsident Sergio Mattarella begrüßt. Vor Beginn der Zeremonie hatte Mattarella mehrere Minuten mit den Angehörigen der Opfer gesprochen.

Papst Franziskus sprach Mitgefühl aus

„Der Einsturz der Morandi-Brücke hat Genua mitten ins Herz getroffen. Der Schmerz sitzt tief“, sagte Genuas Erzbischof Angelo Bagnasco in seiner Predigt. Auch Papst Franziskus habe sein Mitgefühl ausgesprochen. „Wir wissen, dass jegliches menschliche Wort, egal wie ernst gemeint, wenig ausrichten kann.“

Trauerfeier für die Toten des Brückeneinsturzes in Genua

AP/Gregorio Borgia

18 Särge von Unglücksopfern standen in der zur Aufbahrungshalle umfunktionierten Messehalle in Genua

In der Halle standen 18 Särge aufgebahrt, darunter ein kleiner weißer mit der Leiche des jüngsten Opfers, des achtjährigen Samuele. Er war mit seinen Eltern unterwegs zur Fähre Richtung Sardinien, wo die Familie Ferien machen wollte, als die Brücke einstürzte.

Lichter von Kolosseum gehen aus

Auch in anderen Städten des Landes wurde getrauert: Auf allen Flughäfen gab es um 11.30 Uhr eine Schweigeminute. In der Hauptstadt Rom sollten am Abend beim Kolosseum ebenso wie beim Trevibrunnen und dem Rathaus auf dem Kapitol die Lichter ausgehen. Die EU-Kommission ließ als Zeichen der Solidarität mit Italien vor ihren Gebäuden halbmast flaggen. Auch im Fürstentum Monaco wurden die Flaggen auf halbmast gesetzt. Dessen Herrscherfamilie Grimaldi hat ihre Wurzeln in Genua.

Links: